Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat Anlegerinnen und Anleger auf dem falschen Fuss erwischt. Die SNB hob den Leitzins um einen halben Prozentpunkt an, um den Inflationsdruck zu mindern. Man muss bis ins Jahr 2000 zurückgehen, um einen Zeitpunkt zu finden, zu dem die SNB letztmals einen solch starken Schritt nach oben vollzogen hatte.

Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler begrüsst den Entscheid der SNB, da die Negativzinsen zu einer massiven Verzerrung an den Finanzmärkten geführt hätten. Für den Aktienmarkt ist der Börsenexperte weniger positiv gestimmt: «Steigende Zinsen erhöhen den Diskontierungsfaktor und reduzieren damit die Gegenwartswerte.»

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Kommt hinzu, dass eine konjunkturelle Schwächephase droht: Die Schweizer Wirtschaft wird sich im zweiten Halbjahr unter anderem aufgrund des forschen Vorgehens seitens der Notenbanken wohl abschwächen. Bereits am Abend vor dem SNB-Entscheid hob die US-Notenbank Fed den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte an.

«Die Zinserhöhungen erfolgen nicht in einem Umfeld einer brummenden Wirtschaft, sondern zu einem Zeitpunkt, wo sich die globale Wirtschaft bereits deutlich am Abkühlen ist»

Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler

«Die Zinserhöhungen erfolgen nicht in einem Umfeld einer brummenden Wirtschaft, sondern zu einem Zeitpunkt, wo sich die globale Wirtschaft bereits deutlich am Abkühlen ist», sagt Geissbühler.

Das Risiko sei entsprechend hoch, dass die Notenbanken mit einem zu starken Tritt auf die geldpolitische Bremse eine Rezession auslösten.

Gegenwind an der Schweizer Börse nimmt nicht ab

Der Schweizer Börse setzen diese konjunkturellen und geldpolitischen Gegenwinde seit Jahresbeginn zu. Der Krieg in der Ukraine hat mit den steigenden Rohstoffpreisen von Öl bis Weizen die Inflations-Problematik zusätzlich verschärft.

Allein seit dem SNB-Entscheid hat der Swiss Market Index (SMI) 2,8 Prozent verloren. Das Kursminus seit Jahresbeginn hat sich auf 19 Prozent vergrössert.

«‹USD earner› wie Novartis, Roche und Nestlé dürften von einem positiven Währungseffekt profitieren.»

Raiffeisen-Anlagechef Matthias Geissbühler

Neben dem Warenprüfkonzern SGS (+0,5 Prozent) ist auf Wochensicht Nestlé (+1,0 Prozent) der grosse Lichtblick im SMI. Der Nahrungsmittelkonzern aus dem waadtländischen Vevey spürt zwar auch einen Druck bei den Inputkosten, doch verfügt Nestlé über eine Preismacht, welche die Margen schützen sollte. Dies und das laufende Aktienrückkaufprogramm im Umfang von 20 Milliarden Franken bis 2024 dürfte den Kurs weiterhin stützen.

«Da sich trotz Zinserhöhung der SNB die Zinsdifferenz zu den USA in diesem Jahr vergrössert und der Dollar entsprechend aufgewertet hat, dürften ‹USD earner› wie Novartis, Roche und Nestlé von einem positiven Währungseffekt profitieren», führt Geissbühler an.

Auch bei den Luxusgüterkonzernen Swatch und Richemont gäbe aus dieser Sicht Potenzial, nachdem diese im zweiten Quartal wohl deutlich unter den Lockdowns in China gelitten hätten. So erstaunt es nicht, dass sich die Genussscheine von Roche (-0,6 Prozent) auf Wochensicht besser als der Gesamtmarkt schlagen. Doch auch Givaudan (-1,5 Prozent) und Swisscom (-2,0 Prozent) zeigen trotz negativer Vorzeichen eine überdurchschnittliche Performance.

SMI

Performance des SMI auf Wochensicht 

Quelle: Bloomberg

Insbesondere der Telekommunikationskonzern Swisscom beweist dieses Jahr mit einem Kursplus von 0,9 Prozent seine defensiven Qualitäten. Nicht von ungefähr gilt die Aktie als Stabilisator in einem Anlegerportfolio.

Wachstums- und Immobilienaktien unter Druck

Dass Anlegerinnen und Anleger zunehmend von einer harten Landung der Weltwirtschaft ausgehen, wird bei den zyklischen Werten deutlich. Der zweitschlechteste Wert ist der Technologiekonzern ABB mit minus 9,3 Prozent. Dahinter folgen der Zementkonzern Holcim (-6,8 Prozent), der Pharmazulieferer Lonza (-5,2 Prozent) und der Sanitärkonzern Geberit (-5,1 Prozent). 

«Besonders leiden momentan teure Wachstumswerte, welche aufgrund steigender Zinsen eine deutliche Bewertungskontraktion erfahren», warnt Geissbühler. Dazu zählten Technologiewerte wie Inficon, VAT, Sensirion oder Temenos, Medtechtitel wie Straumann, Sonova, Medartis, Medacta aber auch die High-Flyer im Industriebereich wie Sika, Geberit, Schindler. 

Ebenfalls problematisch seien die höheren Zinsen für hochverschuldete Firmen. Bei ihnen stiegen die bereits hohen Finanzierungskosten weiter an. Firmen, die laut Geissbühler dieses Risiko besonders aufweisen, sind Meyer Burger, Aryzta oder Implenia.

Swiss Life als Verlierer

Der grosse Verlierer auf Wochensicht ist aber Swiss Life (-12,2 Prozent). Die Korrektur seit dem SNB-Entscheid macht den Grossteil des diesjährigen Kursminus von 17 Prozent aus. Dies nicht ohne Grund: Der Lebensversicherer besitzt das grösste Immobilien-Portfolio in der Schweiz, was sich jetzt als Klumpenrisiko entpuppt. Denn eine Korrektur für Immobilienpreise ist nach der SNB-Zinserhöhung von letzter Woche wahrscheinlicher geworden. 

Im gleichen Zug haben auch die Aktien von Schweizer Immobiliengesellschaften deutlich korrigiert. Das grösste Kursminus verzeichnen Plazza (-7,2 Prozent). Dahinter folgen Investis (-6,1 Prozent), Novavest (-6,0 Prozent) und SPS (-5,8 Prozent). Damit intensiviert sich der Kursrückgang, der bei den meisten Immobilien-Titeln bereits Ende Mai seinen Anfang nahm.

Ausverkauf bei den Schweizer Pennystocks 

Der breit abgestützte Swiss Performance Index (SPI) hat seit dem SNB Zinsentscheid 2,1 Prozent verloren und sein Kursminus seit Jahresbeginn auf 18 Prozent vergrössert. Angeführt wird das Gewinnerfeld vom unter Finanzierungsproblemen kämpfenden Leclanché (+19,2 Prozent).

Dahinter folgt mit einem gewissen Abstand der Pharmaunternehmen Basilea (+15,3 Prozent), das von einer Meilensteinzahlung durch den US-Pharmakonzern Pfizer profitiert. Gegen den Trend bei den zyklischen Werten stemmen sich die Industrieunternehmen Elma Electronic (+9,5 Prozent) und Starrag (+7,0 Prozent). 

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Aber bei Starrag dürfte dieses Aufbäumen wohl nur von kurzer Dauer gewesen sein: Zukünftig gibt es laut Geissbühler Gegenwind für Unternehmen, die einen hohen Exportanteil in Europa haben. Da die SNB ihren Zinsschritt vor der EZB vorgenommen habe, habe sich der Euro weiter abgeschwächt: «Der Euro dürfte wohl bald unter die Parität fallen.» Ein zusätzlicher Gegenwind für Geberit, Arbonia, Zehnder oder eben auch Starrag.

Der Online-Reiseanbieter LM Group (+5,8 Prozent) befindet sich zwar nicht in der Top Ten, gehört aber auch zumindest kurzfristig zu den Gewinnern. Angetrieben werden die Aktien durch die starke Nachfrage nach Freizeitreisen, was bereits vor dem Beginn der Sommerferien zu teils turbulenten Szenen an Europas Flughäfen geführt hat.

Die auf Europa fokussierte LM Group hat im ersten Quartal den Umsatz bereits massiv gesteigert und wieder Gewinn gemacht. Der Titel hat trotz der positiven Geschäftsentwicklung seit Jahresbeginn 17,6 Prozent verloren.

SPI

Performance des SPI auf Wochensicht 

Quelle: Bloomberg

Das Verliererfeld wird mit Addex (-69,5 Prozent), Blackstone Resources (-25,0 Prozent) und Relief Therapeutics (-17,2 Prozent) von Pennystocks angeführt. Diese sind hochspekulative Werte, unterliegen meist starken Kursschwankungen und reagieren negativ auf steigende Zinsen.

Autoneum und Rieter unter den Top Flops

Das Biotechnologieunternehmen Addex hat letzten Freitag wegen eines Studienstopps bei einem Schlüsselkandidat die Finanzziele ausgesetzt, was die Aktie abstürzen liess. Und Relief Therapeutics erlitt diese Woche einen Rücksetzer bei einem US-Zulassungsantrag. Dies reicht bei diesem Titel aus, um einen Stock tiefer zu fallen.

Mit Autoneum (-16,7 Prozent) und Rieter (-14,1 Prozent) befinden sich auch im SPI zyklische Titel unter den Top Flops. So bekommt Autoneum die Folgen des Ukraine-Kriegs zu spüren. Zudem verzögern neue Lockdowns in China das Wachstum in Asien. Als Folge hat der Winterthurer Autozulieferer die Prognose für 2022 letzte Woche gesenkt.

Und auch bei Rieter verzögern anhaltende Probleme in der Lieferkette Abarbeitung der randvollen Auftragsbücher. Die Margen sind in der Folge wohl unter Druck.