Die Interventionen der chinesischen Regierung gegen den Techsektor haben internationale Investoren verschreckt. Was ist Ihre Haltung gegenüber Anlagen in China?
Burkhard VarnholtDie chinesischen Interventionen waren zum Teil absehbar, zum Teil überraschend. Dass China seine eigenen Börsen fördern will und deshalb Börsengänge von chinesischen Unternehmen in den USA missbilligt, war vorhersehbar. Langfristig wird das Pendel zurückschlagen und viele chinesische Unternehmen werden in Zukunft verstärkt in Hong Kong oder Shanghai Kapital aufnehmen. Auch die zunehmende Wachsamkeit der chinesischen Finanzmarktaufsicht in Bezug auf Transparenz, Bilanzvorschriften und Ähnliches war absehbar, überfällig und ist hilfreich. Denn, um eine «Aktienkultur» auch für chinesische Vorsorgewerke und Sparer zu fördern, orientiert sich die Finanzmarktaufsicht stark am westlichen Vorbild. Deshalb sind strengere Offenlegungsvorschriften für Anleger ein Plus. Überraschend und destabilisierend war hingegen der Vorstoss gegenüber den höchst erfolgreichen, chinesischen Online-Bildungsunternehmen. Während das politische Ziel nachvollziehbar ist, war seine Umsetzung eine ominöse Überraschung für Anleger. Gleichwohl glauben wir an die fundamentalen Wachstumsperspektiven in China ebenso wie an Anlagen in China, in denen wir vor zwei Monaten einige Gewinne realisierten und heute auf Benchmark-Gewicht investiert sind.

Anfang 2022 wird Joe Biden über eine weitere Amtszeit für Fed-Chef Jerome Powell entscheiden. Würde ein Wechsel an der Spitze der US-Notenbank grosse Auswirkungen auf die Märkte haben?
Das halte ich für unwahrscheinlich. Der Grundsatz «Das Amt prägt die Person» gilt besonders für Präsidenten/-innen der US-Fed. Wer immer das Amt in Zukunft inne hat – und Jerome Powell ist ein herausragender Präsident der US-Notenbank – wird pragmatisch das Beste tun, um die zwei zentralen Ziele, Konjunktur und Preisstabilität, zu unterstützen.

Burkhard Varnholt

Burkhard Varnholt ist Anlagechef der Swiss Universal Bank und Vize-Chef des Global Investment Committee der Credit Suisse.

Quelle: ZVG

Können Sie uns drei Unternehmen nennen, die an der Schweizer Börse gehandelt werden – und deren Aktien Sie zum Kauf empfehlen?
In der Schweizer Wirtschaft gibt es viele kaum bekannte Weltmarktführer. Wir setzen derzeit auf Zürich, Novartis und Georg Fischer.

US-Finanzexperten geben derzeit mehrheitlich Kaufempfehlungen ab. Ist diese Zuversicht an der Wall Street ein Grund, gegenüber der US-Börse vorsichtig zu sein?
Es mag so scheinen. Aber es existiert ein feiner, doch zentraler Unterschied zwischen Kaufempfehlungen und dem tatsächlichen Anlegerverhalten. Ich kenne praktisch keinen Investor, der sich uneingeschränkt «bullish» positioniert. Zwar ist ein globaler Konsens über die günstige Wirkung von Anlagenotstand, Liquiditätsflut sowie von Stimulus und Konjunktur entstanden. Doch dieser Konsens besitzt noch viel Raum, um sich tatsächlich in Anlagen zu reflektieren. Die Rekordzuflüsse in die globalen Aktienmärkte stellen dieses Jahr erst 17 Prozent der vergleichbaren Zuflüsse in Geld- und Anleihenmärkte dar. Sie sehen also, weshalb nicht die Empfehlungen sondern die Gewinne und tatsächlichen Anlage-Gewichtungen weiterhin wichtiger für die Börsen bleiben.

In diesen Tagen dient die Situation in Afghanistan manchen Anhängern von Bitcoin als Argument, in die Kryptowährung zu investieren: Bitcoin könnte in politisch instabilen Ländern als Instrument dienen, um sein Vermögen zu schützen. Können Sie dieses Argument nachvollziehen – und was halten Sie generell von Bitcoin?
Ich sehe Bitcoin nicht wirklich als Anlage, vergleichbar beispielsweise zu Gold, an. Denn erstens zahlt es keine Rendite. Zweitens ist der Wert, den Menschen Gold zuschreiben, seit biblischen Zeiten kulturell tief verankert – Bitcoin hingegen erst wenige Jahre alt. Drittens erfüllt es als Zahlungsmittel weniger Nutzen als beispielsweise Kreditkarten oder auch Paypal und Ähnliches, die ebenfalls digitale Zahlungsmittel darstellen. Viertens werden Kryptowährungen regulatorisch skeptisch betrachtet und wahrscheinlich wird ihr Einsatz eines Tages reguliert. Und schliesslich verschlingen Kryptowährungen Unsummen von Energie – ist das wirklich zukunftsweisend?

Wie stark beschäftigt Corona die Finanzmärkte?
Während die epidemiologischen Entwicklungen deutlich weniger Einfluss auf die Börsen haben als auch schon, bleiben die Sekundär-Effekte der Lockdowns unübersehbare Einflussfaktoren. Sowohl die Bereitschaft für eine langfristige Erhöhung der Fiskal-Investitionen, vor allem in die Infrastruktur, als auch die akkommodierende Geldpolitik, welche noch lange nicht vorbei ist, schaffen eine Vermögenswert-Inflation, welche alle Finanzmärkte widerspiegeln.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Im internationalen Vergleich besitzt die Schweizer Börse drei besondere Qualitäten: Erstens, einen defensiver Charakter, zweitens globale Unternehmen und drittens ist der Franken die stärkste Währung der Welt. Doch weil diese defensiven Qualitäten nicht jederzeit gleichermassen gefragt sind, erwarten wir, dass die Schweizer Börse kurzfristig im Vergleich zu anderen Börsen etwas hinterherhinken dürfte.

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
Ach, Sie wissen ja, dass ich diese Frage für «Kaffeesatz-Lesen» halte. Aber gut, ich will sie beantworten und setze auf einen Indexwert von circa 13'000 in zwölf Monaten, also eine Preis-Performance von circa 4 Prozent.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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