Vor drei Wochen schien die Welt noch in Ordnung. Beim «Salon International de la Haute Horlogerie», der Luxusuhrenmesse in Genf, liessen sich die Aussteller nicht lumpen: Sie griffen zum ganz grossen Besteck, um ihre teuren Zeitmesser zu präsentieren. Baume & Mercier liess einen Vintage-Rennwagen einfliegen. Montblanc machte ein Hightech-Labor aus seinem Messestand. Bei Parmigiani Fleurier sah es aus wie in einem Wohnzimmer aus dem Edel-Möbelkatalog.

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Die Verantwortlichen der Schweizer Uhrenindustrie waren auch sonst bemüht, gute Stimmung zu verbreiten: «Wir hoffen auf ein Jahr der Stabilisierung und Konsolidierung», sagte Nicolas Bos, Manager der Richemont-Marke Van Cleef&Arpels. «Das Schlimmste scheint hinter der Schweizer Uhrenindustrie zu liegen», hiess es von LVMH-Chef Jean-Claude Biver. Noch im Jahr 2015 waren die Uhrenexporte der Schweiz schliesslich empfindlich zurückgegangen.

Markanter Exportrückgang

Nur wenige Tage nach der Genfer Uhrenmesse machte sich dann Katerstimmung breit, als der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie FH Zahlen zum Geschäftsjahr 2016 veröffentlichte. Demnach musste die Schweizer Uhrenindustrie auch im Jahr 2016 einen markanten Exportrückgang hinnehmen. Der Wert der ausgeführten Uhren sank um 9,9 Prozent auf 19,4 Milliarden Franken. Insgesamt verkaufte die Branche im vergangenen Jahr so wenige Zeitmesser wie seit dem Jahr 2009 nicht mehr. Vor allem Luxusuhren mit einem Wert von mehr als 3000 Franken waren 2016 weniger gefragt. In diesem Luxussegment schrumpfte der Absatz um fast zwölf Prozent. 

 

Die Krise der Schweizer Uhrenhersteller ist also keineswegs überwunden. Grund dafür sind nach Angaben des Uhrenverbandes Massnahmen der chinesischen Regierung zur Korruptionsbekämpfung wie die Einführung einer Luxussteuer, der flaue Tourismus in Europa sowie der starke Schweizer Franken. Wie zur Bestätigung der miesen Lage legte die Swatch Group Ende der Woche noch ihren Zahlenkranz für das vergangene Geschäftsjahr vor – früher als erwartet. Die Bilanz fällt enttäuschend aus: Sowohl beim Nettoumsatz als auch beim Reingewinn verfehlte der Konzern noch die pessimistischsten Annahmen.

Nicht nur das sorgte bei Anlegern für Unmut: Swatch verkündete auch noch eine Dividendenkürzung für das Jahr 2017. Danach ging es für die Swatch-Aktie an der Schweizer Börse steil bergab. Analysten zeigten sich wenig begeistert: Vor dem Hintergrund des starken Liquiditätspolsters wäre die Dividendenkürzung nicht nötig gewesen, hiess es von der Zürcher Kantonalbank. Kepler Chevreux rät schon seit Monaten zum Verkauf des Swatch-Valors und bleibt auch dabei.

Talsohle erreicht

Aber es gibt Hoffnung. «Schweizer Uhrenhersteller mussten 2016 ein Dürrejahr überstehen. Es gibt jedoch deutliche Anzeichen dafür, dass die Margen und Umsätze im vergangenen Jahr ihre Talsohle erreicht haben», sagt Scilla Huang Sun, Leiterin des Aktienbereichs und Portfoliomanagern eines Luxusgüterfonds bei GAM. Selbst die am schwersten getroffenen Märkte – etwa Hongkong – könnten bald wieder Zuwächse verbuchen, erwartet sie. Für Schweizer Uhrenhersteller wie Swatch und Richemont komme der starke US-Dollar als unterstützender Faktor hinzu. 

Immerhin kündigte Swatch-CEO Nick Hayek nun mit Blick auf die Stimmungsaufhellung in China für dieses Jahr in Lokalwährungen ein Wachstum von 7 bis 10 Prozent an. Das sagte er im Interview mit der Westschweizer Zeitung «Le Temps». Anleger schenkten seinen Worten zunächst aber offenbar kaum Glauben: Die Swatch-Aktie sank im frühen Handel leicht. 

Smartwatches werden beliebter

Ein weiterer Positivfaktor, der langfristig aus der Krise führen könnte: Die Schweizer Uhrenhersteller haben endlich erkannt, dass Smartwatches inzwischen beliebter sind als traditionelle Armbanduhren. Viele Firmen hatten die neue Konkurrenz durch Smartwatch-Hersteller wie Apple lange unterschätzt. Nun bewegen sie sich allmählich.

So hat etwa die LVMH-Marke TAG Heuer inzwischen eine Smartwatch auf den Markt gebracht, die es mit Konkurrenzprodukten wie der Apple Watch oder Samsung Gear aufnehmen kann. Wer davon profitieren will, sollte sich den LVMH-Valor genauer ansehen. Ein weiterer Vorteil des Konzerns: Das Unternehmen konzentriert sich nicht nur auf die schwächelnden Produktkategorien Uhren und Schmuck, sondern verkauft auch Handtaschen, Champagner und andere Luxuswaren.

Diversifikation als Trumpf

So macht es auch Richemont. In der Krise der Uhrenindustrie ist es ein Vorteil, dass der Konzern nicht nur teure Zeitmesser verkauft, sondern auch andere Luxusgüter – etwa Schreibgeräte. Richemont scheint nach einigen Krisenmonaten wieder auf die Füsse zu kommen: Im Weihnachtsquartal konnte der Konzern mit Sitz in Bellevue im Kanton Genf zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr wieder einen Umsatzanstieg verbuchen. Der Umsatz stieg zwischen Oktober und Dezember 2016 um sechs Prozent auf 3,09 Milliarden Euro. Zwar trugen vor allem Schmuckstücke von Konzernmarken wie Cartier zum Umsatzwachstum bei, während das Uhrengeschäft hinterherhinkte.

Nach den Quartalszahlen schoss der Aktienkurs von Richemont innerhalb weniger Stunden um sieben Prozent nach oben. Seitdem ging es mit dem Kurs wieder abwärts. Analysten halten den Richemont-Titel jedoch für langfristig attraktiv. René Weber, Analyst der Bank Vontobel, hat seine Kaufempfehlung zuletzt bestätigt. Der Valor könnte im Jahresverlauf Glanz ins Portfolio bringen.

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Sehen Sie in der Bildergalerie unten, die zehn wichtigsten Persönlichkeiten - das «Who is who» - in der Schweizer Uhrenwelt: