Fast 90 Jahre alt und kein bisschen müde: Investorenlegende Warren Buffett führt seine Holding Berkshire Hathaway seit nunmehr fünfzig Jahren. Zuletzt wunderten sich Anleger allerdings, weshalb Buffett den Corona-Schock nicht nutzte, um seine hohen Cash-Bestände von 137 Milliarden endlich für Zukäufe zu nutzen.

Bis Freitag. Da teilte Berkshire Hathaway mit, dass man die Gas-Pipelines sowie die Speicherkapazitäten von Dominion Energy übernimmt. Die Transaktion ist fast 10 Milliarden Dollar schwer und damit der grösste Zukauf, das Buffett in den vergangenen fünf Jahren tätigte. 

Mit Blick auf die sechs Anlage-Kriterien, die Warren Buffett stets im Geschäftsbericht seiner Berkshire Hathaway formuliert, verwundert es teilweise tatsächlich, weshalb Buffett so lange die Füsse stillgehalten hat und nicht zugriff.
Die sechs Anlagekriterien im einzelnen:

1. Unternehmensgrösse

Der erste Punkt ist zugleich der am wenigsten relevante für Privatanleger (keine Sorge, die nächsten werden wichtiger). Für Warren Buffett muss eine Firma mindestens 75 Millionen Dollar Vorsteuergewinn erwirtschaften. Dies erklärt sich dadurch, dass seine Firma Berkshire Hathaway sehr viel Geld erwirtschaftet und Investitionsobjekte dementsprechend gross sein müssen, damit ein nennenswerter Betrag investiert werden kann.  

2. Konstante Gewinne: «Consistent earning power»

Der zweite Punkt ist für Privatanleger schon interessanter. Buffett schaut nämlich intensiv zurück. Anstatt sich auf Prognosen von Analysten und Firmenchefs zu verlassen, sind für die Investorenlegende vor allem stabile Gewinne in der Vergangenheit von essenzieller Bedeutung.

Er setzt also nicht etwa auf Turnaround-Stories, sondern auf bewährte Aktien von Firmen, die auf solidem Fundament stehen – man könnte sie auch Qualitätsaktien nennen. Das erklärt, warum Buffett bei Aktien nicht so schnell zugreift wie andere. Die Unternehmen müssen sich erstmal bewähren, bevor das «Orakel von Omaha» überzeugt ist.

3. Wenig Schulden, viel Eigenkapitalrendite

Der dritte Punkt ist für Privatanleger relativ leicht umzusetzen. Buffett schaut sich die Eigenkapitalrendite und die Verschuldung des Unternehmens an. Ersteres gibt an, wie viel Gewinn ein Unternehmen im Verhältnis zum eingesetzten Kapital erwirtschaftet. Heisst: wie profitabel eine Firma ist.

Genauso wichtig ist für Buffett aber auch der Grad der Verschuldung. Hohe Schulden bedeuten hohe Risiken, die ein Unternehmen bei Krisen in Turbulenzen bringen können. Da sich durch die Corona-Krise die Verschuldung der Unternehmen selbstredend eher veschlimmert als verbessert hat, ergab sich bei diesem Kriterium ebenfalls kein Kaufargument.

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4. Gute Manager

Wie wichtig ein gutes Mangement ist, zeigt nicht zuletzt das Wirecard-Debakel. Auch wenn sich Firmen in zukunftsträchtigen Branchen bewegen, hilft alles nichts, wenn dem Management nicht getraut werden kann. Buffett setzt auch deshalb auf herausragende Management-Teams, weil er sich nicht in die Geschicke des Unternehmens einmischen möchte. Wie Firmenchefs die Corona-Krise meistern, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen können.

5. Verstehe das Geschäftsmodell

Dieser Punkt dürfte wohl das berühmteste Kriterium von Buffett sein: Kaufe nur Unternehmen, dessen Geschäft du auch verstehst. (Und dazu passt auch der zweitberühmteste Buffett-Weisheit: «Ich investiere nur in Firmen, die auch ein Idiot führen könnte. Denn früher oder später wird das passieren.») 

Bei Buffett heisst das in erster Linie Konsumgüterunternehmen wie Coca Cola oder Kraft sowie Finanz-Titel wie Bank of America oder American Express
Buffett wird nun verdächtigt, in der Corona-Krise nicht zugekauft zu haben, weil er nicht mehr mit der Zeit ginge und mit Tech-Titeln woe Amazon und Co. wenig anfangen könne. Dieser Punkt scheint nicht ganz abwegig, wenn man sich das (Nicht-)Kaufverhalten von Buffett zuletzt anschaut. 2016 sprang Buffett allerdings über seinen Schatten und stieg im grossen Stil beim Technologie-Konzern Apple ein – was sich als äusserst lohnenswertes Investment herausstellen sollte.

6. Ein verfügbarer Preis: «An offering price»

Dieser Punkt erscheint trivial, ist aber dennoch notwenig. Buffett kauft nur Unternehmen, die an der Börse kotiert sind, um keine Zeit mit (Preis-)Verhandlungen zu verschwenden.

Für einen guten Preis ist laut Buffett der innere Wert entscheidend. Ist dieser höher als der Börsenwert, sollte auch das beste Unternehmen nicht gekauft werden. Dies scheint für Warren Buffett der springende Punkt zu sein. Trotz des Corona-Gaps im Februar und im März seien die Bewertungen der meisten Aktien noch immer nicht günstig gewesen, wie Buffett im Mai an der Jahreshauptversammlung erklärte.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf «Cash.ch» unter dem Titel: «Orakel von Omaha: Die sechs Kaufkriterien von Warren Buffett»
 

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