Werden die wachsenden Sorgen um Italiens Schulden die Aktien in Europa und der Schweiz lähmen, während steigende Zinsen das Unheil einläuten? Nach dem Abgang von Premierminister Mario Draghi, einer neuen Regierung und dem populistischen Geplänkel meinen das viele. Sind bei ihrem drittgrössten Handelspartner Zahlungsausfälle zu erwarten? Rettungspläne? Sogar ein Zusammenbruch des Euro? Nein, nein und nochmals nein! Es handelt sich hier um den klassischen Fall eines vergangenen Krieges, den die Anlegerinnen und Anleger führen. Lassen Sie mich das erklären.    

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Trotz der verbreiteten düsteren Stimmung gibt es einige unbemerkte Fakten: dass Italiens Verschuldung 153 Prozent des BIP beträgt, stimmt. Das ist nach weltweitem Standard viel und entspricht im Vergleich mit der Schweiz der Höhe der Dufourspitze. Klingt beängstigend! Worauf es jedoch ankommt, ist die Bezahlbarkeit. Die Zinsbelastung Italiens ist gegenüber den 43 Prozent der jährlichen Steuereinnahmen Mitte der 1990er Jahre – als die Zinssätze für einjährige Anleihen zwischen 8 und 12,5 Prozent lagen – gesunken. Zahlungsausfälle gab es damals nicht. Und es wird sie auch heute nicht geben.

Für eine Gefährdung der Bezahlbarkeit müssen die Zinsen in grosse Höhen schiessen und hoch bleiben. Dennoch sind die Zehn-Jahres-Renditen seit Draghis Rücktritt am 14. Juli nur um 0,69 Prozent gestiegen – ähnlich wie in der Schweiz, Deutschland und den USA mit 0,29 Prozent, 0,51 Prozent beziehungsweise 0,45 Prozent.    

 

 

Über den Autor

Ken Fisher ist Gründer und Executive Chairman von Fisher Investments, einer Vermögensverwaltungsfirma mit Niederlassungen in sechs Ländern, die rund 188 Milliarden Dollar verwaltet. Fisher zählt zu den einflussreichsten (und auch reichsten) Investment-Managern der USA.

Entscheidend sind die relativen Erträge. Viele vergleichen die europäischen Renditen mit «sicheren» Schweizer oder deutschen Schuldtiteln. Die Schweiz hat jedoch zu wenig, um die Nachfrage zu befriedigen, während Deutschland den Euro mit Italien gemein hat, also kein Zufluchtsort ist. Vergleichen Sie stattdessen die Zehn-Jahres-Rendite Italiens mit den US-Schatzanleihen. Sie liegt nur 0,60 Prozent über den Zehn-Jahres-Zinsen in den USA.

Das ist ein Anstieg gegenüber dem Dezember, als die italienische Zehn-Jahres-Rendite 0,34 Prozent unter der amerikanischen lag. Wären die italienischen Schulden hingegen eine echte Bedrohung, würden die Anleger im Vergleich zu den US-Anleihen viel mehr verlangen. Man denke an Griechenland im Jahr 2011. In dem August brachten die Zehn-Jahres-Anleihen 9,25 Prozent mehr als die amerikanischen – und 32 Prozent mehr vor dem Rettungspaket 2012!    

Einige fürchten, dass nur die EZB-Anleihekäufe die italienischen Renditen unter dem Deckel halten, und haben Sorge, dass die quantitative Straffung dem ein Ende bereitet. Das bezweifle ich. Ja, die EZB hat die Käufe italienischer Anleihen im Juni/Juli erhöht. Im April/Mai fuhr sie jedoch den Bestand an italienischen Anleihen zurück – und bei der Auktion von Zehn-Jahres-Anleihen Anfang Mai lag die Nachfrage 34 Prozent über den Emissionen.    

Das sind die Wirtschaftspläne von Giorgia Meloni
Giorgia Meloni ist die Chefin der Fratelli d’Italia (20.07.22).
Quelle: IMAGO / Independent Photo Agency Int.

Die Fratelli-Chefin und grosse Wahlsiegerin ist eine Anhängerin des Protektionismus. Die erste Bewährungsprobe steht an. Weiterlesen. Abo.

Selbst wenn die Zinsen stärker steigen, beträgt die gewichtete durchschnittliche Fälligkeit der italienischen Schulden 7,1 Jahre – gegenüber 5,6 Jahren im Jahr 2002, was teilweise die niedrigen früheren Finanzierungskosten einschliesst. Für einen Zahlungsausfall sind Jahre sehr hoher Zinsen und finanzpolitische Torheiten notwendig. Heute refinanziert Italien die fälligen Schulden mit einem Abschlag. Im September 2012 betrug die Rendite zehnjähriger Anleihen durchschnittlich 5,2 Prozent. Nun kann es fällige Anleihen mit neuen Zehn-Jahres-Anleihen bei 4,0 Prozent refinanzieren – eine Ersparnis!      

Und woanders? Manche behaupten, dass Spaniens Schuldenquote von 118 Prozent im Verhältnis zum BIP und der Ankauf spanischer Anleihen durch die EZB eine Warnung sei. Aber die Renditen der spanischen Zehn-Jahres-Anleihen liegen um 0,54 Prozent unter denen der USA, nur etwas weniger als die 0,95 Prozent Ende 2021 – das ist beruhigend, nicht beängstigend. Die griechischen Schulden haben seit der Krise von 2010 Befürchtungen ausgelöst, aber die Rendite ihrer Zehn-Jahres-Anleihen ist nur 1,1 Prozent höher als die der USA im Jahr 2022 – weit entfernt von dem sprunghaften Anstieg wie vor einem Zahlungsausfall.    

Einige fürchten einen weiteren Anstieg. Sie sind durch ihre Heldenverehrung Draghis so verblendet, dass sie glauben, nur «Super Mario» hielt die italienischen Zinsen niedrig. Die Experten konzentrieren sich auf die ungezügelten Ausgabenpläne der Populisten und ignorieren dabei, dass Italiens Ruf als schwer regierbares Land an einem Stillstand liegt, der extreme Handlungen blockiert. Vielleicht widersetzt sich die neue Regierung dem. Vielleicht auch nicht. Aber das «euroskeptische» Gerede hat sich stets als übertrieben erwiesen. Ich bezweifle, dass dies jetzt anders ist.    

Sorgen Sie sich nicht um die «hohen» Schulden Italiens. Diese verbreiteten falschen Befürchtungen werden Ihnen – oder gar den Italienern – nicht schaden.  

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