Herr Eling, von links wird moniert, dass sich im Schweizer Gesundheitswesen niemand für die Kontrolle der Kosten verantwortlich sieht. Was ist an diesem Vorwurf dran?

Der Vorwurf hat seine Berechtigung. Es fehlt an einer zentralen Instanz, die eine effektive Kontrolle der Kosten übernimmt, und die verschiedenen Akteure im System haben unterschiedliche Interessen. Die Krankenversicherer sind heute die einzige Instanz, die eine Kostenkontrolle  wahrnimmt, im Sinne einer nachhaltig finanzierbaren Gesundheitsversorgung sollte ihre Rolle hier gestärkt werden.

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Die Rolle der Kantone ist problematisch: Sie sind mit den Spitälern zum einen Leistungserbringer und zum anderen auch Kontrolleure. Wie passt das ihrer Meinung nach zusammen?

Diese Doppelrolle führt ganz klar zu Interessenkonflikten. Es wäre sinnvoll, klare Trennlinien zwischen Leistungserbringung und Kontrolle zu etablieren, um Transparenz und Effizienz zu gewährleisten.

Die Kosten für Medikamente sind ein wichtiger Kostenfaktor im Gesundheitswesen. Gewisse Generika kosten in der Schweiz doppelt so viel wie im Ausland. Sind solche Preisunterschiede tatsächlich gerechtfertigt?

Diese Preisunterschiede sind oft nicht gerechtfertigt.

Ein solcher Preisindex könnte für mehr Transparenz sorgen und dazu beitragen, die Entwicklung der Prämien besser zu verstehen.

Martin Eling, Direktor am Institut für Versicherungswirtschaft der Hochschule St. Gallen (I.VW-HSG)

Und woraus resultieren dann diese Preisunterschiede?

Sie resultieren aus marktspezifischen Faktoren wie Patentschutz und exklusiven Vertriebsrechten sowie aus Regulierungen, die den Wettbewerb einschränken und eine schnelle Einführung kostengünstiger Generika verhindern.

Krankenkassenprämien stellen für viele Menschen in der Schweiz eine Last dar. Könnte deren Abschaffung das Problem entschärfen, wenn diese wie etwa in Grossbritannien oder Schweden via Steuern erhoben würden?

Eine Umstellung auf ein steuerfinanziertes System könnte die Last für Einzelne reduzieren, erfordert aber eine umfassende Diskussion über Steuergerechtigkeit und -effizienz. Denn je nach Art der Steuerfinanzierung könnte es aber sogar zu einer Mehrbelastung für einkommensschwache Menschen oder für die Wirtschaft führen. Die entsprechende Diskussion zur Mehrwertsteuer und Lohnbeiträgen erleben wir ja gerade bei der AHV.

Öffentliche Podiumsdiskussion

Am 21. Mai 2024, um 18.30 Uhr findet im Square der HSG eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Thema Kostenexplosion im Gesundheitswesen statt.

Der Preisüberwacher fordert einen neuen Preisindex, der auch die Prämien für Krankenkassen abbildet. Hat er recht mit seiner Forderung?

Ich kann die Forderung nachvollziehen, denn Krankenkassenprämien stellen für viele Menschen einen wesentlichen Ausgabenposten da. Ein solcher Preisindex könnte für mehr Transparenz sorgen und dazu beitragen, die Entwicklung der Prämien besser zu verstehen und gegebenenfalls auch zu steuern.

Diese Reformen zielen darauf ab, Effizienz zu steigern und Kosten zu senken. Ob sie jedoch die Prämien signifikant beeinflussen, hängt von der konkreten Umsetzung ab.

Martin Eling, Direktor am Institut für Versicherungswirtschaft der Hochschule St. Gallen (I.VW-HSG)

Ist mit der Ablösung von Tardoc durch Tarmed per 2025 und der Einführung von Efas per 2028 tatsächlich mit Einsparungen bei Prämien und auf Kostenseiten der Leistungserbringer zu rechnen?

Diese Reformen zielen darauf ab, Effizienz zu steigern und Kosten zu senken. Ob sie jedoch die Prämien signifikant beeinflussen, hängt von der konkreten Umsetzung ab, wie der genauen Gestaltung der Vergütungssysteme und der Einbindung der Leistungserbringer. Zudem sind weitere Reformen im Bereich der Transparenz und Qualitätssicherung notwendig.

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