«Viererkette! Flache Pässe, nur zwei Kontakte! Breit machen bei Ballbesitz!» Klar und schnörkellos ruft Martin Schmidt die Anweisungen über das Spielfeld. Es geht Schneeregen nieder über dem Bruchweg, dem ehemaligen Bundesligastadion und heutigen Trainingsgelände von Mainz 05. Einige Spieler, auch der Schweizer Internationale Fabian Frei, sind trotzdem in kurzen Hosen aufgelaufen. Schmidt lässt das Positionsspiel üben, sieben gegen sieben, es sind schnelle Ballstafetten. Immer wieder greift er lautstark ein. «Bleib in der Innenverteidigung! Geh nicht auf die Sechs, du bist Abwehrchef!»

Am Schluss packt er beim Aufräumen mit an. Später beim Interview in der ehemaligen VIP-Lounge des Stadions, die heute als Büro für Trainerstab und Management dient, wird er sagen: «Heute war ich ruhig an der Seitenlinie. Es war ja das erste Training des Jahres hier.» Schmidt redet Walliserdeutsch. 

BILANZ: Martin Schmidt, Sie waren gerade mit Ihrer Mannschaft für ein Zeltlager auf der Belalp. Wie haben die Spieler reagiert auf Schlafsack, Schneeschuhe und Fondue statt Sterne-Hotel, Spa und Fine Food?
Martin Schmidt*: Die Überraschung war sicher sehr gross im Team. Der Grossteil der Mannschaft hat mit Schneesport noch nie gross Kontakt ­gehabt. Wir sind von Zürich mit Zug und Postauto nach Blatten gefahren und dann die ersten 1000 Höhenmeter mit Schneeschuhen gelaufen. Das war sehr streng, fast drei Stunden im Neuschnee. Aber manche waren ganz stolz, im Schnee zu stehen, und haben das per Social Media geteilt. Angekommen auf 2500 Metern, habe ich dem Team eröffnet, dass wir hier übernachten würden, und habe auf die Zeltstadt gezeigt.

Wie war die Reaktion?
Da haben sie natürlich leer geschluckt. Aber nach dem ersten Schock waren sie dann total gespannt auf die Nacht bei Minusgraden in Himalaja-tauglichen Schlafsäcken. Und am nächsten Morgen haben sie erst die Viertausender um sich herum gesehen. Die Nacht wird sicher kein Spieler vergessen – das ist mehr wert, als wenn wir ins schönste Hotel der Welt gegangen wären. Die Quintessenz der Spieler war im Nachhinein, mit wie wenig man eigentlich glücklich sein kann. Es war auch für mich ein spannendes Experiment.

Warum machen Sie so was?
Im konditionellen, taktischen und technischen Bereich arbeitet man das ganze Jahr sehr intensiv. Beim vierten Faktor, der Mentalität, geht das während der Saison nur in kleinem Mass. Im Winter hat man ein kleines Fenster für Grenzerfahrungen. Allein der Schnee und die hochalpine Umgebung reichen, um einen Reiz auf das Team auszuüben. Der soll sich jetzt setzen, aber die Fotos des Trips werde ich im Verlauf der Rückrunde an die Wand projizieren, wenn die Spieler mal wieder übertreiben oder zu viel Wohlfühlstimmung aufkommt.

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Sie gelten als sehr nahbarer Trainer, die Spieler duzen Sie. Ist das Ihr Rezept, um mit Diven ­umzugehen?
Führen durch Nähe und Kumpelhaftigkeit ist für mich ein Führungsmittel, ja. Leistung bringt man nur, wenn man sich glücklich und wohl fühlt. In einem Klima von Angst und Misstrauen funktioniert das nicht. Wenn sie Fehler machen dürfen auf dem Platz, werden die Spieler mutiger. Dann steigt auch die Lernbereitschaft.

Keine Angst, als Kumpel die Autorität zu verlieren?
Die Autorität muss ich durch Inhalte und Fach­kompetenz zeigen und wahren. Und bei uns zählt der Leistungsgedanke. Wenn es regnet, sage ich nicht: Gut, wir lassen das Lauftraining mal sein. Von nichts kommt nichts! Wir wollen das laufstärkste Team der Liga sein. Und das sind wir jetzt nach der Hinrunde, weil wir brutal hart arbeiten. Mir geht der Ruf voraus: Ich bin ein kumpelhafter Trainer, aber auch ein harter Hund.

Wie motiviert man junge, erfolgreiche, wohlhabende, prominente Spieler jeden Tag aufs Neue?
Das Training muss Spass machen. Deshalb gibt es neben Konditionstraining, Positionsübungen und so weiter auch immer spielerische Elemente. Denn die Jungs sind Gambler, die wollen spielen. Und wir treffen uns jeden Tag um halb neun zum Frühstück in der Kabine, immer drei Spieler müssen dafür einkaufen. Da wird über alles Mögliche geredet, da kann man vor dem Training schon mal sehr vieles aufbrechen. Ich spreche viel mit den Spielern. Motivation beginnt nie und hört nie auf, sie lebt immer. Vor allem muss man das Team und die Spieler spüren.

Das hat also viel mit Menschenkenntnis zu tun.
Sehr viel. Man muss Menschen lieben! Man muss die Spieler gernhaben! Auf der anderen Seite muss man, wenn die mal übermütig sind – und das sind sie bisweilen –, auch mal sagen: Jungs, das bringt nichts, ich breche das Training ab, ihr könnt gehen! Dann erschrecken sie alle und hängen sich beim nächsten Mal wieder voll rein.

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Behandelt man einen Star anders als einen Nachwuchsspieler?
Es ist klar, dass man im Coaching verschiedene Massstäbe anlegt, aber es ist wichtig, dass man das nicht offensichtlich macht. Wenn ein Spieler einen Fehler macht und etwa dem Ball nicht hinterherläuft, dann kann ich das nicht beim Star durch­gehen lassen und den Nachwuchsspieler tadeln. Da ­arbeite ich diametral anders: Manchmal tadle ich bewusst die Leistungsträger. Dann wissen alle: Wenn der Trainer dem das sagt, dann muss ich mich auch ­anstrengen. Nachher sage ich zu ihm: Hey, das musste mal sein, damit die anderen wieder im Boot sind. Ansonsten fahre ich eine klare Führungsschiene, und dabei helfen mir ganz strikte Regeln und knallharte Sanktionen.

Konkret: Zu spät zum Training – was bedeutet das?
Beim ersten Mal Geldbusse, beim zweiten Mal doppelte Geldbusse, und beim dritten Mal landet der Spieler im Vieraugengespräch. Dann wirds ungemütlich, denn das bedeutet ein Disziplinarverfahren – gelbe Karte!

Wie hoch sind die Geldbussen?
Happig. Den Salären angepasst.

Konkret?
Ein Handyklingeln kann schon mal 100 Euro bedeuten, zu spät in die Teamsitzung kommen 500 bis 1000 Euro. Und beim zweiten Mal doppelt so viel. Es wird aber nicht alles mit Geld gebüsst – es kann auch Material- oder Küchendienst sein, Schuhe putzen oder Training mit der Jugendmannschaft. Wichtig dabei: Den Regel- und Strafenkatalog habe ich mit dem Team zusammen ausgearbeitet, und er wird von den Spielern überwacht.

Sie haben in der Schweiz zwei Unternehmen ­gegründet und geführt, eine Autowerkstatt mit Tuningbetrieb mit vier Angestellten und später einen Hersteller von Berufsbekleidung mit fünf Angestellten und eigener Lohnstickerei. ­Inwieweit nützt Ihnen diese Unternehmererfahrung im Trainerjob?
Als Kleinunternehmer lernt man, wie wichtig der Kundenkontakt ist, die Finanzen, die Werbung, die Presse, meine Aussendarstellung, die richtige Nische zu finden für meine Produkte. Das ist eine sehr ­spezielle Positionierung im Trainerbusiness. Ich habe also gelernt, immer einen Blick aufs Ganze zu haben, operativ wie strategisch, was mir als Fussballtrainer sehr hilft.

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Handeln Sie deshalb Ihre Verträge selbst aus und verzichten auf Berater?
Ja, ich glaube, es gibt sonst keinen Bundesligatrainer, der das so macht. Mein Vertrauen in die Verantwortlichen war immer sehr gross. Wenn für mich das Paket stimmt, muss ich nicht die marktüblichen ­Zahlen herausgequetscht wissen.

Von Ihnen stammt das Zitat: «Ein Trainer hat im Profifussball vielleicht ein Prozent Einfluss auf den Spielverlauf.»
Ich will damit sagen, dass man den Einfluss des Trainers auf den Spielverlauf etwas überschätzt. Profispiele sind Player Games, sie werden durch Spieler entschieden. Ich kann einen Spieler einwechseln, ja. Wenn ich das in der 88. Minute mache und der schiesst dann noch das Siegestor, dann ist mein Einfluss vielleicht bei 50 Prozent. Aber sonst?

Wieso zahlt Ihnen Mainz dann für das eine Prozent rund 800'000 Euro im Jahr?
Ich will Ihre Zahl nicht bestätigen. Das ist so etwa die Summe bei einem mittleren Bundesligaverein, Mainz aber ist ein kleiner Verein. Mein Gehalt bekomme ich als Trainer für den Rest der Woche. Da ist mein Einfluss 90 oder 100 Prozent. Welche Trainings- und Spiel­philosophie man hat, welche Spieler man holt, wohin der Verein geht, die Teamführung, die Motivation. Das ist ein 24/7-Job, man hat keinen freien Tag, auch am Wochenende nicht.

Pep Guardiola wurde von Manchester City mit einem 25-Millionen-Angebot gelockt. Das ist viel, aber immer noch deutlich weniger, als Spitzenspieler wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Thiago Silva verdienen. Wieso dieser Unterschied?
Messi ist nicht 20-mal besser als sein Mitspieler. Aber er lässt sich 20-mal besser vermarkten. Borussia Dortmund verkauft im Jahr – behaften Sie mich nicht auf die Zahl – vielleicht eine halbe Million Trikots. Mehr als die Hälfte davon mit dem Namen von Marco Reus. Die andere Hälfte machen die rest­lichen 22 Spieler. Real Madrid hat für Ronaldo 94 Millionen Euro bezahlt und die Summe innert eines Jahres mit Trikotverkäufen refinanziert. Das geht mit einem Trainer nicht. Wissen Sie, wie viel Trikots Mainz 05 verkauft?

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Keine Ahnung. 30'000?
Knapp 15'000. Da sehen Sie, was so ein Star ausmachen kann. Und deshalb zahlen Sportausrüster astronomische Summen an Topvereine und Weltstars.

Schweizer sind erfolgreich als Trainer, Sie hier, Marcel Koller mit Österreich, Roberto Di Matteo war es mit Chelsea und Lucien Favre mit Gladbach. Zufall?
Die Schweiz hat eine sehr gute, europaweit anerkannte Trainerausbildung. Sehr akribisch und umfangreicher als in anderen Ländern: Hier in Deutschland schafft man es in drei, vier Jahren durch den ganzen Prozess, in der Schweiz dauert es schon mal zehn Jahre bis zur Erlangung der Uefa-Pro-Lizenz. Dann kommt unsere Schweizer Mentalität dazu: die neutrale Sicht auf vieles, das demokratische Denken.

Als einer von wenigen Proficlubs ist Mainz noch heute ein eingetragener Verein. Wie sehr hindert das beim wirtschaftlichen Mithalten mit der Konkurrenz?
Wir sind ein Volksverein: Mainz 05 ist Emotion, Mainz 05 ist Karneval. Aber als eingetragener Verein muss man im Profifussball einen Spagat machen. Viele andere Vereine haben in den letzten Jahren den Profifussball in eine Gesellschaft ausgegliedert. Dieser Schritt könnte eines Tages auch in Mainz zur­ ­Debatte stehen. Wir haben aber dieses Jahr mit dem Vermarkter Infront einen Zehnjahresvertrag über rund 250 Millionen abgeschlossen. Das war ein wichtiger strategischer Entscheid. Wir arbeiten seit Jahren wirtschaftlich erfolgreich, haben vor sechs Jahren ein neues Stadion gebaut, was die Zuschauereinnahmen steigerte. Wir sind der einzige Bundesligaclub mit zwei eigenen Stadien. Dieses Jahr werden wir die 100 Millionen Umsatz knacken.

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100 Millionen in Ehren, aber Bayern München hat letztes Jahr fast das Fünffache umgesetzt. Wird die Bundesliga langfristig zu einer One Club Show, wo Bayern München alles dominiert, ähnlich wie in der Schweiz der FC Basel oder in Griechenland Piräus?
Klar, im Moment ist Bayern total überlegen. Aber auf Dauer ist mit Dortmund, Schalke und Wolfsburg durchaus Konkurrenz vorhanden. Der Weggang von Schlüsselpersonen wie Guardiola oder einem Tor­jäger kann den Markt jederzeit neu regulieren.

In der Premier League wurden die TV-Rechte für 2,5 Milliarden Euro pro Saison verkauft, die Bundesliga bekommt 600 Millionen Euro. Macht die Premier League mit den hohen ­Ab­lösesummen und Gehältern den europäischen Fussball kaputt?
Nächstes Jahr werden auch die deutschen Fernsehrechte neu verhandelt. Das wird, schätze ich, auch nicht mehr unter einer Milliarde gehen. Das wird dann unsere Finanzkraft erheblich steigern.

Auch dann wäre der Unterschied gewaltig.
Trotzdem ist der englische Fussball derzeit nicht um ein Vielfaches erfolgreicher. Ich bin überzeugt, dass die deutschen, spanischen und französischen Mannschaften sportlich konkurrenzfähig bleiben. Und das Geld geben die Engländer ja hauptsächlich für Spielerkäufe im Ausland aus. Also steigt auch bei uns auf dem Festland die Finanzkraft.

Sollen Scheichs, Oligarchen und andere Milliardäre auch bei Bundesligaclubs ein­steigen dürfen?
Nein. Die 50+1-Regelung der Bundesliga ist sehr wirksam. Der Verein soll den Mitgliedern gehören. Der Investor darf nicht das alleinige Sagen haben. Wenn er weggeht, ist das Vakuum riesig.

Sollen die Clubs ihre Spiele selbst vermarkten dürfen, wie das in Spanien der Fall ist?
Die Idee bringt Bayern München immer mal wieder ins Gespräch, denn die drei, vier Topvereine würden profitieren. Alle anderen nicht. Deswegen steigen die Spanier nun auch auf das deutsche Modell um.

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Wie sehen Sie die Causa Blatter?
Ich sehe seine grossen Leistungen, was er aus der Fifa gemacht hat in all den Jahren. Als Walliser bin ich stolz darauf. Das zu bewerten, was darüber hinaus passiert sein soll, liegt nicht an mir. Das liegt in ganz anderen Händen.

Wie muss eine reformierte Fifa in Ihren Augen aussehen?
Sie muss aufgestellt sein wie ein Weltkonzern, mit knallharten Strukturen, getrennt nach den Aufgaben und geführt nach marktwirtschaftlichen Kriterien. Dann wird sie auch ihre Rolle behalten können.

Ist es für Sie denkbar, eines Tages die Schweizer Nati zu trainieren?
So weit denke ich nicht. Ich habe auch nie daran ­gedacht, einen Bundesligisten zu trainieren. Aber ich lasse meine Träume immer nach oben offen. Der Satz «Hab immer mehr Träume, als die Realität zerstören kann», ist für mich sehr wichtig.

Wer wird im Juli Europameister?
Deutschland.

Wie wird die Schweiz an der EM abschneiden?
Die Schweiz kommt ins Viertelfinale.

*Martin Schmidt (48) hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich. Geboren in Naters VS, sömmerte er jeweils auf der Alp mit den Kühen seines Grossvaters. Später machte er eine Ausbildung als Automechaniker; nebenher kickte er beim FC Naters in der Nationalliga B und später beim FC Raron. Dort begann 2001 seine Trainerlaufbahn. Als er 2009 mit der U23 des FC Thun den FSV Mainz 05 im Finale eines Jugendturniers schlug, holte ihn Chefcoach Thomas Tuchel als Jugendtrainer nach Mainz. Seit einem Jahr trainiert er die Bundesligamannschaft. Privat ist er mit dem 21 Jahre jüngeren Unterwäschemodel Jana Azizi liiert.