Stillstand! Der Ausgang der Zwischenwahlen zum amerikanischen Kongress war knapp genug, dass jede Partei für sich daraus etwas Positives ziehen konnte. Die grössten Gewinner sind jedoch die Anlegerinnen und Anleger. Die Wahl läutet den gesetzgeberischen Stillstand ein, den die Aktien in den Vereinigten Staaten, der Schweiz und der ganzen Welt so lieben – und damit historisch die profitabelste Zeitspanne für Aktien beidseits des Atlantiks. Vielleicht läuft sie schon. 

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Im August beschrieb ich Amerikas «Midterm Miracle» als regelmässig wiederkehrenden Antrieb für den Aktienmarkt. Seit Ende September sind die Aktien insgesamt gestiegen. Dieses Mal sorgte das unerwartet gute Abschneiden der Demokraten von Präsident Joe Biden für Schlagzeilen. Verstehen Sie das nicht falsch: Der Stillstand hat sich immer noch durchgesetzt und das Gespenst grosser Gesetze vertrieben, die die Märkte verschrecken könnten. 

Der 50-zu-50-Gleichstand im Senat, der durch die Vizepräsidentin Kamala Harris aufgehoben wird, erhöht sich ab Januar auf 51 zu 49. Im Repräsentantenhaus gingen lediglich 9 Sitze verloren – weniger als bei einem Präsidenten mit derart geringen Zustimmungsquoten üblich. Trotzdem konnten die Republikaner das Repräsentantenhaus mit 222 zu 213 Sitzen einnehmen. Das heisst, dass seine Führung bestimmt, welche Gesetzesentwürfe aus den Ausschüssen zur Abstimmung gelangen und welche nicht – und zwar zu 100 Prozent. Es wird also nichts ohne eine Einigung zwischen dem demokratischen Senat und dem republikanischen Repräsentantenhaus passieren. Demnach wird auch nichts Kontroverses passieren. 

Politische Unsicherheit geht zurück

Der Angst vor grossen Gesetzesvorhaben geht nun Woche um Woche mehr die Luft aus! Natürlich behinderten auch der geringe Vorsprung und die innerparteilichen Streitereien die gesetzgeberische Agenda Bidens und verwässerten sogar die riesigen Ausgabengesetze, die in seinen ersten beiden Amtsjahren verabschiedet wurden. Aber mit dem Januar ist das alles vorbei. Damit geht die politische Unsicherheit zurück.

Über den Autor

Ken Fisher ist ein US-amerikanischer Autor und Investmentanalyst sowie Gründer und Vorsitzender von Fisher Investments, einer Vermögensverwaltungsfirma mit Niederlassungen in sechs Ländern, die rund 188 Milliarden Dollar verwaltet. Fisher zählt zu den einflussreichsten (und auch reichsten) Investment-Managern der USA.

Seit dem Beginn der guten Daten im Jahr 1925 entwickelte sich der amerikanische S&P 500 in nur 60 Prozent des ersten und zweiten Amtsjahres eines Präsidenten positiv – durch die höheren gesetzgeberischen Risiken. In diesen ersten beiden Jahren werden alle grossen, kontroversen Gesetze in den USA verabschiedet. Grosse Veränderungen sorgen stets für grosse Gewinner und Verlierer. Der Frust der Menschen über Verluste ist weitaus grösser als die Freude über Gewinne. Steigende Sorgen wegen politischer Unsicherheit dämpfen die Erträge. Studien zeigen, dass die Frustration von Amerikanerinnen und Amerikanern bei Verlusten etwa zweieinhalbmal grösser ist als die Freude bei Gewinnen. Meine Untersuchungen mit Meir Statman vor Jahrzehnten ergaben, dass die Europäer noch risikoscheuer sind. 

Nach den Zwischenwahlen ändert sich das Risikoniveau. Die auf den ersten Oktober eines Zwischenwahljahres folgenden neun Monate verliefen mit einer Durchschnittsrendite von 19,5 Prozent zu 92 Prozent positiv – die am durchgängigsten positiven neun Monate der gesamten Marktgeschichte. Seit dem geringen Rückgang um –0,9 Prozent vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 gab es kein drittes Regierungsjahr eines US-Präsidenten mit negativer Entwicklung.

Das Zwischenwahl-Wunder

Durch die eng korrelierenden globalen Märkte weitet sich dieser Trend global aus – auch auf die Schweiz. SPI und S&P 500 haben eine Korrelation von 0,74. Das ist viel, wenn 1,0 eine vollständig gleiche und –1,0 eine gegenläufige Bewegung bedeutet. 

Das Zwischenwahl-Wunder könnte bereits laufen. Seit ihrem Tief Ende September sind die weltweiten Aktien um 7 Prozent gestiegen, der SPI um 10,1 Prozent und der S&P 500 um 5,0 Prozent. Die Zwischenwahlen sind nicht der einzige Grund dafür, aber ein wesentlicher – und in ihnen wohnt weiterer Zauber. Die zweiten Präsidentschaftsjahre waren seit 1925 für amerikanische Aktien neunmal negativ, wie jetzt im Jahr 2022. Die mittlere Rendite im Folgejahr: 28,7 Prozent. Nur 1931 war negativ – tief in der Grossen Depression. Das trifft aktuell aber nicht zu.

Politische Befangenheit und Sorgen aufgrund von Streitereien und Untätigkeit macht die meisten blind für das Zwischenwahl-Wunder – selbst während es sich gerade entwickelt. Dadurch erhält es seine Energie. Um diese einzufangen, halten Sie Aktien.

Das müssen Sie fürs Börsenjahr 2023 wissen

Vor einem Jahr blickten Schweizer Finanzhäuser wie die UBS oder die ZKB zuversichtlich auf die Börse. Sie prognostizierten für den US-Index S&P 500 einen Stand von ungefähr 4800 Punkten, die dauereuphorische Goldman Sachs stellte sogar 5100 Punkte in Aussicht. 

Es kam anders. Was Sie für 2023 erwarten können, lesen Sie hier.