Marcel Schradt, Sie sind seit Anfang September CEO der IG B2B. Wie haben Sie die ersten Monate erlebt?
Ausserordentlich spannend, sehr dynamisch und anspruchsvoll. 

Inwiefern anspruchsvoll?
Die ersten paar Wochen waren aufgrund von Veränderungen im Vorstand ein wenig turbulent. Hinzu kam unsere Mitgliederversammlung Mitte September.

Kaum waren Sie im Amt, stand also bereits Ihre erste Mitgliederversammlung an. Es heisst, sie verlief höchst spannend. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, auf jeden Fall. Hier zeigte sich deutlich, wie schwierig es ist, alle Interessen in einem paritätisch geführten Verein zwischen Versicherungen und Brokern zu vereinen. Eine unserer Stärken ist denn auch die Dialogführung innerhalb der IG. Meinungsverschiedenheiten gehören zu einer gelebten Vereinskultur. Doch müssen diese besprochen und rechtzeitig geklärt werden.

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Die 2003 gegründete IG B2B for Insurers + Brokers verbindet die Interessen von Versicherern, Brokern und Softwareherstellern in Bezug auf die Ausgestaltung des elektronischen Geschäftsverkehrs im Brokermarkt.
Als nicht gewinnorientierte und neutrale Organisation erarbeitet IG B2B branchenweite Standards zur elektronischen Kommunikation zwischen Versicherern und Brokern und stellt diese ihren Mitgliedern zur direkten Nutzung und Entwicklung spezifischer Lösungen zur Verfügung.

Das heisst, Sie mussten in den ersten Tagen in Ihrer neuen Funktion viele Wogen glätten?
Nein, es geht nicht um das Glätten von Wogen, sondern vielmehr um die Führung eines offenen und gelebten Diskurses. Ich konnte ein gesteigertes Interesse unserer Mitglieder an unserem Verein und im Speziellen an Ecohub feststellen. Die neue Ecohub-Plattform ist höchst relevant für den Markt geworden. Dies hat sich auch in der hohen Anzahl an Teilnehmenden an unserer Mitgliederversammlung gezeigt. Weil ich in der Rolle als CEO der IG noch neu war, konnte ich unvoreingenommen an Themen herangehen und durch viele gute Gespräche verstehen, wieso die Ansichten über die Ecohub-Plattform teilweise stark divergieren. 

Parallel zu Ihrem Stellenantritt wurden mit Markus Lehmann und Patrick Germann zwei neue Co-Präsidenten der IG als Nachfolger für Michael John gewählt. Ein gleichzeitiger Wechsel der operativen und der strategischen Führung ist doch eigentlich nicht ideal.
Für mich überwiegen die positiven Aspekte eines solchen Wechsels, auch wenn es eine zeitliche Überschneidung gab. Unsere Stellenantritte sind wie ein Restart. Das gibt unglaublichen Schub und Flexibilität, neue Wege zu beschreiten. Dazu kommt, dass wir im Vorstand sehr viel Erfahrung und Business-Know-how haben, auf das wir zählen können.

Weshalb braucht eine IG eigentlich ein Co-Präsidium?
Wir haben je einen Vertreter der Versicherer und der Broker im Präsidium. Damit verfolgen wir auch in der strategischen Führung unser Ziel, paritätisch für die Broker und Versicherungsgesellschaften einzustehen.

Steht die IG B2B vor einem Strukturwandel?
Ja. Wir befinden uns in einer Transformation hin zu einem Service Provider, der kundenorientiert und dynamisch agiert. In der heutigen hochtechnologischen Welt ist Stillstand gleich Rückschritt. Ein Service Provider mit den Werten der IG B2B ergibt ein riesiges Potenzial, dass ich gerne mit meinem Team umsetzen möchte.

Es gibt aber auch Kritikpunkte an der Organisation der IG B2B, oder?
Ja, diese gibt es. Zum Teil sind diese auch gerechtfertigt. Zum Teil jedoch nicht. Hier gilt es sehr gut zu unterscheiden, worauf die Kritik abzielt und mit welcher Motivation diese angebracht wird. Doch welche Kritik auch immer, wir nehmen diese ernst, insbesondere wenn wir merken, dass sie inhaltlich und konstruktiv ist. 

Sie waren bei Siemens, bei Colt Technology und die letzten fünf Jahre als Managing Director bei der Solera-Audatex tätig. Weshalb haben Sie sich für die CEO-Funktion bei der IG B2B beworben?
Ich habe die letzten 20 Jahre in internationalen Technologie-Unternehmen gearbeitet. Immer mit einem starken Fokus auf die Versicherungs- und Finanzindustrie. Die letzten fünf Jahre war ich als Geschäftsführer bei Solera-Audatex verantwortlich für den Markt Schweiz. Die Möglichkeiten der Digitalisierung im Schweizer Versicherungs-Business sind immer noch sehr gross. Ecohub als zentrale Plattform der IG B2B bietet ein immenses Potenzial. Das hat mich fasziniert. 

Sie kommen aus einem Software- und Dienstleistungsumfeld für Versicherer und übernehmen eine nicht gewinnorientierte und neutrale Organisation. Worin liegt der Reiz für diese neue Herausforderung?
Der Reiz ist für mich das Zusammenspiel zwischen Politik und Technologie. In der aktuellen Transformationsphase geht es nicht nur darum, die neue schöne Technologie zu beherrschen, zu betreiben und weiterzuentwickeln. Eine gute Kommunikation und ein End-to-End-Verständnis der Prozesse und Systeme sind ebenso wichtig wie eine hohe Marktakzeptanz und Neutralität des Providers.

Welches sind Ihre grössten Herausforderungen in Ihrer Rolle als CEO der IG B2B?
Neben den klassischen Aufgaben in der Rolle als Geschäftsführer geht es ebenso darum, den Digitalisierungsprozess so umzusetzen, dass er von unseren Stakeholdern akzeptiert wird und alle Interessengruppen möglichst paritätisch vertreten werden. Im Weiteren geht es darum, aktiv zu informieren sowie Ängste vor Kontrollverlust oder Datenmissbrauch zu mindern und zu nehmen. Vorbehalte und Ängste sind toxisch für den Erfolg der Digitalisierung. Hier braucht es eine «trusted source», um das Potenzial optimal umsetzen zu können.

Die IG bündelt die Interessen von Versicherern, Brokern und Softwareherstellern. Mit gegen 1000 Brokern und 24 Versicherern sowie 16 Softwareherstellern herrscht hier vordergründig ein Ungleichgewicht. Wie heben Sie dieses auf?
Das Ungleichgewicht wird dahin gehend aufgehoben, als dass es nur eine definierte Anzahl stimmberechtigter Vollmitglieder gibt. Diese sind in gleich viele Versicherungs- und Brokermitglieder aufgeteilt. So besteht eine Parität zwischen den beiden Gruppen.

Sie haben bereits Ecohub erwähnt. Ecohub ist ja das Kernstück der IG B2B. Worin liegt der Wert dieser interaktiven Online-Plattform?
Mit Ecohub haben wir eine hochsichere Schweizer Plattform im Markt etabliert, die auf gemeinsamen Datenstandards basiert und die von nahezu allen Marktteilnehmer benutzt wird. Die Plattform ermöglicht allen Marktteilnehmern den schnellen und sicheren Austausch von Daten. Wir machen heute bereits über 10 Millionen Transaktionen pro Jahr über Ecohub und werden zukünftig weitere Prozesse digitalisieren und den Benutzern so weiteren Mehrwert bieten können. Durch die Einbindung aktueller und neuer Software- und Lösungsanbieter entsteht eine einmalige Plattform-Economy. 

Die IG B2B unterhält diesen digitalen Marktplatz. Wie finanzieren Sie diesen Aufwand?
Die Entwicklung und der Betrieb werden durch unsere Mitglieder finanziert. Die Kosten pro Transaktion liegen deutlich unter dem Preis von vergleichbaren anderen Plattformen im In- und Ausland. Dazu kommt, dass Serviceanbieter über definierte Schnittstellen ihre Services den Brokern und Versicherungen anbieten können. Durch diesen Marketplace wird die Plattform mitfinanziert.

Ecohub muss stetig weiterentwickelt werden. Hat die IG B2B die nötige Kompetenz dafür?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir sind stetig und mehr denn je daran, diese Kernkompetenzen weiter auszubauen. Es ist wichtig, dass dieses Know-how innerhalb der IG verfügbar und abrufbar ist. Nur so sind wir in der Lage, Themen einzuordnen, Prozesse abzuschätzen und bedarfsorientiert weiterzuentwickeln. Diese Kompetenzerweiterung ist auch Teil der aktuellen Transformation zu einem Service Provider. 

Ein Ausblick auf 365 Tage. Wo steht die IG B2B in einem Jahr? 
Ich bin mir sicher, dass wir binnen 365 Tagen einige Weichen neu stellen können und uns positiv in die Richtung eines agileren, kundenorientierten Service-Anbieters bewegen. Die Transformation wird sicher noch nicht abgeschlossen sein, aber wir wollen uns schnellstmöglich so aufstellen, dass wir die geplante Strategie und Erweiterung unserer Services optimal umsetzen und die IG B2B auf das nächste Level heben können.