Betrachtet man die schiere Dimension, sind die Fonds des Schweizers liebstes Anlagegefäss. Laut dem Fondsverband beläuft sich das angehäufte Vermögen mittlerweile auf gut 636 Milliarden Franken. Allerdings fliesst das Geld unterdessen zäher zu den klassischen Fonds. Mit viel Marketing und fast täglich neuem «Anlage-Menu» locken die Banken ihre Kunden zu kurzfristigen Zertifikaten mit meist ein- oder höchstens zweijähriger Laufzeit. Inzwischen sind fast 350 Milliarden Franken in strukturierte Produkte angelegt, das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von über 46 Prozent.

Im immer hektischeren Anlagegeschäft zählen fast nur noch das Tempo und die Vermarktung einer Idee. Zertifikate können innerhalb von 24 Stunden auf den Markt gebracht werden, für einen Anlagefonds dauerte der Prozess innerhalb der Bank und mit den Behörden mehrere Monate. Mit dem neuen Kapitalanlagegesetz (KAG) sollen nun die Fristen für die Fonds kürzer werden. Seit Sommer scheint das Gesetz zu greifen, und der «dringende Wunsch der Fondsindustrie» ist zumindest teilweise erfüllt. Bei herkömmlichen Effektenfonds soll gemäss dem neuen Fondsgesetz KAG innerhalb von vier Wochen nach Eingang bei der Bankenkommission eine Bewilligung vorliegen. «Damit haben die Fonds einen Nachteil reduziert, ganz aufgeholt ist er natürlich nicht», sagt Matthäus Den Otter, Geschäftsführer des Fondsverbands. Allerdings spielen bei Zertifikaten auch kurzfristige Themen und Anlagen eine wichtigere Rolle. «Fonds sind als langfristige Investments gedacht, strukturierte Produkte setzen vielfach auf kurzfristige Trends», findet Den Otter.

Mit Anlagefonds delegiert man die genaue Zusammensetzung des Portefeuilles an einen oder mehrere Manager. Dabei setzt man in aller Regel auf steigende Wertentwicklung, sei es bei Aktien oder bei Obligationen. Schweizer Anlagefonds durften in der Vergangenheit lange nur auf steigende Kurse «wetten». Mittlerweile sind auch hier die Vorschriften deutlich lockerer. Einerseits können Schweizer Anleger schon seit 1996 Funds of Hedge Funds zeichnen, die zum Beispiel in England erst jetzt dem Publikum zugänglich gemacht werden. Aber auch die traditionellen Anlagefonds haben mehr Spielraum erhalten: Sie dürfen Derivate einsetzen und sich zusätzlich verschulden, um höhere Renditen (natürlich verbunden mit höheren Risiken) zu erwirtschaften.

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Die beiden Kategorien gleichen sich zunehmend an. Mittlerweile lanciert beispielsweise auch die UBS Fonds mit strukturierten Produkten. Trotz der Vermischung bleibt in der Regel ein wichtiger Unterschied: Die Fonds sind in aller Regel breiter diversifiziert. Ein Aktienfonds darf beispielsweise nicht mehr als zehn Prozent seiner Aktiven in Papieren derselben Firma halten. Da ist die weitgehend ungeregelte Zertifikatindustrie deutlich freier. Sie kann jede mögliche Wette anbieten, sei es, dass bestimmte Aktien im Kurs fallen oder der Ölpreis im Januar 2008 unter einen vorher definierten Stand fällt. Für jede Idee gibt es mittlerweile Produkte vom Computer, und falls doch nicht, bietet beispielsweise die UBS für Kunden ab 100 000 Franken ein «individuelles Derivat mit eigener Valorennummer, und zwar direkt ab Kundenberater».

Während in Deutschland mehr als 44 Prozent aller Zertifikate zur Absicherung dienen, dominieren hierzulande die Hebelprodukte. Gegenüber den früheren Höchstständen haben sich die Umsätze bei den spekulativen Wetten erst langsam erholt. Grundsätzlich ist mit Zertifikaten mittlerweile jede sinnige oder unsinnige Investmentidee in ein Produkt zu verpacken, ganz nach dem Motto «Wer weiss, was er will, findet bestimmt ein passendes Produkt». Das Problem sind jene, die nicht recht wissen, was genau sie eigentlich möchten, und sie bilden die Mehrheit. Mit Anlagefonds sind sie automatisch diversifiziert und überlassen einen Teil der Verantwortung dem Fondsmanager, bei Zertifikaten müssen sie sich selber genau ins Bild darüber setzen, wie die «Wetten» formuliert sind, und darauf vertrauen, dass ihre Bank sie fair behandelt.

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Angesichts des Booms bei immer exotischeren und komplexeren Zertifikaten ist es erstaunlich, dass nicht mehr Klagen beim Schweizerischen Bankenombudsmann eingegangen sind. «Die kommen dann sicher, wenn die Märkte heftig korrigieren und Leute überrascht sind, wenn sie statt Geld Aktien zurückerhalten», kommentiert Bankenombudsmann Hanspeter Häni.

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