Da kommt beim fernen Betrachter fast etwas Mitleid auf mit Josef Meinrad Ackermann, dem Noch-Chef der Deutschen Bank. Je näher dessen letzter ­Arbeitstag rückt – die Aktionärsversammlung am 31. Mai –, desto mehr ­Gräben tun sich auf. Zusätzlich an Ackermanns ­Reputation kratzt der Streit des Finanzinstituts mit den Erben von Leo Kirch oder die Klage der BayernLB in New York im ­Zusammenhang mit dem Verkauf von hypotheken­unterlegten Wert­papieren. Auch die Aufrufe bedeutender ­Investoren, dem Aufsichtsrat die ­Entlastung zu ver­weigern, ver­salzen den Abschied des Schweizers. Das Verhältnis zu seinen Nachfolgern Anshu Jain und Jürgen Fitschen gilt als zerrüttet.

Der 64-Jährige hat zu viel versprochen. Zwar präsentierte die Bank für 2011 ­ordentliche Zahlen – wenn nur Ackermann die Latte nicht zu hoch ­gesetzt hätte. So lag der Vorsteuergewinn fast ­die Häl­fte unter dem von ihm ­prog­nostizierten Wert. Die Eigen­kapitalrendite befand sich mit 10 Prozent weit weg von der Zielgrösse von 25 Prozent. Auch der Ausweis für das erste Quartal war enttäuschend: Der Gewinn lag klar unter dem Resultat derselben Vorjahresperiode. Ob das neue Führungsduo rasch bessere Zahlen vorlegen kann, bleibt abzuwarten. Vorderhand wird es so viel an ­Abschreibungen und Wertberichtigungen in die ersten ­Abschlüsse packen wie nur möglich; miese Zahlen lassen sich so dem alten Management in die Schuhe schieben. Was bleibt, sind die tiefen Margen im inländischen Bankgeschäft, die Abhängigkeit vom volatilen Investment Banking und Altlasten. Die Aktien stehen seit Wochen unter Druck. Wie andere Valoren der Branche sind auch Deutsche Bank tief bewertet. Die Papiere sind höchstens langfristig interessant.

Rettung auf Zeit

Die Umsatzrendite ist eine wichtige Kennzahl. ­Je nach Branche stellt sich der Gewinn auf 5 bis gegen 30 Prozent vom ­Umsatz. Jüngst hat Cytos sogar eine Umsatzrendite von gut 1000 Prozent ­gemeldet: Im ersten Quartal erwirtschaftete das Biotechnologieunternehmen ­primär dank Bewertungsanpassungen einen Gewinn von 2,6 Millionen Franken. Der Umsatz aus Lizenzgebühren ­dagegen stellte sich auf ­lediglich eine viertel Million. Was nichts daran ändert, dass für die Schlieremer Gesellschaft bis vor kurzem noch das ­Totenglöcklein ­geläutet wurde. Doch das vom einstigen Biotech-Star Wolfgang Renner mitgegründete Unternehmen hat noch einmal eine Gnadenfrist bekommen: Mehrere Firmen verabreichten Cytos eine Finanzspritze von gut 30 Millionen. Allerdings zweifle ich daran, ob diese Investorengruppe ein ­Interesse daran hat, die auf eine Handvoll Mitarbeiter heruntergehungerte Cytos zum ­Erfolg zu führen. Es locken wohl eher die Patente. Vorsicht, die ­Aktien sind hochspekulativ!

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Das Lebenselixier

Die Aktien von Versicherungsfirmen haben den Anlegern über die letzten Jahre wenig Grund zur Freude bereitet. Milliardenteure Schadenereignisse belasteten die Erträge. Weit negativer wirken sich jedoch die schlechten Rahmenbedingungen an den Finanzmärkten aus: Die Schuldenkrise, volatile Börsen und Wechselkurse sowie die ­Konjunkturschwäche machen es den Versicherern schwer, auf ihren Investments angemessene Renditen zu holen. Der grösste Hemmschuh sind die tiefen ­Zinsen. Darunter leidet zwar die ganze Branche; Lebensversicherer sind jedoch am stärksten betroffen.

Die tiefen Kurse der Lebensversicherungsaktien eröffnen anderseits auch gute Einstiegschancen. Generell sind die Aussichten dieser Firmen positiv zu ­beurteilen. Zudem scheint der Zinstiefpunkt erreicht zu sein. Die BankSarasin hat eine Auswahl jener Titel getroffen, die in diesem Umfeld am meisten profitieren (siehe «Leben ins Depot» unten). So werden Bâloise und Swiss Life trotz hoher Zinssensitivität zum Kauf empfohlen, weil sie günstig bewertet sind.

Unter den Rückversicherern, die ein weniger zyklisches Geschäftsmodell aufweisen, stehen Swiss Re auf der Liste. Die gegenüber anderen Papieren höhere Bewertung führt Sarasin zurück auf die bessere Profitabilität, das defensivere Risikoprofil sowie die guten Wachstumsaussichten. In Europa werden Allianz wegen der starken Marktstellung, der tiefen Bewertung sowie des hervorragenden Asset Management empfohlen. Für Axa spricht unter anderem die starke Stellung in Wachstumsmärkten. In den USA werden Allstate als interessant bezeichnet.

Der Kahlschlag

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die deutsche Merck hätte 2006 besser die Finger von der Genfer Biotechfirma Serono gelassen. Der Übernahmepreis jedenfalls ­erweist sich im Nachhinein als viel zu hoch: 16,6 Milliarden Franken bezahlten die Deutschen. Davon floss der grösste Teil in die Taschen des Seglers und ­Serono-Erben Ernesto Bertarelli. Doch die Hoffnung der Deutschen, dass aus der Produktpipeline die Blockbuster nur so strömen würden, erwies sich als trügerisch.

Die auf Pharma und Spezialitätenchemie konzentrierte Merck steht in Genf vor einem Scherbenhaufen. Nun wird mit eisernem Besen gekehrt: Die Genfer Zentrale muss dichtmachen, über 500 Arbeitsplätze gehen verloren, 750 werden verlagert, der grösste Teil ins Ausland. In der Rhonestadt ist die Empörung gross. Nur hat sich die Restrukturierung schon längst abgezeichnet – wenn auch nicht in diesem Ausmass.

Merck musste bereits im letzten Jahr bei ihrer Schweizer Tochter, aber auch beim 2010 für 5,3 Milliarden Euro übernommenen US-Laborzulieferer Millipore einen Riesenabschreiber vornehmen. Deshalb ging der Reingewinn leicht ­zurück. Doch der Kahlschlag in Genf ist nur der erste Schritt eines rigorosen Sparprogramms, das Karl-Ludwig Kley dem Konzern verordnet hat.

Es verheisst denn auch nichts Gutes, dass der Merck-Chef für die nächsten zwei Jahre keine Prognosen abgeben will – ganz im Gegensatz zu früher. Vor diesem Hintergrund vermag der Kursanstieg der Valoren über die letzten Monate zu erstaunen. Für meinen Geschmack sind die Aktien mit einem für dieses Jahr geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 nicht nur zu teuer, sondern auch mit einer zu gros­sen Portion Ungewissheit belastet.

Frank Goldfinger ist der anonyme ­Börsenspezialist der BILANZ.
Schreiben Sie ihm an: bahnhofstrasse@bilanz.ch