BILANZ: Vor einem Jahr führten wir ein Interview. Der Titel lautete: «Vier magere Jahre». Was ist seither passiert?

Niall Ferguson: Irgendwie haben wir es geschafft, eine neuerliche grosse Depression zu verhindern. Bis heute wenigstens – denn wir sind noch lange nicht auf sicherem Boden.

Offenbar hat die Medizin der Notenbanken gewirkt: Zinsen herunter, Geldschleusen auf?

Die Stimuli via Steuersenkungen und eine extensive Geldversorgung seit Ende 2008 haben in den meisten Industrieländern die Rezession abgeschwächt. Produktion und Börse haben sich halbwegs erholt, entsprechend konnten wir uns aus der Analogie mit den dreissiger Jahren befreien. Ein Erfolg.

Die Verschuldung ist wie damals riesig.

Wir lernten in einer depressionsähnlichen Lage, dass wir mit Geld- und Fiskalpolitik den Sturz aufhalten können. Das haben wir 2009 dank den Theorien von Milton Friedman und John Maynard Keynes getan. Geht man aber davon aus, dass die Krise ihren Ursprung in der Struktur der Finanzwelt hatte, dann waren all diese Massnahmen nur eine schmerzlindernde Behandlung für einen Schwerstkranken. Denn mit einem jährlichen Verschuldungsgrad von 13 Prozent des Bruttoinlandprodukts kann man vielleicht eine Rezession vermeiden, kreiert aber Riesenprobleme. Mit diesen müssen wir uns ab heute beschäftigen.

Nämlich wie?

Zum Beispiel hat sich der exzessive Hebel in den Bankbilanzen nicht wesentlich geändert, hier müssen wir anpacken. Das Problem des «Too big to fail» haben wir nicht im Griff, obwohl Barack Obama mit Vorschlägen und Drohungen kommt.

Ein richtiger Schritt?

Ein Problem ist und bleibt das Moral-Hazard-Verhalten, das nicht risikogerechte Treiben, das nun systemimmanent ist. Ein zweites Problem sind die «Too big to fail»-Banken, die nun glauben, eine Lizenz zum Gelddrucken zu haben. Die Banker müssen jetzt nur zerknirscht in die Kameras schauen – und ihre Boni in Empfang nehmen.

Obamas Forderungen werden viel Zeit in Anspruch nehmen.

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Das System ist nicht im Ansatz reformiert. Es ist sogar noch schlimmer als zuvor: Gewisse Banken sind noch grösser. Selbst die Medizin ist fragwürdig. Die Stimulus-Pakete basieren auf Keynes. Demnach hätten wir ein Versagen bei der aggregierten Nachfrage. Versagt aber hat das Finanzsystem. Die Kreditkontraktion ist ja nicht entstanden, weil die Nachfrage eingebrochen wäre, sondern wegen des Platzens der Immobilienblase. Es ist wie bei einem Patienten, dem man mit kalten Umschlägen das Fieber entzieht. Der Entzündungsherd aber bleibt.

Hätten die Behörden früher und ­resoluter durchgreifen müssen?

Sicher, wir verpassten die Gelegenheit, als die Regierungen in Europa und in den USA Geld en masse verteilten. Stattdessen hätten sie bereits damals striktere Regeln aufstellen sollen, ein «Quid pro quo». Doch die Politiker waren fixiert auf die Symptome und liessen die Ursachen der Krise ausser Acht. Es scheint ihre Lieblingsbeschäftigung zu sein, sich auf Boni und Löhne einzuschiessen. Nur: Wir reden um den heissen Brei herum. Wir brauchen Strukturreformen. Stattdessen wird an der Kapitalausstattung herumgebastelt, an den Boni, dann gibt es Gespräche über ein Basel III, obwohl Basel II noch gar nicht voll eingeführt ist. Doch ein mögliches Aufbrechen der Konzerne wird bestenfalls am Rand berührt.

Obama gelobt nun Besserung.

Obama und Paul Volcker gehen in die richtige Richtung, wenn sie jetzt das traditionelle Banking vom Casino- und vom Hedge-Fund-Banking trennen wollen. Es sind die beiden letztgenannten Bereiche, welche die Staatsgarantie ausnützten.

Was erwarten Sie als Nächstes?

Wichtig wird sein, dass Obama einen Plan umsetzt, mit dem er die Staatsschulden über die nächsten zehn Jahre abbauen kann. Zentral ist, wie er das Haushaltsbudget wieder ins Gleichgewicht bringt. Dafür braucht es die Fähigkeiten eines Abraham Lincoln. Unsicher macht mich, dass Finanzchef Timothy Geithner oder Wirtschaftsberater Larry Summers gegenüber der «Too big to fail»-Problematik bisher fast eine Laisser-faire-Haltung an den Tag legten.

In Grossbritannien und Frankreich werden temporäre Steuern von 50 Prozent auf Bankerboni diskutiert.
Damit hätte ich keine Mühe. Die Banken profitieren ja von der Staatsunterstützung. Nun sagen sie: Wir haben die Gelder aus dem Troubled Asset Relief Program zurückbezahlt, die wir ohnehin nicht gebraucht hätten. Nun machen wir weiter, wie wir es gelernt haben. Dass nun der Staat kommt und etwas zurückverlangt, halte ich für normal. Meine einzigen Bedenken liegen darin, dass solche Steuer­aktionen international koordiniert werden sollten. Wenn also London durchgreift, sollte das auch in Zürich geschehen. Ansonsten wird nur regulatorische Arbitrage betrieben. Aber seien wir ehrlich: Diese Fiskalmassnahmen sind sehr populistisch, denn die zusätzlichen Steuerbelastungen sind in Relation zu den Billionen-Defiziten geradezu trivial.

Was schlagen Sie vor?

Ich hoffe, dass das Fed gegenüber dem US-Kongress seine Unabhängigkeit bewahren kann. Ich bin ein Befürworter von starken Notenbanken und kein Anhänger von irgendwelchen neuen Superbehörden. Man muss aber den Notenbankern die Möglichkeit geben, Banken mit Strafmassnahmen zu drohen und diese auch durchzusetzen. Ich empfehle allen Walter Bagehots Buch «Lombard Street». Der britische Ökonom aus dem 19.  Jahrhundert, Herausgeber des «Economist», plädierte früh für mächtige Zentralbanken, welche die Systemstabilität garantieren.

Mehr Regulierung bringt nichts?
Mehr Regulierung bringt nicht automatisch mehr Sicherheit. Es waren die beiden stark regulierten Finanzinstitute Fannie Mae and Freddie Mac, die einen Teil der Misere auslösten. Nein, man muss sich im Klaren sein, was falsch ­lief, die regulatorischen Fehlkonstruktionen definieren, sie reparieren. Immerhin gibt es ein paar löbliche Ausnahmen: Adair Turner, Präsident der britischen Financial Services Authority, hat eine tollen Job gemacht und die richtige Medizin vorgeschlagen. Leider ist die Qualität der Arbeit in den USA viel tiefer. Erstaunlich, denn dort müsste man eigentlich am meisten darüber nachdenken.

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Wo sind die Wachstumsmotoren 2010?

Es gibt eine Welt der zwei Geschwindigkeiten: Reife Märkte werden auf einer tiefen Wachstumsrate sitzen bleiben, vielleicht schaffen sie zwei Prozent. In den Wachstumsmärkten, angeführt von China und Indien, wird man es dagegen auf sieben, acht Prozent bringen. Und dieses Wachstum wird stabil sein, weil es zunehmend auch von der Binnennachfrage gestützt wird.

Mit welchen Folgen für die ­Geopolitik?

Die Finanzkrise verstärkt die geopolitischen Spannungen, denn mit der steigenden Arbeitslosigkeit steigt die Unruhe. Deshalb glaube ich auch nicht, dass der aggressive Islamismus 2010 an Virulenz verlieren wird, er wird eher zulegen. Und die Krise macht die internationale Koordination schwieriger. Nehmen wir das Atomprogramm von Iran: China und Russland werden sich gegen harte Sanktionen stemmen, entsprechend wird Israel auf einen Alleingang setzen – was wiederum den Amerikanern nicht passen wird. Deshalb glaube ich, dass die geopolitischen Spannungen in den nächsten zwölf Monaten zunehmen werden.

Top-Historiker
Der gebürtige Schotte ist einer der renommiertesten Wirtschaftshistoriker weltweit. Der 45-Jährige lehrt an drei Topuniversitäten: Harvard, Oxford und Stanford. Sein Spezialgebiet ist die Finanzgeschichte mit Schwerpunkt ­Europa und USA. Mit seinen ­Büchern ­erreicht er ein grosses Publikum. 2009 erschien mit «Der Aufstieg des Geldes» sein jüngstes Werk auf Deutsch.