Im Zuge der Klimaerwärmung muss die Weltwirtschaft ihre Abhängigkeit von Erdöl verringern. Sollten Anlegerinnen deshalb vor Investitionen in klassische Ölhersteller absehen?
Die Geschäftsmodelle der klassischen Rohölproduzenten werden in Zukunft sicherlich auf die Probe gestellt. Die Wachstumsaussichten des Rohölsektors sind im Vergleich zu anderen Branchen geringer. Denn mit den CO2-Reduktionszielen, zu denen sich die Staaten im Rahmen des Pariser Klimaabkommens bekannt haben, werden fossile Energieträger zunehmend durch erneuerbare Energien substituiert.

 

Christoph Schenk ZKB

Christoph Schenk ist Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank (ZKB).

Quelle: ZVG

Die Unterbewertung der Ölproduzenten hat sich während der Coronapandemie an den Finanzmärkten nochmals akzentuiert. Mit steigenden Rohölpreisen besteht für den Ölsektor zumindest in der kurzen Frist Erholungspotenzial. Zudem wird die stattliche Dividendenrendite bei den Energietiteln den einen oder anderen Anleger trotz Umweltbedenken zu einer Investition motivieren.

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Sollten Anleger heute noch Obligationen halten? Mit den meisten Anleihen lässt sich ja keine Rendite mehr erzielen.
Obschon die Renditen von Staatsanleihen in vielen Währungsräumen auf historisch tiefen Niveaus notieren, bleiben Obligationen ein wichtiges Instrument zur Diversifizierung des Portfolios von Anlegern.

Der Obligationenmarkt besteht aus unterschiedlichen Segmenten, deren Attraktivität sich am Konjunkturzyklus ausrichtet. Wir glauben, dass sich die Konjunkturerholung im nächsten Jahr fortsetzt und erachten in diesem Umfeld Unternehmensanleihen und Schwellenländeranleihen als attraktive Beimischung im Obligationenuniversum.

Obligationen bleiben ein wichtiges Instrument zur Diversifizierung des Portfolios von Anlegern.

Die Berner OTS-Börse findet bei vielen Anlegern keine Beachtung. Können Sie den Markt grundsätzlich empfehlen?
An der Berner OTS-Börse werden nichtbörsenkotierte Nebenwerte gehandelt. Viele dieser Nebenwerte werden von Finanzanalysten nicht beobachtet, so dass kaum Informationen vorliegen. Insofern setzt ein Engagement von Investoren Spezialkenntnisse und Fachwissen voraus. Es verwundert also kaum, dass sich nicht viele Anleger dort tummeln.

Wenden wir uns dem allgemeinen Börsengeschehen zu: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise die Finanzmärkte?
Eigentlich kann man sagen, dass es derzeit noch immer kein anderes Thema gibt. Gemäss einer bekannten monatlichen Umfrage bei globalen Fondsmanagern stellt die Coronapandemie seit März mit Abstand die grösste Herausforderung dar.

Fast alle Bewegungen an den Finanzmärkten in diesem Jahr lassen sich auf das Coronavirus und die weltweiten Gegenmassnahmen der wirtschaftspolitischen Akteure zurückführen. Das wird sich auch im kommenden Jahr fortsetzen. Die Nachrichten bezüglich des Virus dürften sich aber insgesamt verbessern und langsam wieder andere Themen in den Fokus rücken.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Börse steht in den nächsten Wochen im Spannungsfeld zwischen der sich verschärfenden Pandemie und der Hoffnung darauf, dass eine schnelle Massenimpfung die Krise bald beendet und sich die globale Konjunktur dauerhaft erholen kann.

Insofern rechnen wir mit einer schwankungsreichen, aber doch leicht positiven, Aktienmarktentwicklung, zumal auch Geld- und Fiskalpolitik nach wie vor stimulierend wirken.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Im kommenden Jahr sollte das Coronavirus seinen Schrecken sukzessive verlieren und die globale Konjunktur auf den Pfad der Erholung finden. Das heisst, die Unternehmensgewinne und auch die Dividenden werden wieder steigen.

Der abnehmende geld- und fiskalpolitische Rückenwind wird allerdings für eine Anpassung der Bewertung des SMI sorgen. Solange aber im Dezember 2021 keine globale Rezession am Horizont steht, wovon wir ausgehen, sollte der SMI dann höher notieren.

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Das Interview wurde schriftlich geführt.