Herr Brand, Sie verstehen sich als Anwalt der Krankenkassenkundinnen und -kunden. Welches Gesundheitswesen streben Sie für diese an?
Ein Gesundheitswesen, das gute Qualität zu einem guten Preis bietet. Oder etwas präziser: Das ideale Gesundheitswesen verfügt über gleichbleibende oder schwach ansteigende Prämien sowie über eine ansteigende Qualität. Denn hier haben wir Korrekturbedarf mit dem grössten Sparpotenzial. 

Inwiefern?
Heute wissen wir nicht einmal, wo wir welche Qualität erhalten. Das wäre aber wichtig, damit zwischen den Leistungserbringern ein Qualitätswettbewerb entsteht. Leider gibt es bisher im schweizerischen Gesundheitswesen nur wenige verlässliche Qualitätsindikatoren. Diese Grundlage müssen wir schaffen, damit die Outcome-Qualität aller Leistungserbringer besser wird. 

Und wie kann das erreicht werden?
Ein erster Schritt in die richtige Richtung war die Verabschiedung der Qualitätsvorlage durch das Parlament. Diese muss nun konsequent umgesetzt werden, indem in Spitälern, bei Ärzten und in Pflegeheimen die Qualität gemessen wird. 

Die Leistungserbringer müssen sich endlich einer kritischen Beurteilung und einem Benchmark stellen, was letztlich zu einer Selektion führen wird und am Ende des Tages zu einem Abbau von Überkapazitäten.

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Wäre eine Qualitätssteigerung nicht auch durch eine Zentralisierung des Gesundheitswesens zu erreichen; weg von 26 Märkten hin zu einem?
Ja, absolut. Die Pandemie hat sehr schön gezeigt, dass es wenig zielführend ist, das Gesundheitswesen mit einer kantonalen Optik zu betrachten. Allerding wäre ein nationaler Markt eine Schuhnummer zu gross. Nicht zuletzt auch, weil wir über vier Sprachregionen verfügen ... Wenn wir nur schon ein paar grössere Regionen bilden könnten, wäre das ein echter Fortschritt mit weitreichenden Konsequenzen. 

Eine Regionalisierung würde die Leistungsfähigkeit der einzelnen Spitalregionen steigern, davon bin ich fest überzeugt. Zudem könnten risikoreiche Eingriffe und unnötige Behandlungen reduziert und massiv Kosten gespart werden. Wir gehen wie der Bundesrat davon aus, dass ungefähr 20 Prozent aller Leistungen überflüssig sind. Zudem zahlen wir Preise, die offenkundig überrissen sind, etwa im Labor- oder Medikamenten-Bereich. Das hat gerade auch die Krise schonungslos offengelegt. 

«Das Hauptproblem beim Kostenwachstum liegt bei den überflüssigen und unnötigen Behandlungen und nicht bei der Überalterung.»

Dann ist die Überalterung also kein Hauptkostentreiber? 
Selbstverständlich liegen die Behandlungskosten von älteren Menschen höher als jene von jüngeren, das entspricht dem Solidaritätsprinzip der Krankenversicherung. Aber: Die Überalterung wird immer wieder als Grund für die steigenden Kosten angegeben. Unsere Untersuchungen zeigen klar ein anderes Bild. Das Hauptproblem beim Kostenwachstum liegt bei den überflüssigen und unnötigen Behandlungen und nicht bei der Überalterung. Zudem sind die Anreize heute so gesetzt, dass Ärzte, Apotheken und weitere Leistungserbringer möglichst viele Leistungen abrechnen möchten, was aber oft gar nicht dem Bedürfnis der Patienten entspricht. 

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Führende Frauen in der Assekuranz

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Gibt es neben der Qualitätssteigerung weitere Bereiche, die die Gesundheitskosten senken könnten?
Eine stärkere Digitalisierung und vor allem Pauschaltarife. Unsere Einzelleistungstarife sind ein Auslaufmodell – in Europa gibt es kaum mehr Einzelleistungstarife bei der Leistungsverrechnung. Aus gutem Grund, denn das führt – wie erwähnt – zu Fehlanreizen und macht das System enorm teuer. Die Pauschalen müsste man bei uns wo immer möglich lieber morgen als übermorgen einführen.

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Die Digitalisierung, so scheint es, hat in den vergangenen Monaten an Fahrt aufgenommen …
Das stimmt, dennoch stecken wir hierzulande noch in den Kinderschuhen. Das elektronische Patientendossier lässt grüssen … Wenn wir dieses endlich umsetzen könnten, hätten wir mehr Transparenz bei den Kosten, was letztlich zu Prämiensenkungen führen würde. 

Aber auch für die Krankenversicherer gilt: Je mehr sie in die IT investieren, desto besser ist ihre Kostenkontrolle. Denn bei jährlich 120 Millionen Rechnungen kommt der automatischen Rechnungskontrolle eine wichtige Rolle zu. Damit werden jährlich 3 bis 4 Milliarden Franken eingespart. Das sind mehr als 10 Prämienprozente.

Investitionen in moderne IT sind teuer. Führt die Digitalisierung zu einer weiteren Konsolidierung des Krankenkassenmarktes?
Davon ist auszugehen. Die Konsolidierung wird über zwei entscheidende Schienen laufen. Einerseits über die IT und anderseits über die steigenden Anforderungen der Aufsicht, die zu einem Ausbau der Administration der Krankenversicherer führt. Auch die neuen, teuren Therapien bilden für die eine oder andere Krankenversicherung eine grosse Belastung.

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«Es ist beruhigend zu wissen, dass wir uns auf das Gesundheitswesen verlassen können, wenn wir in eine Krise geraten.»

Haben Sie das Gefühl, die vergangenen Monate haben den von Ihnen erwähnten Themen einen Schub verpasst oder hat die Pandemie eher bremsend gewirkt?
Zunächst gilt es festzuhalten, dass gerade die Spitäler bei der Behandlung von Corona-Patienten einen sehr guten Job gemacht haben. Dasselbe gilt übrigens auch für die Krankenversicherer. Wir haben uns sehr bemüht, Rechnungen sofort zu bezahlen, unter anderem Not-Tarife einzuführen und dank der Reserven an der Prämien-Front Entwarnung zu geben. Es ist beruhigend zu wissen, dass wir uns auf das Gesundheitswesen verlassen können, wenn wir in eine Krise geraten.

Die Pandemie hat aber auch viele Probleme zutage gefördert und die Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. So haben beispielsweise viele Kantone in den vergangenen Monaten erkannt, dass es keinen Sinn macht, wenn jedes Spital seine eigene kleine Intensivstation führt. Denn alle kämpften mit denselben Problemen: überlastete Intensivstationen und leere Bettenstationen. 

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Nun müssen wir noch die Lehren aus dieser Feststellung ziehen und zu Taten schreiten. Das scheint mir zentral, gleichsam aber sehr schwierig. 

Welche Probleme sind leichter zu lösen?
Der Digitalisierungsprozess ist einfacher. Dies weil genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Die Lösung der politischen Fragen dürfte demgegenüber weit schwieriger werden. 

Bei den Krankenversicherern ist bereits heute eine hohe Durchdringung der Digitalisierung sichtbar. Zahlreiche Versicherer sind hoch technologisiert, die Prozesse laufen weitgehend IT-gestützt ab. 

Und wo hapert es?
In der Verbindung der einzelnen Akteure. Santésuisse arbeitet intensiv daran, eine Datenautobahn zu bauen, um für Leistungserbringer und Versicherer einen schnelleren, billigeren und sichereren Datenaustausch zu ermöglichen. Die ersten Teilstücke sind fertiggestellt und in Betrieb.

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«Ich kenne kein perfektes Gesundheitswesen, aber ich kenne Länder, in denen einzelne Bereiche besser gelöst sind.»

Wo liegen die Hauptherausforderungen? 
In der Technik und bei den Anschlüssen an die Datenautobahn. So hat jedes Spital eine eigene IT, die in unser System integriert werden muss. Ziel ist es, hier nicht nur schneller, sondern vor allem günstiger zu werden.

Gibt es ein Land, das der Schweiz in Sachen Gesundheitswesen als Vorbild dienen könnte?
Ich kenne kein perfektes Gesundheitswesen, aber ich kenne Länder, in denen einzelne Bereiche besser gelöst sind. Zum Beispiel sind die Niederlande ein Vorbild in Sachen stufen- und problemgerechtem Zugang zu medizinischen Leistungen. Wenn Sie sich dort am Sonntag beim Karottenschälen in den Finger schneiden, können Sie nicht einfach in den Notfall des Universitätsspitals gehen. Bei uns können sie mit einer Bagatellverletzung ins teuerste Spital – das ist Unsinn. 

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In Dänemark ist die Spitalplanung, sprich die Regionalisierung sehr gut gelöst und auch die Digitalisierung ist sehr weit fortgeschritten. Dasselbe gilt für die baltischen Staaten. 

Ideal wäre es, wenn wir das alles kombinieren könnten. Wir hätten eigentlich die Grösse und die Mittel dazu. 

Wie viele Pandemien braucht es noch, bis die erwähnten Veränderungen zustande kommen?
Ich hoffe, es braucht keine weitere Pandemie mehr. Die Erkenntnisse und der Handlungsbedarf liegen auf dem Tisch. Jetzt müssen Veränderungen folgen, auf Bundes- und Kantonsebene, und zwar rasch und konsequent. 

«Rund ein Drittel der Bevölkerung muss bereits Prämienverbilligungen in Anspruch nehmen. Damit ist ein Limit erreicht.»

Wie hoch müssen die Kosten also noch steigen?
Ziel muss es sein, die Prämienlast zumindest nicht mehr weiter anwachsen zu lassen. Ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass wir einen Prämienrückgang erreichen könnten. 

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Klar ist: Der heutige Zustand ist staatspolitisch unbefriedigend. Rund ein Drittel der Bevölkerung muss bereits Prämienverbilligungen in Anspruch nehmen. Damit ist ein Limit erreicht.

In den vergangenen Monaten kam wieder der Ruf auf, die Reserven der Krankenkassen aufzulösen, um die Bevölkerung zu entlasten. Was halten Sie davon?
Die Diskussion erstaunt mich sehr, denn wir haben diesen Schritt in der Vergangenheit bereits zweimal gemacht und sind glorios gescheitert. Nach jeder Auflösung von Reserven mussten die Prämien in der Folge während mehrerer Jahre stark angehoben werden. Die Auflösung der Reserven ist deshalb unüberlegt. Jeder, der spart, weiss: Erspartes kann man nur einmal brauchen. 

Man muss auch sehen, in welcher Relation die Reserven zu den Leistungen stehen. Die Reserve der Krankenkassen reicht für rund drei Monate. Verglichen mit den Reserven der Suva oder der Privatversicherer ist das ein Klacks. Dank den Reserven konnten die Krankenversicherer während der Pandemie aus einer Position der Stärke agieren und die teuren Behandlungen übernehmen, ohne dass es auf die Prämien schlägt. 

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