Der weltweite Rekordabsturz der Aktienmärkte nahm lediglich die institutionell begründeten, gezielten globalen Shutdowns voraus – welche wiederum für den wirtschaftlichen Rückgang sorgten. Der SPI fiel in nur 24 Handelstagen um 26,3 Prozent. Obwohl nun der Bundesrat und die europäischen Regierungschefs mit der Wiedereröffnung beginnen, bleiben die Sorgen gross. Die exportorientierte Schweiz leidet unter den rückläufigen weltweiten Importen. Eine zweite Viruswelle ist möglich.

Kenneth Fisher

Ken Fisher ist Gründer und Präsident von Fisher Investments, einer Vermögensverwaltungsfirma mit Niederlassungen in sechs Ländern, die rund 100 Milliarden Dollar verwaltet. Fisher zählt zu den einflussreichsten (und auch reichsten) Investment-Managern der USA.

Um jetzt jedoch gut zu investieren, muss man die Aktienmarkt-Sichtweise von der Wirtschaft trennen – und auch der menschlichen Tragödie. Auf fallende Märkte folgt der Aufschwung, und zwar meist früher und kräftiger als erwartet.

Dabei wird sich Ihre heutige Positionierung enorm auf Ihren Ertrag auswirken. Hier hängen die möglichen zwei Pfade von einem Faktor ab: nämlich der Dauer des Rückgangs. Sie dürfte die führende Kategorie bestimmen.

Korrektur? Oder Bärenmarkt?

Marktschwächen treten grundsätzlich in zwei Varianten auf: Korrekturen und Bärenmärkte. Korrekturen sind schnelle Rückgänge um -10 Prozent bis -20 Prozent. Sie werden von sinkender Stimmung angetrieben, nicht von einer wirtschaftlichen Verschlechterung. Die Aktien erholen sich ebenso rasch wie sie abstürzten, noch bevor die Ängste schwinden.

In der Schweiz geschah das zuletzt Ende 2018, als der SPI innert vier Monaten um 12,5 Prozent fiel.

Bärenmärkte sorgen üblicherweise für stärkere, längere Rückgänge mit letztlich erkennbaren, grundlegenden Ursachen. Sie beginnen meist langsam, weil die Aktien schrittweise die steigende Wahrscheinlichkeit einer Rezession einpreisen. Baissen halten sich länger und der Abschwung beschleunigt sich bis zu ihrem Tiefpunkt. Die Schweiz und Europa litten von 2010 bis 2011, als die Märkte aufgrund der Staatsschuldenkrise in der Eurozone eine Rezession erwarteten, unter einem regionalen Rückgang, bei dem der SPI um -28,2 Prozent abrutschte.

Der Abschwung

Der aktuelle Rückgang ist untypisch. Es handelt sich um einen Bärenmarkt, weil er gross genug ist und eine erkennbare Ursache hat: den wirtschaftlichen Rückgang wegen der gesellschaftlichen Reaktion auf Covid-19. Bislang verhält er sich jedoch wie eine übergrosse Korrektur. Es hat nicht langsam begonnen. Innert weniger Tage kippten die Aktien weltweit von Allzeithochs in den Bereich eines Bärenmarkts – so schnell wie nie zuvor.

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Der Abschwung traf ein, als die Wirtschaft im Wachstum begriffen war. Sie schwächelte nicht und befand sich auch nicht in einer Blase.

Diese Unterscheidung wirkt trivial, sie ist es aber nicht. Aktien, die nach einer Korrektur führen, unterscheiden sich erheblich von denen, die nach einem Bärenmarkt führen. Nach einer Korrektur hat sich die Wirtschaft nicht fundamental verändert. Wer vorher führte, führt üblicherweise auch danach. Nehmen wir die Korrektur 2018: Grosse Wachstumsaktien führten davor und danach, wie ich damals hier vorausgesagt hatte. Falls die aktuelle Geschäftsunterbrechung sich als kurz erweist, sollte sich das trotz des Ausmasses, das offiziell für einen Bärenmarkt spricht, wiederholen.

Grosse Wachstumsaktien

In diesem Fall heisst es, sich wieder auf grosse Wachstumsaktien mit hohen Bruttogewinnmargen zu konzentrieren. Schauen Sie auf Technologie und ähnliche Unternehmen der Kommunikationsdienstleistung, wo Netflix, Facebook und Google sitzen. Peilen Sie wachstumsstarke Unternehmen aus den Bereichen Healthcare und Nichtbasiskonsumgüter an wie Medizingerätehersteller und Produzenten von Luxusgütern.

Kleinere Unternehmen und solche in wirtschaftlich sensiblen Bereichen (Industrie, Rohstoffe, Finanzen) würden dann hinterherhinken. Dafür müssten Sie sich im Ausland nach Technologiewerten umsehen, da es auf dem schweizerischen Markt nur wenige davon gibt. Schauen Sie in die USA, nach Deutschland oder in die Niederlande. Die Schweiz verfügt über attraktive Healthcare-Namen – meist aus der Pharmazie – sowie über einige Konsumgüterproduzenten. Wenn Sie diese anvisieren, können Sie mit französischen Luxusunternehmen und amerikanischen Medizingeräteherstellern diversifizieren.

Wirtschaftlich sensiblere Werte

Sollte der Abschwung länger anhalten, müssten Sie einen anderen Ansatz wählen. Nach klassischen Bärenmärkten führen die kleineren, weniger bekannten, wirtschaftlich sensibleren Werte. Sie werden vom Abschwung durch Konkursängste oft besonders hart getroffen. Sobald die Märkte jedoch eine weniger schlimme Realität erwarten, schnellen sie nach oben – wie bei der letzten globalen Baisse. In den zwei Monaten nach dem Aktientiefpunkt am 9. März 2009 stiegen die Werte kleinerer Unternehmen sprunghaft um 49,4 Prozent und schlugen den Zuwachs der gesamten Aktien von 34,3 Prozent.

«Meiden Sie defensive Aktien. Sie hinken in steigenden Märkten hinterher. Erst recht zu Beginn.»

Bis zum Jahresende 2009 lagen die Werte kleinerer Unternehmen 78,4 Prozent über dem Tiefstwert und schlugen die 53,7 Prozent der globalen Aktien. Die Schweiz bietet kleinere Werte in Massen. Wenn die derzeitigen Betriebsschliessungen zu einem den ganzen Sommer anhaltenden Rückgang führen, dürften diese Firmenwerte frühzeitig steigen – insbesondere Industrie-, Rohstoff- und Finanzwerte im In- und Ausland.

Versorgungs- und Telekomunternehmen

Meiden Sie auf jeden Fall defensive Aktien wie Versorgungs- und traditionelle Telekomunternehmen. Sie hinken in steigenden Märkten hinterher, erst recht zu Beginn. Zudem profitieren diese üblicherweise höher verschuldeten Firmen von fallenden Zinsen. Da jedoch fast alle Zentralbanken die kurzfristigen Zinsen auf null oder darunter gesenkt und umfangreiche quantitative Lockerungen vorgenommen haben, sind die niedrigen Zinsen in diesen defensiven Aktien bereits eingepreist. Sehen Sie sich woanders um.

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Bisher hat sich dieser Abschwung trotz seiner Stärke eher wie eine Korrektur als wie ein Bär verhalten. Das könnte sich ändern, aber erst einmal sind Qualität und Wachstum die bevorzugte Wahl. Sie haben sich auch bei Rückgängen besser gehalten, in denen Technologie, Healthcare und viele grosse Konsumtitel den Sturm besser als die meisten überstanden haben.

Dieses globale Dilemma ist für alle schmerzlich. Ich fühle persönlich mit Ihnen. Aber steile Rückgänge gehen immer zu Ende, weit bevor die Erholung begriffen wird. Seien Sie vorher auf die Erholung vorbereitet.