Gesellschaft und Wirtschaft wurden in den vergangenen Monaten auf den Prüfstand gestellt. Corona brachte selbst in der soliden Schweizer Wirtschaft einige Pfeiler ins Wanken und vor allem die Erkenntnis, dass es keinen 100-prozentigen Versicherungsschutz gibt und nicht alles versicherbar ist.

 

Im Fokus:

«I.VW Policy Brief: Versicherbarkeit von Pandemierisiken»
Dieser I.VW Policy Brief fasst das Arbeitspapier "Versicherbarkeit von Pandemierisiken" von Helmut Gründl (Goethe-Universität Frankfurt), Danjela Guxha (Universität St.Gallen), Anastasia Kartasheva (Universität St.Gallen) und Hato Schmeiser (Universität St.Gallen) zusammen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Spielraum für den privaten Markt für die Deckung von Pandemieverlusten begrenzt ist und Mechanismen des Risikotransfers auf den Finanzmarkt sowie die Rolle des Staates in Betracht gezogen werden sollten, um die Gesellschaft auf die nächste Pandemie vorzubereiten.

Weitere Auskünfte zum aktuellen «I.VW Policy Brief»: www.ivw.unisg.ch/hs

Auch interessant

Von Teilen der Wirtschaft wurde die Assekuranz stark kritisiert, weil sie Versicherungsleistungen aufgrund eines Epidemie- und Pandemieausschlusses in ihren Deckungen abgelehnt hat. «Das ist bei vielen Kundinnen und Kunden auf Unverständnis gestossen», erklärt Ruedi Kubat, Mitglied der Geschäftsleitung bei Allianz Suisse und Präsident des Steuerungsausschusses Pandemieversicherungen innerhalb des SVV. «Dabei sind die wirtschaftlichen Folgen einer Pandemie in der Schadenversicherung nicht versicherbar.» Um ein Versicherungsprinzip versicherungsmathematisch darstellen zu können, müssen die Risiken statistisch einschätzbar und hinreichend unabhängig voneinander sein. Nur so kann eine Streuung der Risiken nach Parametern wie Zeitachse, Geografie oder Schadentypus erfolgen. Und nur so bleiben die Beiträge vergleichsweise gering.

Stringentere Kommunikation

Für den Ärger der Kunden hat Kubat ein gewisses Verständnis. «Als Learning nehmen wir mit, dass die Versicherungen ihre Allgemeinen Versicherungsbedingungen klarer formulieren und noch transparenter darlegen müssen, dass die Kosten einer Pandemie nicht von der Privatassekuranz getragen werden können.»

Dennoch ist er überzeugt, dass die gesamte Assekuranz die Krise vor allem aufgrund des nachhaltigen Geschäftsmodells und der soliden Kapitalausstattung bislang gut bewältigt hat. «Dies hat zur Stabilität von Wirtschaft und Gesellschaft in dieser Krise beigetragen, was auch Vertrauen bei Kundinnen und Kunden schafft.» Die Versicherungsindustrie, so Ruedi Kubat, habe nicht nur Schadenzahlungen geleistet, sie habe vielen KMU zur Seite gestanden und auch Zahlungserleichterungen gewährt. «So hat die Allianz Suisse beispielsweise kostenlose Zahlungsvereinbarungen angeboten, auf Mahnungen und Betreibungen und die damit verbunden administrativen Gebühren verzichtet oder Verzugszinsen deutlich reduziert. Zudem sind wir zahlreichen gewerblichen Mietern mit Mietzinsstundungen bzw. -reduktionen entgegengekommen.»

Pandemierisiken vorfinanzieren

Auch wenn die Allianz Suisse selbst keine Pandemie- bzw. Epidemieversicherung anbietet – und auch nicht angeboten hat –, ist es für das Unternehmen klar, dass es künftig eine schweizweite Lösung braucht. Daher hat sich Ruedi Kubat stark für eine solche eingesetzt. Die Diskussionen mit Branchenkollegen und auch den Vertretern des Bundes seien fruchtbar gewesen. «Ich bin der Ansicht, dass wir dem Bund verschiedene Varianten für eine für alle Beteiligten tragfähige und partnerschaftliche Versicherungslösung präsentiert haben, die es ermöglicht, das Pandemierisiko angemessen vorzufinanzieren.» 

Dass der Bund diesen Ansatz nicht weiterverfolgen möchte, sei nicht nur enttäuschend, sondern auch eine verpasste Chance. «Als Versicherungswirtschaft haben wir die Bereitschaft gezeigt, unseren Beitrag bei solchen Grossrisiken zu leisten.» Der Ball, so Kubat, liege jetzt bei den politischen Entscheidungsträgern, zumal die Assekuranz noch weitere Modell-Möglichkeiten einer Pandemieversicherung erarbeitet habe.

Risiken werden verdrängt

Dass es neue und vor allem zusammen mit dem Staat getragene Versicherungsprodukte schwer haben, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. Einerseits hat jede Branche und jedes Tätigkeitsfeld unterschiedliche Versicherungsbedürfnisse und damit auch ein unterschiedliches Risikobewusstsein. «Auch in der jetzigen Pandemie sind nicht alle Unternehmen gleichermassen betroffen», betont Ruedi Kubat. Dieses unterschiedliche Risikobewusstsein sehe die Allianz Suisse auch bei den Cyberversicherungen, die für Unternehmen ebenfalls ein Top-Risiko darstellen. «Die meisten Unternehmen kennen die Risiken, aber die wenigsten schliessen tatsächlich eine Versicherung ab. Sobald eine weltweite Cyberattacke im Gange ist, schiesst die Nachfrage plötzlich in die Höhe…» 

Aus diesem Grund sollte nun das Momentum genutzt und das Bewusstsein für einen praktikablen Umgang mit Grossrisiken geschärft werden. Denn nach der Krise ist bekanntlich vor der Krise; ob Cyberattacken, Klimawandel oder grossflächige Stromausfälle: Um diese Risiken versicherungstechnisch abbilden zu können, gelten die gleichen Prinzipien wie bei einer Pandemie. «Sie müssen statistisch einschätzbar und unabhängig voneinander sein, damit eine Risikostreuung erfolgen kann. Wo dies möglich ist, wird die Versicherungsindustrie entsprechende Lösungen erarbeiten und anbieten.» Aber, so Kubat, diese kann die Grossrisiken nicht alleine tragen. «Staat und Wirtschaft sind gefordert, an einer gemeinsamen Lösung mitzuwirken.»