Die Erholungsphase nach dem Crash hatte es in sich. Vom 23. März bis zum 20. April legte der Schweizer Leit­index SMI 20 Prozent zu. Die US-Börsen festigten sich in dieser Zeit um fast 30 Prozent. Mehr als die Hälfte des Ausverkaufs ist wieder gutgemacht. Die Börsen stehen dort, wo sie im Sommer 2019 standen. Beim SMI ist das Allzeithoch nur noch 14 Prozent entfernt.

Angesichts Hunderter Millionen neuer Arbeitsloser, düsterer Quartalsergebnisse und der grössten Rezession der Weltwirtschaft seit den 1930er Jahren stellt sich die Frage, ob die Finanzmärkte nicht ein wenig zu ­optimistisch in die Zukunft blicken und der grosse Ausverkauf erst noch kommt.

Börsen in Bärenmarktrally

Geht es nach den Pessimisten, befinden sich die Börsen in einer sogenannten Bärenmarktrally. So werden kurze Aufschwungphasen an den Aktienmärkten bezeichnet, die einen längerfristigen Abschwung nur vorübergehend unterbrechen.

Rallys in ­Bärenmärkten sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Im US-Leitindex S&P 500 wurden seit 1927 14 Bärenmärkte (definiert durch einen Markteinbruch von mindestens 20 Prozent) gezählt. Innerhalb dieser gab es 20 Bärenmarktrallys mit Kurs­zuwächsen von mehr als 15 Prozent. Im Schnitt hielten diese Rallys 78 Tage an.

Zahlreiche Beispiele für Bärenmarktrallys lieferte auch der SMI. Während der Schweizer Markt in der Finanzkrise zwischen ­Oktober 2007 und März 2009 um 51 Prozent korrigierte, fanden fünf mehr oder weniger kurze Erholungsphasen mit Zuwächsen von bis zu 16 Prozent statt.

Neue Tiefstände erwartet kaum jemand

Der grösste Teil der Experten prognostiziert für die Börsen zwar weitere Rückschläge, rechnet jedoch nur mit einem kurzen Bärenmarkt. Neue Tiefstände erwartet kaum jemand. «Gelingt der Exit aus dem Lockdown einigermassen zügig und wird eine massive zweite Ansteckungswelle vermieden, wird es keinen jahrelang anhaltenden Bärenmarkt geben», sagt Thomas Stucki, der Chefanleger der SGKB. Die bisherige Rally sei zum Teil eine ­Korrektur des übertriebenen Ausverkaufs. Zudem könne mit Hilfe der staatlichen Hilfsprogramme und der Notenbanken die Struktur der Wirtschaft über die Krise ­gerettet werden.

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Thomas Heller, CIO der Schwyzer Kantonalbank, sieht das ähnlich: Corona werde früher oder später eingedämmt. Der zugrunde liegende Trend sei «nicht abwärts gerichtet».

Geht es nach Heller und Stucki, wurden die Tiefstände an den Börsen bereits ­erreicht.

Auf Grün stehen die Ampeln an den Börsen jedoch nicht. CIO Heller sind die Aktienmärkte bereits zu optimistisch. Er sieht die Gefahr von «grösseren Kursrückschlägen». Es brauche wenig, die Märkte ins Rutschen zu bringen. Vor allem auf steigende Corona-Fallzahlen würden die Märkte «sehr nervös reagieren».

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