Geschäftsversicherungen gewinnen in der Schweiz vor dem Hintergrund zunehmender Klimarisiken deutlich an Bedeutung. Extremereignisse wie Starkniederschläge, Murgänge, Hangrutsche oder Gletscherabbrüche treten häufiger auf und treffen Unternehmen oft unvorbereitet. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Sachschäden an Gebäuden oder Inventar, sondern um komplexe Haftungs- und Folgeschäden, die weit über den eigenen Betrieb hinausreichen können. Geschäftsversicherungen übernehmen in solchen Situationen eine zentrale Rolle, um die finanzielle Stabilität zu sichern und rechtliche Risiken abzufedern.
Das Grossschadenereignis in Blatten im Lötschental VS im Frühjahr 2025 hat diese Entwicklung eindrücklich sichtbar gemacht. Der Abbruch eines Gletschers mit anschliessender Schutt- und Eislawine zerstörte grosse Teile des Dorfes und verursachte versicherte Schäden in dreistelliger Millionenhöhe. Neben privaten Haushalten waren auch Unternehmen betroffen, deren Gebäude, Anlagen oder Zugangswege beschädigt oder unbrauchbar waren. Hinzu kamen erhebliche Betriebsunterbrüche, Lieferkettenprobleme und langfristige Nutzungseinschränkungen. Solche Ereignisse verdeutlichen, wie eng Naturgefahren, wirtschaftliche Folgen und versicherungsrechtliche Fragestellungen miteinander verknüpft sind.
Besonders im Fokus steht dabei die Haftpflichtversicherung. Klimabedingte Grossereignisse werfen zunehmend die Frage auf, ob und in welchem Umfang Unternehmen für Schäden an Dritten mitverantwortlich gemacht werden können. Dies betrifft etwa Betreiber von Infrastrukturen, Bauunternehmen, Energieversorger oder Betriebe, deren Anlagen Umwelteinwirkungen ausgesetzt sind. Wenn Schutzmassnahmen versagen, Materialien freigesetzt oder Gewässer und Böden beeinträchtigt werden, entstehen rasch Haftungsansprüche, die ohne ausreichende Deckung existenzbedrohend sein können. Die Haftpflichtversicherung wird damit zu einem zentralen Instrument, um klimabedingte Risiken rechtlich und finanziell abzusichern.
Verschuldungsunabhängige Haftung
Hier schlägt die Brücke zur Umwelthaftpflichtversicherung. Sie schützt Unternehmen vor hohen Schadenersatzansprüchen Dritter, die durch Umweltbeeinträchtigungen von Wasser, Boden oder Luft entstehen. Sie ist oft Teil der Betriebshaftpflichtversicherung, deckt Personen-, Sach- und Vermögensschäden und ist besonders für Firmen mit umweltgefährdenden Anlagen essenziell, da hier häufig eine verschuldensunabhängige Haftung gilt. Im Kontext des Klimawandels gewinnt diese Deckung stark an Relevanz. Extremwetterereignisse erhöhen das Risiko, dass Schadstoffe austreten, Lager beschädigt werden oder Anlagen unkontrolliert Umweltbelastungen verursachen. Grossschäden wie in Blatten zeigen, dass solche Szenarien nicht theoretisch sind, sondern reale wirtschaftliche und ökologische Folgen haben können.
Neubewertung von Risiken
Grossereignisse wie Blatten wirken zudem als Katalysator für eine Neubewertung von Risiken. Sie führen Unternehmen vor Augen, dass Naturgefahren, Haftpflichtfragen und Betriebsunterbrüche enger zusammenhängen als oft angenommen. Geschäftsversicherungen müssen diese Wechselwirkungen abbilden: etwa durch ausreichende Deckungssummen, klare Schnittstellen zwischen Sach-, Haftpflicht- und Betriebsunterbruchversicherung sowie durch definierte Prozesse für den Krisenfall. Dabei sind Geschäftsversicherungen kein statisches Produkt, sondern Teil eines umfassenden Risikomanagements. Grossschadenereignisse zeigen, wie schnell theoretische Risiken Realität werden können.
Hinzu kommt, dass Klimarisiken auch die rechtlichen Erwartungen an Unternehmen verändern. Gerichte, Behörden und Anspruchsgruppen prüfen zunehmend, ob Betriebe ihren Sorgfalts- und Präventionspflichten ausreichend nachgekommen sind. Dazu zählen Risikoanalysen, bauliche Schutzmassnahmen, Wartungspflichten oder Notfallkonzepte für extreme Wetterlagen. Werden Versäumnisse festgestellt, können Haftungsansprüche unabhängig vom eigentlichen Naturereignis entstehen.
Für Unternehmen bedeutet das: Haftpflicht- und Umwelthaftpflichtversicherungen sind nicht nur finanzielle Absicherungen, sondern auch ein Spiegel der eigenen Risikokultur. Versicherer begleiten ihre Kunden daher auch verstärkt präventiv, etwa durch Risikoanalysen oder Empfehlungen zur Schadenvermeidung. Gerade vor dem Hintergrund häufiger Extremereignisse wird diese Kombination aus Versicherungsschutz und Risikoberatung zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Versicherung als Teil der strategischen Risikoanalyse
Damit rücken Geschäftsversicherungen zunehmend in den Verantwortungsbereich der Unternehmensführung. Fragen der Haftung, der Deckungshöhe oder der Schnittstellen zwischen verschiedenen Versicherungsbausteinen sind längst keine rein operativen Themen mehr, vielmehr sind sie Teil der strategischen Risiko- und Governance-Diskussion. Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen sind gefordert, Klimarisiken systematisch zu identifizieren und in ihre Risikobeurteilung einzubeziehen.
Eine unzureichende oder veraltete Haftpflicht- oder Umwelthaftpflichtdeckung kann im Schadenfall nicht nur finanzielle Folgen haben, sondern auch Reputationsschäden nach sich ziehen und zu persönlichen Haftungsfragen führen. Versicherungen werden so zu einem zentralen Instrument verantwortungsvoller Unternehmensführung.
Besonders für KMU und kommunale Betriebe ist diese Entwicklung herausfordernd. Sie verfügen oft über begrenzte personelle und finanzielle Ressourcen, sind aber gleichzeitig stark von lokalen Gegebenheiten abhängig und damit direkt von Naturereignissen betroffen. Das Beispiel Blatten zeigt, dass auch kleinere Betriebe durch externe Ereignisse in komplexe Schaden- und Haftungssituationen geraten können, ohne selbst Verursacher zu sein.
Umso wichtiger ist es, Geschäftsversicherungen regelmässig auf ihre Aktualität zu prüfen und Szenarien zu berücksichtigen, die früher als unwahrscheinlich galten. Klimarisiken machen deutlich, dass Vorsorge nicht erst im Schadenfall beginnt, sondern bei der realistischen Einschätzung dessen, was Unternehmen heute und in Zukunft tragen können – und was sie bewusst an den Versicherungsmarkt auslagern müssen.


