Die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie – oder «Behavioral Finance» – ist ein Forschungsgebiet, das rationale Verhaltensmodelle aus der Wirtschafts- und Finanzwelt mit Modellen aus der Psychologie verbindet. Einer ihrer wichtigsten Beiträge ist es, Verhaltenstendenzen zu identifizieren und zu analysieren, wie eine gegebene Tendenz rationale Entscheidungen verbessern oder aber beeinträchtigen kann.

Christophe Collet ist Deputy Head of Switzerland & Liechtenstein bei Vanguard Investments Switzerland GmbH.

Mittlerweile hat die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie wahrscheinlich mehr als 100 solcher Verhaltenstendenzen identifiziert. Folgende erscheinen besonders wichtig:

  1. Fokus auf die Gegenwart oder Ungeduld: Viele Menschen neigen dazu, sich auf die Gegenwart anstatt auf die Zukunft zu konzentrieren. So sparen wir beispielsweise nicht genug für unser Alter.
  2. Tendenz zum Status quo oder Trägheit: Viele von uns entscheiden sich bei schwierigen Entscheidungen für den Weg des geringsten Widerstands und tun nichts. Deshalb sind Standardstrategien wie die automatische Aufnahme in einen Unternehmenssparplan so wirksam, um Verhalten zu ändern.
  3. Einfluss der Formulierung: Die Art und Weise, in der eine Frage gestellt wird, also etwa als positive oder negative Frage, kann vollkommen unterschiedliche Antworten zur Folge haben.
  4. Verlustaversion: Bei einer bestimmten Höhe eines Gewinns oder Verlusts spüren die Betroffenen den Verlust mehr als doppelt so stark wie den Gewinn. Dies gilt umso mehr bei einem Marktrückgang, wie wir ihn derzeit erleben.
  5. Übermässiges Selbstvertrauen: Die meisten Menschen glauben, sie sind besser als der Durchschnitt und überschätzen ihre Fähigkeiten.

Diese Verhaltenstendenzen betreffen alle Persönlichkeitstypen ungeachtet ihrer Fähigkeiten. Ob sie durch finanzielle Bildung korrigiert werden können, bleibt abzuwarten. Vorläufige Studien deuten jedoch darauf hin, dass dies möglich ist.

Verbesserung der Ergebnisse

Die verhaltensorientierte Finanzmarkttheorie geht nicht von einem irrationalen oder rationalen Verhalten aus. Sie kann Vermögensverwaltern helfen, die Ergebnisse zu verbessern. Letztere werden nicht nur durch den Aufbau eines diversifizierten Portfolios kostengünstiger Vermögenswerte beeinflusst, sondern auch durch die Fähigkeit umsichtige Entscheidungen im Hinblick auf den Sparbetrag, die Vermögensallokation sowie den richtigen Zeitpunkt für Anlagen oder Veräusserungen zu treffen.

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Eine solide Entscheidungsfindung ist also der Schlüssel zur Steigerung der Performance, nicht nur die Tatsache, dass Sie über hochwertige, kostengünstige Anlageinstrumente verfügen.In einer Krise, wie sie derzeit herrscht, sind die am stärksten ausgeprägten und gefährlichsten Verhaltenstendenzen zweifellos die Verlustaversion und übermässiges Selbstvertrauen.

Die meisten Menschen treffen ihre Entscheidungen auf der Grundlage unvollkommener Informationen. Ausschlaggebend ist dabei aber die Frage, ob sie es impulsiv oder mit Bedacht tun. Wenn Sie wissen, dass ein heftiger Marktrückgang Menschen zu impulsivem Handeln veranlasst, müssen Sie Verhaltensregeln aufstellen, um dem entgegenzuwirken.

Eine offene Frage

Es gibt solide wissenschaftliche Beweise dafür, dass das charakteristische Verhalten einer Altersgruppe im Laufe der Zeit tendenziell fortbesteht. So unterschieden sich Menschen, welche die Grosse Depression miterlebt hatten, in ihrem Umgang mit Finanzen deutlich von den Babyboomern.

Ob sich bestimmte Verhaltenstendenzen im Verlauf der Zeit ändern, wurde jedoch noch nicht untersucht. So erlebten die Märkte in den letzten zwanzig Jahren beispielsweise drei erhebliche Schocks. Die Antwort auf die Frage, ob die Resistenz der Anleger gegenüber Verlusten zugenommen und ihre Abneigung dagegen abgenommen hat oder nicht, steht also noch aus.

Weniger Bauch, mehr Kopf

Ein Bewusstsein für Ihre eigenen Verhaltenstendenzen zu haben, ist ein guter Ausgangspunkt, wenn auch in der Praxis nicht immer einfach. Zur Überwindung dieser Tendenzen kann es hilfreich sein, wenn Sie Ihre Ziele fest im Auge behalten: Warum investieren Sie? Warum verfolgen Sie einen bestimmten Anlageprozess, wie eine systematische Regeln bei der Neuausrichtung Ihres Portfolios?

Obwohl Sensibilisierung und Selbstaufklärung über die verschiedenen Verhaltenstendenzen helfen können, hat eine renommierte Studie zum Sparverhalten für die Altersvorsorge gezeigt, dass Sparer zwar wissen, dass sie für den Ruhestand sparen müssen, sich aber trotzdem nicht dazu zwingen können.

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Am vielversprechendsten – ob für die Altersvorsorge oder körperliche Betätigung – scheint hier ein Vorgehen, mit dem Schritt für Schritt eine Verhaltensänderung herbeigeführt wird. Ein Beispiel: Statt sich das Ziel zu setzen, 10 Prozent Ihres Einkommens zu sparen, versuchen Sie lieber, jedes Jahr 1 Prozent oder 2 Prozent mehr zu sparen. 

Zwingen Sie sich gleichermassen nicht dazu, einen Spaziergang von zwei Stunden zu machen, sondern beginnen Sie mit 15 Minuten pro Tag und verlängern Sie ihn allmählich.

Halten Sie es wie die Schildkröte in der Fabel von Äsop, die den Hasen im Rennen trotz oder dank ihres langsamen, regelmässigen Tempos besiegt.