Die Skandale um den Greensill-Fonds und den Hedge-Funds Archegos haben der Credit Suisse an der Börse zugesetzt: Die Aktie ist heute weniger als zehn Franken wert. Bietet sich hier eine Einstiegschance für mutige Investorinnen?
Zieht man die kolportierten Verluste der CS aus den beiden Fällen heran, gab es keine Übertreibung nach unten, kein «Unterschiessen« des Kurses, der die Aktie zum Schnäppchen macht.

Und es bleiben einige Unwägbarkeiten: Kommt es zu Klagen gegen die Bank? Gibt es erhöhte regulatorische Anforderungen? Wird die Dividende gekürzt? Kommt es gar zu einer Kapitalerhöhung?

Der CS-Kurs ist tief und wer einen langen Zeithorizont hat und diese Unsicherheiten aushalten kann, kann einen Einstieg wagen. So richtig aufdrängen tut sich ein Kauf derzeit aber noch nicht.

Thomas Heller

Thomas Heller ist CIO und Leiter Research bei der Schwyzer Kantonalbank (SZKB).

Quelle: ZVG
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Ein ausgewogenes Portfolio sollte nicht nur aus Aktien bestehen. Rohstoffe, Immobilien, festverzinsliche Titel oder sogar Kryptowährungen bieten sich als Ergänzung an. Welche Anlageklassen empfehlen Sie Anlegerinnen und Anleger – und in welchem Umfang?Diversifikation zwischen und innerhalb von Anlageklassen ist einer der wichtigsten Faktoren beim Anlegen überhaupt. Auf die Frage «welche Anlageklassen?» würde ich also etwas plakativ sagen «alle».

Eine Einschränkung – wenn Sie es schon ansprechen – würde ich allerdings machen. Kryptowährungen sehe ich nicht als geeigneten Portfoliobaustein. Sie werfen keine Erträge ab, man kann sie nicht bewerten und sie sind äusserst volatil. Ich weiss, gerade angesichts der jüngsten Rekordhöchststände beim Bitcoin habe ich mit meiner Argumentation einen schweren Stand, aber ich bleibe dabei.

Ansonsten ist Diversifikation oberstes Gebot. In welchem Umfang man die einzelnen Anlageklassen gewichten soll lässt sich nicht pauschal beantworten. Das hängt von der individuellen Risikofähigkeit und -bereitschaft ab.

«Kryptowährungen sehe ich nicht als geeigneten Portfoliobaustein. Sie werfen keine Erträge ab, man kann sie nicht bewerten und sie sind äusserst volatil.»

Viele Anlegerinnen und Anleger investieren nur passiv an der Börse über ETFs. Sehen Sie derzeit Gründe, die für eine aktive Anlagestrategie sprechen?
Aktiv und passiv schliessen sich nicht aus. In unseren Portfolios kombinieren wir beide Ansätze. Die Vermögensaufteilung zwischen den verschiedenen Anlageklassen gestalten wir aktiv, das heisst, wir weichen bewusst von der langfristigen Ausrichtung eines Portfolios ab, um unsere Markteinschätzung abzubilden.

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Das Basisinvestment in einen Markt bilden wir dann oft passiv mit einem ETF ab und ergänzen das Portfolio mit aktiven Elementen. Konkret mit der Selektion von Einzeltiteln in Märkten, in denen wir die Expertise dazu haben, und mit der Auswahl von aktiv verwalteten Fonds, wenn wir glauben, dass ein aktiver Manager in seiner Anlageklasse einen Mehrwert liefern kann.

Der bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini sieht den Crash des Hedge-Funds Archegos als Vorbote für weitere Pleiten an der Wall Street. Aus seiner Sicht gehen derzeit viele Investoren zu hohe Risiken ein angesichts der steigenden Zinsen in den USA. Können Sie seine Warnung nachvollziehen?
Man kann davon ausgehen, dass viele Anleger angesichts der tiefen oder gar negativen Zinsen die Risiken in ihren Portfolios in den letzten Jahren erhöht haben. Und diese tiefen Zinsen haben die Kurse vieler Anlagen mit in die Höhe getrieben.

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Da der jüngste Zinsanstieg vor einem positiven Hintergrund erfolgte (bessere Konjunkturaussichten) sehe ich in den höheren Zinsen (die ja trotz allem immer noch sehr tief sind) derzeit noch kein grösseres Problem.

Aber von rasch und markant steigenden Zinsen – etwa wegen einer unerwartet hohen Inflation – ginge tatsächlich eine Gefahr aus. Ich kann die Warnung bezüglich der Zinsrisiken somit nachvollziehen, ob der Archegos-Fall dafür ein Vorbote ist, weiss ich nicht.

«Die negativen Aspekte im Zusammenhang mit Corona (..) blenden die Märkte derzeit mehr oder weniger aus.»

Wechseln wir zum allgemeine Börsengeschehen: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Derzeit bewegen im Zusammenhang mit Corona vor allem die «positiven Entwicklungen» die Märkte. Das Narrativ geht etwa so: Es wird geimpft, die Eindämmungsmassnahmen können über kurz oder lang aufgehoben werden, die Konjunktur wird hierzulande Fahrt aufnehmen, in den USA und in China läuft sie bereits gut bis sehr gut, die Inflationserwartungen steigen, Geld- und Fiskalpolitik bleiben unterstützend tätig.

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Damit lassen sich die höheren Zinsen und die guten Aktienmärkte erklären. Die negativen Aspekte im Zusammenhang mit Corona – steigende Ansteckungszahlen, Verzögerungen bei den Impfkampagnen und zum Teil Verschärfungen der Lockdowns in Europa, Virusmutationen, Probleme mit einzelnen Impfstoffen, … – blenden die Märkte derzeit mehr oder weniger aus.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Wie vorhin angetönt, sind die Märkte etwas einseitig positiv positioniert, die Stimmung ist sehr gut. Ich sehe jetzt keine unmittelbare Gefahr, dass die Lage kippt, aber mit grossen Kurssprüngen rechne ich kurzfristig nicht. Und auf diesen Kurs- und Bewertungsniveaus sind die Märkte anfällig auf negative Überraschungen. Das gilt auch für den Schweizer Aktienmarkt.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?

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Ich rechne wie gerade angedeutet vorerst mit einer Seitwärtstendenz, allenfalls kommt es auch mal noch zu einem vorübergehenden Rücksetzer. Dann, mit der Rückkehr zu einem halbwegs normalen Umfeld und der anhaltenden Unterstützung von Geld- und Fiskalpolitik, dürften die Märkte wieder anziehen. Das könnte den SMI innert Jahresfrist in die Gegend jenseits von 11'500 Punkten führen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.