Veränderung ist ein wichtiger Katalysator für Wachstum. Während Phasen erheblicher Veränderungen können sich Branchenstrukturen verschieben – zum Guten oder zum Schlechten. Einige Unternehmen werden stärker, andere werden schwächer oder gehen zugrunde. Es herrscht Ungewissheit, aber zugleich bietet sich die Gelegenheit herauszufinden, was der Markt in Bezug auf die Aussichten eines Unternehmens möglicherweise übersieht.

Nur selten gibt es Phasen der Veränderung, die bedeutender sind als jene, die wir derzeit durchleben.

Anne-Marie Peterson ist Portfoliomanagerin bei Capital Group.

In jedem Umfeld kann man Gelegenheiten für grossartige langfristige Anlagen finden. Jeder Konjunktureinbruch ist anders. Was an der aktuellen Phase interessant ist, ist die Tatsache, dass auf disruptive Technologien und Konsum spezialisierte Unternehmen, die während der Expansionsphase eine Führungsrolle eingenommen hatten, noch immer in dieser Führungsrolle sind.

In der Regel konnten Marktführer bei einem Konjunktureinbruch während dieser Phase oder auf dem Weg aus dieser Phase ihre Führungsrolle nicht aufrechterhalten, doch derzeit findet meiner Meinung nach ein fundamentaler Wandel statt.

Trends mit langfristigem Potenzial

Über allem steht, dass Covid-19 die langfristige Verschiebung hin zur Digitalisierung beschleunigt hat. Wir erleben hier die Beschleunigung eines strukturellen Wandels, der lange anhalten wird.

Das klassische Programmfernsehen und sein Werbemodell sehen sich stärkeren Herausforderungen gegenüber als je zuvor. Die Insolvenzen von Detailhandelsunternehmen haben zugenommen und übersteigen jene in der weltweiten Finanzkrise – weitere werden folgen.

Und obwohl diese Verschiebungen bereits über einen langen Zeitraum hinweg stattgefunden haben, ist der interessante Punkt, dass sie sich trotzdem noch in den Kinderschuhen befinden. In den USA wächst der Onlinehandel schnell, stellt aber nur einen Bruchteil des gesamten Detailhandelsumsatzes in den USA dar und hinkt China und anderen Märkten hinterher.

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Ein anderes Beispiel ist der Zahlungsverkehr. Während der Pandemie waren viele von uns gezwungen, Dinge digital zu bezahlen. Es kann schwierig sein, eine Gewohnheit zu ändern, doch wenn man es erst einmal getan hat, kann dies von Dauer sein.

Selbst im Hinblick auf den öffentlichen Sektor gewinnt die Digitalisierung an Fahrt. Im Gesundheitswesen sind die Nutzung von Telemedizin oder Online-Sprechstunden von Ärzten – beides hat sich ab März explosionsartig vermehrt – ein Trend, der von Dauer sein wird. Diese Dienstleistungen standen den Patienten schon seit Langem zur Verfügung, wurden aber kaum genutzt.

Unternehmen, deren Produkte oder Dienstleistungen die Welt verbessern können, weisen Potenzial auf. Die Definition von Wachstum ist breiter angelegt als die herkömmliche. Wachstum in drei grossen Phasen, abhängig davon, an welchem Punkt seines Lebenszyklus sich ein Unternehmen befindet.

  • Wachstumsphase 1: Zur ersten Gruppe gehören Unternehmen, die in einer frühen Phase wachsen. Das sind häufig Innovatoren, deren Angebote sich potenziell disruptiv auf bestehende Geschäftsmodelle auswirken. Sie haben oftmals potenziell grosse adressierbare Märkte und ihre Produkte befinden sich in einer frühen Phase der Annahme durch die Kunden. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist Shopify, das kleinen Händlern Ressourcen für Zahlungsverkehr, Kundeninteraktion, Versand und Marketing bereitstellt.
  • Wachstumsphase 2: Ein zweiter Typ sind solide Player mit langen potenziellen Wachstumspfaden. Amazon könnte als Beispiel dafür angesehen werden. Plattformen wie eine E-Commerce-Website gewinnen mit steigenden Teilnehmerzahlen an Stärke. Und Umsatz führt zu mehr Umsatz. Daher steht mehr Geld zur Verfügung, das in die eigene Technologie investiert werden kann. Wie bereits erwähnt, macht der Onlinehandel nach wie vor nur einen Bruchteil der Gesamteinzelhandelsumsätze in den USA aus.
  • Wachstumsphase 3: Eine dritte Wachstumskategorie sind reife Unternehmen, die in der Lage sind, mehr aus ihren vorhandenen Assets zu machen, sei es durch eine strukturelle Änderung oder durch einen bestehenden Ansatz. Vor einem Jahrzehnt hätte Home Depot in diese Kategorie gepasst. Heute wären mögliche Beispiele der Medizingerätehersteller Boston Scientific oder der Eisenbahnbetreiber CSX Transportation.

Ab in die Zukunft: Die Welt im Jahr 2030

Eine der interessantesten Dinge, die wir im 2030 erleben könnten, wäre eine Art von David gegen Goliath: der Aufstieg der kleinen Unternehmen und die Macht des Einzelnen gegenüber den Grossunternehmen. Wir sehen eine neue Welle von Onlinesoftware-Anbietern und E-Commerce-Unternehmen, die Back-End-Infrastrukturtools entwickeln, die das Potenzial haben, kleinen und mittleren Unternehmen neue Möglichkeiten zu eröffnen.

In der Vergangenheit waren ein grosses Investitionsbudget und eine grosse IT-Abteilung erforderlich, um ein Einzelhandelsgeschäft zu betreiben. Die Werkzeuge, die derzeit entwickelt werden, senken die Barrieren beim Erreichen von Kunden und Verwalten von Lagerbeständen. Es wird für den Einzelnen möglich werden, ein Geschäft in 15 Minuten zu eröffnen, um zum Beispiel T-Shirts weltweit zu verkaufen.

Während die Gewinne der ersten Welle der von Google und Facebook entwickelten Online-Dienstleistungen von einigen wenigen grossen Unternehmen abgeschöpft wurden, kann die nächsten Welle der Fortschritte zur Streuung der wirtschaftlichen Macht und zu einer Gelegenheit für kleinere Unternehmen führen.

In ähnlicher Weise werden wir wohl im Gesundheitssektor eine Demokratisierung der Gesundheitsversorgung erleben. Derzeit haben die meisten von uns keinen unmittelbaren Zugriff auf Schwankungen ihres Cholesterinwerts oder ihrer Herzfrequenz. Ich denke, dass wir eine verstärkte Fernüberwachung erleben werden, die mit intelligenten Verabreichungssystemen für Medikamente und andere Therapien verbunden werden kann.

Hier und da können wir bereits einen Blick darauf erhaschen. Unternehmen wie Insulet und Dexcom entwickeln Geräte, die eine Fernüberwachung und -verabreichung von Medikamenten für Diabetiker ermöglichen. In zehn Jahren könnte das Konzept stärkere Verbreitung gefunden haben und die Geräte könnten zum Beispiel in der Lage sein, Warnungen an Ihren Arzt zu senden.

Indem Unternehmen wie Intuitive Surgical Robotertechnik für chirurgische Eingriffe entwickeln, könnten diese Fortschritte bis zu einem Punkt führen, an dem es medizinische Remote-Geräte und Roboter einem Spezialisten in Japan ermöglichen, eine Behandlung eines Patienten im US-amerikanischen Hinterland vorzunehmen. Jeder wird Zugang zu führenden Spezialisten haben, unabhängig vom Wohnort. Die Grundsteine für all das sind gelegt, und all das birgt das Potenzial für bessere Ergebnisse und niedrigere Kosten.