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Gesundheitswesen
«Am Ende des Tages messen uns die Kunden an der Prämie»

Philomena Colatrella

CSS-Chefin Philomena Colatrella, Vorsitzende der Konzernleitung der CSS: «In der Vernetzung sehe ich einen wesentlichen Treiber für Qualität und Kostenbewusstsein.»

Quelle: Phil Müller

CSS-Chefin Philomena Colatrella schlägt vor, einen Indikator für das Kostenwachstum zu ermitteln. Die Gesundheitskosten dürfen einen bestimmten Prozentsatz nicht übersteigen, damit sie tragbar bleiben. Der Wachstumsfaktor soll den Lohn­index, die demografische Entwicklung sowie den medizinischen Fortschritt berücksichtigen.

Von Sandra Escher Clauss
am 30.04.2019

Welche Schritte unternehmen Sie, um die Transparenz im Gesundheitswesen zu erhöhen?

Die CSS setzt sich dafür ein, dass die Qualität der Leistungserbringung im schweize­rischen Gesundheitssystem transparent erhoben und ausgewiesen wird. Wir betreiben basierend auf eigenen Daten, aber auch auf frei verfügbaren und vertraglich zur Ver­fügung gestellten Qualitätsdaten das Portal Qualicheck. Mit diesem können die Behandlungsqualität und die Patientenzufriedenheit in Schweizer Akutspitälern verglichen werden. Auch auf politischer Ebene sind wir aktiv. Wir setzen uns dafür ein, dass die Transparenz, die Verbindlichkeit und die Sanktionen wirklich durchgesetzt werden.

 

Die Stärkung der Eigenverantwortung ist eine Variante, um die Kosten ein­zudämmen. Wie wäre es mit Einheitsprämien und Einheitskassen?

Nein, das ist für uns überhaupt keine Alternative, denn wir sehen, dass der Wettbewerb unter den Krankenversicherern funktioniert. Wir setzen uns dafür ein, dass die Solidarität nicht überstrapaziert wird.

 

Was bedeutet das?

Bei den Zusatzversicherungen ist es legitim, eine Verhaltensänderung finanziell zu be­lohnen. Doch im Bereich der Grundver­sicherung gelten andere Regeln. Als chronisch kranke Person haben Sie gar keine Möglichkeiten, Ihr Verhalten oder Ihren Gesundheitszustand zu beeinflussen. Deshalb sind wir dagegen, dass die Versicherten mit finanziellen Anreizen zu einer Verhaltens­änderung gedrängt werden.

 

Wo würden Sie das Schweizer Gesundheitssystem auf einer Skala von 1, sehr krank, bis 10, sehr gesund, einordnen?

Auf Platz sieben.

 

Mit welcher Begründung?

Im Vergleich zum Ausland ist der Zugang zu medizinischen Leistungen hierzulande sehr gut. Während in England die Menschen in 40 Prozent der Fälle bis zu vier Wochen ­warten müssen, bis sie zu einem Spezialisten können, ist das bei uns nur in rund 18 Prozent der Fälle so. Abstriche mache ich, weil wir ein qualitativ gutes, aber sehr teures Gesundheitssystem haben. Dies unter anderem aufgrund der vielen Fehlanreize im System und der hohen Anspruchshaltung der Pa­tienten. Stellt man die Outcome-Qualität in Relation zu den Kosten, ist diese in der Schweiz tief. Und das ist der Grund für die Note 7.

 

Wo müssten die Hebel angesetzt werden, damit die Outcome-Qualität steigt?

Aktuell sind verschiedene Vorstösse in der Pipeline: die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen, die auch zu einem nahtlosen Patientenpfad führen würde; die Qualitätsvorlage, die von der ständerätlichen Kommission endlich ver­abschiedet worden ist, und die nötigen Anpassungen in der ambulanten Tarifstruktur Tarmed. Ein grosser Teil der Ineffizienzen, die im Expertenbericht des Bundes auf 20 Prozent veranschlagt werden, sind in der Tarifstruktur zu finden. Das Thema Qualität wird im Übrigen im Rahmen von inte­grierten Versorgungsmodellen seit Jahren gut adressiert – diese Modelle sind deshalb weiter auszubauen.

 

Welche Lösungen schlagen Sie vor?

Zum einen ist es wichtig, dass die Eckwerte der Qualitätsvorlage operationalisiert werden, damit Qualität effizienzfördernd und somit kostendämpfend wirkt. Zudem sind wir der Ansicht, dass das Thema Kostenziele dahingehend diskutiert werden soll, dass ein Indikator für das Kostenwachstum ermittelt wird, der den Akteuren im Gesundheits­wesen als Orientierung dient.

Die Gesundheitskosten dürfen künftig nicht mehr als um einen bestimmten Prozentsatz ansteigen, damit sie tragbar bleiben. Der Wachstumsfaktor soll den Lohnindex, die demografische Entwicklung sowie den medizinischen Fortschritt berücksichtigen. ­Damit könnten wir die Transparenz verbessern und den Wettbewerb zwischen den verschiedenen Akteuren im Gesundheitswesen fördern, denn diejenigen, die ihr Kostenziel nicht erreichen, müssen sich dann rechtfertigen. In diesem Kontext bleibt das Thema ­Eigenverantwortung eine wichtige Prämisse.

 

Wie viele Krankenversicherer braucht unser Land künftig noch?

Das ist eine schwierige Frage; sicher weniger als heute. 1996 gab es noch über 100 Kassen, um das Jahr 2000 herum waren es immer noch rund 80. Mittlerweile sind wir bei 50 angelangt – die Konsolidierung schreitet ­voran, wenn auch sehr langsam.

 

Was heisst das für die CSS?

Als Marktleaderin wollen wir in diesem Prozess eine führende Rolle einnehmen. Wir verfügen über eine sehr gute finanzielle Ausgangslage, solide Liquidität sowie gesundes Wachstum.

 

Auf welche Unternehmen haben Sie ein Auge geworfen?

Wir beobachten den Markt genau. Für uns gelten unterschiedliche Kriterien. Zentral ist, dass der kulturelle Fit gegeben ist, aber auch die strategische Ausrichtung muss passen. So sind wir an Kassen interessiert, die sich nicht nur als Zahlstellen sehen, sondern als kundenorientierte Dienstleister, die schnell und innovativ sind. Zudem sollte das Unternehmen auch in der Gesundheits­förderung aktiv sein.

 

 

Das gesamte Interview lesen Sie in der Mai-Ausgabe der «Schweizer Versicherung».

Cover SV 5
Quelle: Schweizer Versicherung

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