Das Corona-Virus verunsichert die Weltwirtschaft. Wie stark wird die globale Konjunktur unter dem neuen Erreger leiden?
Die chinesische Regierung hat rasch reagiert, was kurzfristig zwar zu grösseren und medial sichtbaren Auswirkungen führt, wie das Abriegeln ganzer Städte. Die mittelfristigen Folgen sollten dadurch aber stark gemildert werden. Je nach Verlauf könnte es sein, dass das Wirtschaftswachstum in China im ersten Quartal einen leichten Rücksetzer erfährt (0.25 bis vielleicht 0.5 %).  Entscheidend wird auch sein, ob nach den Feiertagen die globale Wertschöpfungskette negativ tangiert wird. Später im Jahresverlauf ist dann aber auch mit Aufholeffekten zu rechnen. Eine seriöse Prognose ist mit dem aktuellen Kenntnisstand eigentlich nicht möglich. Solche Ereignisse können dazu führen, dass die Märkte überreagieren. Die chinesischen Aktienmärkte sind derzeit geschlossen, das heisst, Verkaufsdruck könnte dort erst noch entstehen. In diesem Fall böte sich dann – unter Ausklammerung anderer Risiken – allenfalls eine Kaufgelegenheit im ersten Quartal.  

Tesla hat an der Börse VW überholt. Wie stehen die Chancen des deutschen Konzerns im Wettstreit mit dem US-Hersteller?
Das ist genau der Punkt – an der Börse ja, aber auch auf der Strasse und in der Gewinn- und Verlustrechnung? Tesla wird aktuell eher gehandelt wie Apple bei Einführung des Smartphones. Die Kursentwicklung basiert wohl teilweise auf der Annahme, dass Hersteller wie Volkswagen, Daimler und der Grossteil der anderen Hersteller einfach vom Markt verschwinden. Das entspricht nicht unserer Erwartung. Wir sehen für den Volkswagen-Konzern mit seinen verschiedenen Töchtern/Marken erhebliches Potenzial. Anlegern würden wir raten, auf dem aktuellen Kursniveau bei Tesla Gewinne mitzunehmen und allenfalls VW-Aktien zuzukaufen, auch wenn 2020 vermutlich noch einmal ein schwieriges Jahr für die Autobauer wird.

2019 war ein starkes Jahr für die Schweizer Uhrenindustrie. Wird sich das Wachstum im 2020 fortsetzen?
Die Schweizer Uhrenexporte wuchsen 2019 gesamthaft um 2.6 %. Das ist im Vergleich zu den Vorjahren eher bescheiden. Dahinter verbergen sich zudem erhebliche Unterschiede nach Marken und Preissegmenten. Im Luxusbereich können Marken wie Rolex (als Marktführer) Preise anheben und führen für einzelne Produkte gar Wartelisten. Andere Marken bekunden aber erhebliche Probleme, ihre Käuferschaft zu finden, und stehen teilweise gar zum Verkauf. Die beiden börsenkotierten Hersteller Richemont und Swatch entwickelten sich zuletzt sehr unterschiedlich. Unseres Erachtens hat es Swatch verpasst, eine konkurrenzfähige Smartwatch auf den Markt zu bringen, was die Marktanteile im unteren und mittleren Preissegment belastet. Die Trends von 2019 dürften anhalten, deshalb erwarten wir auf aggregierter Ebene keine grossen Veränderungen beim Wachstum. 

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2019 hat die Credit Suisse die UBS an der Börse abgehängt. Wird die Nummer zwei auch in diesem Börsenjahr besser abschneiden?
Tatsächlich vermochte sich die Credit Suisse (CSG) 2019 von der UBS zu distanzieren. Schauen wir aber zwei Jahre zurück, sind die Kursverläufe praktisch deckungsgleich und folgen dem europäischen Bankensektor ziemlich präzise. Unsere Erwartung für beide Aktien wäre es, dass sie sich mit ihrem starken Wealth Management eigentlich deutlich von ihren Mitbewerbern absetzen. Die UBS wurde letztes Jahr zeitweise vom Strafgerichtsverfahren in Paris mit einer vermeintlich rekordhohen Busse ausgebremst. Das Urteil dürfte von höheren Instanzen wohl wieder zugunsten der UBS revidiert werden. Die UBS-Aktie entwickelt sich immer mehr zu einem starken Dividendentitel (geschätzt 6 % für 2020), während sich die CSG mit rund 2.3 % bescheidet. Die CSG produzierte zuletzt doch eher Schlagzeilen mit ihren Eskapaden im Top-Management. Es ist nicht nur aus Aktionärssicht stark zu hoffen, dass das relativ rasch bereinigt wird. Wir empfehlen, beide Titel im Portfolio zu halten.

ChristianZogg_LLB_Boerseninterview

Christian Zogg ist Stv. Geschäftsführer der LLB Asset Management AG in Vaduz und verantwortlich für den Bereich Equity & Fixed Income der LLB-Gruppe, die in Liechtenstein, der Schweiz, Österreich und im Nahen Osten vertreten ist.

Quelle: ZVG

Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Das aktuell dominierende Thema an den Märkten ist der Ausbruch eines Corona-Virus' in China. Dabei werden Handelsmuster aus dem Jahr 2002/03 in Erinnerung gebracht, die an den asiatischen Märkten Kurskorrekturen von in der Spitze gegen 12 % erbrachten. Aus heutiger Sicht sehen wir weit geringere Auswirkungen. Als weiteren Punkt kann man den Beginn der «Primaries» zu den Wahlen in den USA anführen. Bei Umfragen unter Finanzmarktteilnehmern gilt der amtierende Präsident noch immer als klarer Favorit. Die letzten Entwicklungen im Impeachment-Verfahren könnten die Wahlchancen beeinträchtigen. Wir befinden uns mitten in der Berichterstattung der Unternehmen für das vierte Quartal. Zwar gelingt es vielen Firmen, vor allem in den USA, die Erwartungen der Analysten zu übertreffen. Die Entwicklung der Unternehmensgewinne war bezogen auf den Gesamtmarkt allerdings von einer Stagnation geprägt. Die Anleger hoffen darauf, dass sich die Weltwirtschaft nach der zumindest temporären Einigung im Handelsstreit zwischen den USA und China wieder etwas beschleunigt.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Der Schweizer Aktienmarkt wird sich kurzfristig nicht von den anderen wichtigen Aktienmärkten abkoppeln. Interessant ist, dass die Stärke des Schweizer Franken zuletzt kein grosses Thema mehr war. Das müsste in den nächsten Quartalen doch spürbar auf das Umsatz- und Gewinnwachstum drücken. Zu anderen Zeiten hätte das mehr auf die Aktienkurse gedrückt.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
In einer Bandbreite von 10'250 bis 11'000 Punkten. Das Aufwärtspotenzial scheint uns nach dem starken Jahresendrallye doch eher begrenzt. Das angebrochene 2020 könnte uns mit den US-Wahlen und anderen Ereignissen wieder etwas höhere Kursausschläge bescheren als noch 2019.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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