An Tokios Börse geht die Angst um

Vergangenen Sommer war ich einige Wochen in Japan. Im Gespräch mit Bekannten, die über Jahre Pessimismus zur Schau trugen, spürte ich wieder Zuversicht. Monate später rutscht Japan in eine Rezession, wie sie das fernöstliche Land noch selten zu spüren bekommen hat. Wirtschaftsminister ­Kaoru Yosano spricht von der schlimmsten Wirtschaftskrise der Nachkriegsära.

Die Zahlen zeichnen ein erschreckendes Bild. So ging das Bruttoinlandprodukt im letzten Quartal gegenüber dem Vorquartal inflationsbereinigt um 3,3 Prozent zurück, auf Jahres­basis resultiert ein Einbruch um 12,7 Prozent. Damit schrumpfte die weltweit zweitgrösste Volkswirtschaft so stark wie seit 1974 nicht mehr. Dramatisch der Niedergang bei den Exporten: Diese fielen im Januar gegenüber dem Vormonat um 45,7 Prozent. Speziell die Automobilhersteller stöhnen unter dem zusammenbrechenden Absatz; im Februar sank der Verkauf von Personenwagen bei Toyota um 32, bei Nissan um 35 und bei Honda um 21 Prozent. Dazu gesellen sich ein rückläufiger Konsum und die Kreditverknappung. Zu allem Überfluss ist der Yen in den letzten Monaten stark gestiegen. Japans Unternehmen müssen hilflos zusehen, wie ihre Gewinnmargen zerfallen.

Dieser Konjunkturcocktail ist Gift für Japans Börse. Für ­einige Anlagestrategen ist der Absturz von Nippons Aktien das Signal zum Einstieg. Das Börsenbarometer Nikkei 225 Index liegt auf einem 25-Jahres-Tiefst, obwohl die Unternehmensgewinne seit damals stark gestiegen sind. Doch eine tiefe Bewertung als (fast) alleiniger Grund für Käufe reicht nicht aus. Japanische Aktien können wohl auf längere Zeit hinaus links liegen gelassen werden.

Zieht die Konjunktur an, zählt die Holcim-Aktie zu den Überfliegern

An der Börse wurde erwartet, dass Holcim für 2008 keinen gloriosen Abschluss vorlegen werde. Schliesslich hat die Rezession längst auch den Baumarkt erreicht, und Holcim bekommt dies mit aller Härte zu spüren. Mit Blick auf die schlechten Rahmenbedingungen hat sich das Unternehmen allerdings recht gut geschlagen. Zwar ist der Betriebsgewinn um ein Drittel und der Gewinn sogar um gut die Hälfte gefallen. Ein zweiter Blick zeigt allerdings, dass die Ertragslage von 2008 durch Sonderfaktoren zusätzlich verschlechtert, der Gewinn von 2007 anderseits durch Verkaufserlöse aufgeblasen wurde. Werden alle diese Spezialfälle bei den Erträgen herausgerechnet, sieht es etwas freundlicher aus.

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Von daher kann ich den erneuten Absturz der Holcim-Aktien nicht nachvollziehen; in den zwei Tagen nach Veröffentlichung der Resultate gaben die Valoren um 13 Prozent nach, innerhalb von sechs Monaten haben sie 70 Prozent an Wert verloren. Die Anleger zeigten sich nicht einmal so sehr enttäuscht von den Zahlen als vielmehr von der Ausschüttung. Holcim hält zwar am Grundsatz fest, ein Drittel des Gewinns an die Aktionäre weiterzugeben – in diesem Jahr jedoch in Form von Gratisaktien. Immerhin rentieren die Aktien rund 6,9 Prozent, eine Superrendite für einen Blue Chip.

Die Krise in der Bauwirtschaft wird noch lange anhalten. Konzernchef Markus Akermann ist deshalb heftig auf die Kostenbremse getreten. So wurden in kritischen Märkten mehr als 100 Produktionseinheiten stillgelegt. Sogar das Prestigeprojekt, ein auf 50 Millionen Franken veranschlagtes neues Forschungszentrum in Holderbank, liegt nun auf Eis. Anderseits sitzt der Konzern auf einem komfortablen Liquiditätspolster von 5,6 Milliarden Franken. Dazu gesellen sich ein anständiger Cashflow sowie die mehr als ausreichende Eigenkapitalbasis.

Holcim ist gut gerüstet, auch eine ausdauernde Rezession ohne schwere Blessuren zu überstehen. Vorderhand jedoch werden die Aktien im besten Fall seitwärts tendieren. Dennoch gehören Holcim auf meiner Favoritenliste zu jenem knappen Dutzend Schweizer Aktien, denen ich bei einer Konjunkturbelebung am meisten Kurspotenzial zubillige.

American Express greift zu ungewöhnlichen Massnahmen

Die Ausdehnung der Finanzkrise auf die Kreditkartenindustrie nimmt an Heftigkeit zu. So erlitt American Express (AmEx) 2008 wegen Abschreibern auf Zahlungsausfällen einen Gewinnsturz um 33 Prozent. Nun rächt sich, dass die Branche jahrelang Plastikgeld unter die Leute streute, ohne deren Kreditwürdigkeit allzu genau unter die Lupe zu nehmen. 2008 haben die Amerikaner auf ­ihren Kreditkarten einen Schuldenberg von gut 950 Milliarden Dollar angehäuft.

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AmEx-Chairman und -CEO Kenneth Chenault musste bereits im vergangenen November tief in die Trickkiste greifen, um sein Unternehmen vor Schlimmerem zu bewahren. Kurzerhand wandelte er das Unternehmen in eine Bankenholding um und angelte sich so aus dem staatlichen Rettungstopf 3,4 Milliarden Dollar. Chenaults neuster Schachzug ist nicht minder verblüffend: AmEx belohnt ausgewählte Kunden mit 300 Dollar, wenn sie ihre Schulden begleichen und das Konto schliessen. Derweil nehmen die Zahlungsausfälle zu; im Januar kletterte die Ausfallrate laut CreditSights auf 7,15 Prozent. Da ist es kein Wunder, dass sich die AmEx-Aktien im freien Fall befinden: Innert Jahresfrist verpufften 80 Prozent des Börsenwerts. Auf dem derzeit tiefen Kursniveau empfehlen einige Analysten die Titel zum Kauf. Für meinen Geschmack sind diese Papiere mit zu hohen Risiken belastet. Zuwarten, bis sich die Nebel verzogen haben.