Wie nachhaltig neutral ist es, wenn die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit ihren 1000 Milliarden Franken Währungsreserven in Firmen ­investiert, die Waffen herstellen, die in Kriegen eingesetzt werden? Was ist eine sta­bile Währung noch wert, wenn das ­Klima sich um vier Grad erwärmt hat?

Solche Fragen haben die «Handels­zeitung» und andere dem Präsidenten der SNB, Thomas Jordan, immer wieder gestellt. Jetzt sucht Jordan per Inserat eine «Leiterin/Leiter Nachhaltigkeit (80 bis 100 Prozent)», die oder der unter anderem ­Antworten auf diese Fragen finden soll.

Diplomatische Persönlichkeit gesucht

Sehr wahrscheinlich wird eine Frau die Stelle erhalten, denn bezüglich Gender ist Jordan in den vergangenen Wochen ja auch noch unter Druck geraten. Sie soll eine Fachstelle für Nachhaltigkeit als Kompetenzzentrum für Fragen zur Nachhaltigkeit und zum Klimawandel aufbauen, heisst es im Inserat weiter. Zu den Aufgaben gehören Organisation, Redaktion, Publikation sowie konzeptionelle und inhaltliche Weiterentwicklung des SNB-Nachhaltigkeitsberichts.

Die gesuchte Person soll zudem die SNB-­Leitung in Nachhaltigkeits- und Klima­wandelfragen beraten. Dafür wird ein Studium in Umweltwissenschaften, möglichst mit Doktorat, erwartet. Zudem ein mehrjäh­riger, praxisbezogener Leistungsausweis im Umfeld von Corporate Social Responsibi­lity. Zudem soll die Person eine kommunikative, integrative und diplomatische Persönlichkeit sein.

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Zurück zum derzeitigen Stand der Nachhaltigkeit bei der SNB: In einem Standpunktpapier zum Thema Klimawandel schreiben deren Experten: «Zurzeit scheinen die Risiken, die der Klimawandel für die Stabilität der Wirtschaft und des Finanzsystems in der Schweiz mit sich bringt, nach Einschätzung der SNB mässig zu sein.»

Waffenhersteller im Tresor

Das sehen die Klimademonstranten ganz anders – und ebenso die Weltbank: Sie warnt, dass bei einer Erwärmung des ­Klimas nicht nur einige Insel­reiche er­saufen, sondern dass auch Hitzewellen, Unterernährung und durch eindringendes Salzwasser zunehmend ungeniessbares Trinkwasser drohen. Das könnte die Gesundheitssysteme so stark strapazieren, dass Anpassung unmöglich wird und viele Zwangsumsiedlungen nötig werden.

Arbeitskultur der SNB: Thomas Jordan muss sich rechtfertigen

Die grösste interne Krise in der Amtszeit des SNB-Präsidenten spitzt sich zu. Der Vorwurf: Schlechte Personalführung und Diskriminierung von Frauen. Mehr hier.

Noch unbeliebter mach sich Jordan mit Investitionen in Waffenhersteller. So ist er bei Boeing, dem zweitgrössten Waffenhersteller der Welt, mit mehreren 100 Millionen Franken dabei. Die Firma baut nebst Zivilflugzeugen auch den F/A-18-Jet. Und dann hält die SNB noch Aktien von Ray­theon, einem puren Waffenhersteller. Dieses Unternehmen hat bis vor nicht allzu langer Zeit auch Streubomben gebaut, eine Waffenart, die besonders verpönt ist, vor allem wegen der langzeitigen Bedrohung der Zivilbevölkerung durch die unkontrollierte Verteilung von Blindgängern; zwischen 5 und 30 Prozent explodieren nicht sofort. Die Bomben des US-Waffenherstellers werden gemäss verschiedenen Berichten in Jemen auch gegen Zivilisten eingesetzt.

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Drohendes Fiasko Ende November

Gemäss Anlagerichtlinien der SNB würde Raytheon zwar ausgeschlossen, wenn sie noch Streubomben oder ähnliche international geächtete Waffen produzieren würde. Aber weiter gehen die Ausschlusskriterien der SNB nicht.

Die Waffeninvestitionen der Nationalbank gefallen vielen Schweizerinnen und Schweizern gar nicht. Über 100'000 Personen haben das mit ihrer Unterschrift bei der Kriegsgeschäfte-Initiative bezeugt. Über diese Initiative wird am 29. November abgestimmt. Also wahrscheinlich noch bevor die neue Nachhaltigkeitsverantwortliche ihre Arbeit bei der SNB aufnehmen kann. Darum hier ein Rat von aussen: Es würde ganz schlecht aussehen, wenn Jordan erst von einer Volksabstimmung gezwungen würde, von den Waffen zu lassen.

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