BILANZ: Sie gelten im deutschen Sprachraum mit Ihren global anlegenden Aktienfonds als einer der erfolgreichsten Fondsmanager der vergangenen Jahre. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Klaus Kaldemorgen:
Es gibt keines. Allerdings verfüge ich über eine relativ lange Erfahrung, bin ich doch seit 1982 im Fondsgeschäft. Da habe ich schon manche Zyklen an den Aktienmärkten erlebt, verfüge also über einen grossen Fundus an Vergleichsmöglichkeiten.

Das hört sich an, als wären Sie ein Einzelkämpfer, der einsam entscheidet.
Keinesfalls. Um Erfolg zu haben, muss man in ein gut motiviertes Team eingebettet sein. Die Kapitalmärkte sind so komplex geworden, dass man nicht mehr alles selber machen kann. So bin ich kein Fachmann für Biotechnologie- oder Pharmawerte. Zwar verstehe ich etwas von den Sektoren, aber nicht von den einzelnen Unternehmen. Dafür gibt es Kollegen, die sich bei den entsprechenden Gesellschaften gut auskennen.

Wie stark ist das Team denn in das tägliche Management der Produkte einbezogen? Wer trifft die Anlageentscheidungen?
Die Anlageentscheidungen trifft bei uns der Fondsmanager. Aber wenn man eine Idee hat oder versucht, eine solche zu entwickeln, dann braucht man einen Sparringpartner, um diese Idee testen zu können. Jeder kann die Expertise des anderen nutzen, sich mit der Hilfe von Kollegen eine Meinung bilden.

Entscheidet man dann nicht im weiteren Sinn doch im Team?
Nein. In unserem Haus liegt, wie gesagt, jeder Anlageentscheid letztlich beim Fondsmanager. Denn bei Teambeschlüssen einigt man sich in aller Regel auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, trifft relativ bequeme, populäre Entscheidungen. Ein Team ist selten bereit, sich auch einmal etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen. Ein Individuum macht das schon eher. Liegt der Fondsmanager mit dem unpopulären Kauf oder Verkauf eines Titels richtig, dann fällt der gesamte Erfolg auch auf ihn zurück. Das ist für Fondsmanager eine starke Motivation. Läuft mal was schief, müssen sie natürlich auch die Prügel einstecken. Bei uns kann sich keiner hinter dem breiten Rücken des Teams verstecken.

Haben Sie Vorgaben vom Anlageausschuss?
Das Gesetz schreibt vor, dass jede Kapitalanlagegesellschaft einen Anlageausschuss hat. Aber der ist eher ein Kontrollgremium, dessen Empfehlungen sehr allgemeiner Natur sind. Die Freiheiten eines Fondsmanagers sind bei uns schon recht gross. Doch muss er sich nach gewissen Eckpunkten richten. Wer etwa einen Technologiefonds managt, kann auch höhere Risiken eingehen. Das weiss der Anleger, oder er sollte es wissen. Bei global oder europaweit investierenden Aktienfonds erwartet der Investor aber ein niedrigeres Risikoprofil. Aufgabe des Anlageausschusses ist etwa zu überwachen, dass aus letztgenannten Fonds keine versteckten Technologiefonds werden, auch wenn die Anlagerichtlinien dies erlauben würden.

Sie und Ihr Team haben ein sehr breites Aktienspektrum abzudecken. Auf welches Researchmaterial stützen Sie sich?
Wir greifen auf externe Unterlagen von Brokern und Investmentbanken zurück. Doch das ist mehr ein erzieherischer Prozess. So können wir uns über die Unternehmen informieren und müssen beispielsweise Bilanzanalysen nicht noch selbst durchexerzieren. In der Regel folgen wir aber diesen Kauf- oder Verkaufsempfehlungen nicht, zumal rund 90 Prozent dieser Analysen Kaufempfehlungen sind. Die Tendenz geht also sehr stark in eine positive Richtung. Die negative Meinung muss man sich meist schon selber bilden.

Was ist denn ausschlaggebend für einen Anlageentscheid?
Das wichtigste Instrument für uns ist das Gespräch mit der Geschäftsleitung des Unternehmens. Dadurch können wir uns – hoffentlich – ein ausgewogenes Bild verschaffen, sei es hinsichtlich Strategie, Konkurrenzumfeld oder Geschäftsmodell. Wichtig ist auch, welchen Eindruck das Management macht. Danach treffen wir unsere Anlageentscheidungen. Unsere 40 Fondsmanager machen jedes Jahr um die 1000 Unternehmensbesuche. Da kommt eine Menge Know-how zusammen.

Sie sind nicht nur Leiter des internationalen Aktienfondsmanagements der DWS, sondern managen auch selbst Aktienfonds. Welchen Anlagestil pflegen Sie, den eines Substanz- oder den eines Wachstumsinvestors?
Value und Wachstum sind ja keine Widersprüche. Denn der Gegensatz von Value ist ja überbewertet, der von Wachstum, sagen wir einmal, zyklisch. Man kann als Wachstumsinvestor allein schon zur Diversifizierung auch Substanzaktien kaufen, wenn diese ein ordentliches Potenzial aufweisen. In einem stark auf Technologieaktien ausgerichteten Portefeuille beispielsweise lässt sich das Risiko durch die Beimischung von Substanzwerten vermindern. Aber wenn ich mich festlegen muss, würde ich mich als Wachstumsinvestor bezeichnen.

Haben Sie bei diesem Anlagestil bevorzugte Anlagethemen, auf denen Sie Ihre Strategie aufbauen?
Ja, es gibt innerhalb der Weltwirtschaft bestimmte Trends, die auch auf die Aktienmärkte durchschlagen. Ein wunderbarer Trend ist die demografische Entwicklung, denn der ist sehr stabil. Ich weiss schon heute, wie die Welt demografisch in zehn Jahren aussehen wird. Vor allem in Europa wird die Bevölkerung immer älter. Das hat positive Auswirkungen auf die Pharmaindustrie, aber auch auf die Finanzbranche. Vom enormen Wachstum in Asien werden wiederum die Energieversorger profitieren.
Ein anderer Trend ist Innovation. Die Geschwindigkeit, mit der sich der technische Fortschritt und damit die Abfolge von innovativen Produkten vollziehen, hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. An Themen wie Biotechnologie oder Internet muss man sich als Fondsmanager einfach orientieren, weil diese massgeblich die Aktienmärkte beeinflussen.

Inwieweit orientieren Sie sich an Vergleichsindizes, den so genannten Benchmarks?
Einfluss auf meine Portfolios haben Benchmarks nur bis zu einem gewissen Punkt. Grundsätzlich sollte ein aktiver Fondsmanager in Unternehmen investieren, weil sie besonders rentabel sind, und nicht wegen einer hohen Gewichtung im Vergleichsindex. Zwar werde ich an einem Benchmark gemessen, deshalb dient dieser als Orientierung. Ich versuche aber nicht, diesen zu duplizieren. Denn wer einen Vergleichsindex schlagen will, muss natürlich auch den Mut zur Abweichung haben.

Das haben Sie auch mit dem von Ihnen gemanagten DWS (CH) Schweiz in den letzten Jahren geschafft; er investiert weltweit in Aktien und ist in der Schweiz zum Vertrieb zugelassen. Ist bei diesem Fonds eine Änderung der Gewichtung vorgesehen?
Die Liquiditätshaltung betrug zu Jahresbeginn nach dem weit gehend enttäuschenden Aktienjahr 2000 noch 20 Prozent des Fondsvolumens. Mittlerweile sind wir im DWS (CH) Schweiz zu 90 Prozent investiert. Dabei wurde der Anteil an Technologietiteln etwas erhöht, der Konsum- und Pharmabereich leicht abgebaut. Denn gegen Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres erleben wir höchstwahrscheinlich einen wirtschaftlichen Aufschwung. Da sollte man dann verstärkt in konjunktursensiblen Werten investiert sein.

Sie bezeichnen sich selbst als Wachstumsinvestor, orientieren sich nur in einem gewissen Rahmen an Vergleichsindizes. Haben angesichts effizienter Märkte aktiv verwaltete Fonds nicht die Daseinsberechtigung verloren? Sollte mit anderen Worten der Anleger nicht in erster Linie in Indexfonds investieren?
So effizient wie in der Theorie beschrieben sind die Finanzmärkte nicht. An ihnen agieren Menschen aus Fleisch und Blut mit Emotionen. Das war doch sehr schön bei den Technologieaktien zu sehen. Wenn die Kurse lange genug steigen, wird der Druck auf den einzelnen Fondsmanger enorm gross, auch selbst bei Höchstkursen noch einzusteigen – in der Hoffnung, an diesem Aufschwung zu partizipieren. Sich dem zu widersetzen, erfordert eine relativ stabile Persönlichkeit. Gerade in einem sich dynamisch verändernden Marktumfeld hat man als aktiver Fondsmanager immer wieder die Möglichkeit, für den Anleger Mehrwert zu schaffen.
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