Was muss man sich unter «Conversational Microlearning» vorstellen?

Pascal Rosenberger: Vereinfacht gesagt: Unternehmen sollen ihre Weiterbildungsthemen intern so vermitteln und verankern können, dass sie den Gewohnheiten und Bedürfnissen ihrer Mitarbeitenden entsprechen. Mit «Conversational Microlearning» haben Unternehmen die Chance, Lernen spannend zu machen und ihm den «Mief» altbackener Lehrformate zu nehmen. 

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Microlearning ist ein «Weniger-dafür-häufiger»-Ansatz. Statt einmal im Jahr einen grossen Event zu veranstalten oder die Mitarbeitenden einmalig durch ein stundenlanges Webinar oder E-Learning zu schleusen, werden die grossen Wissensbrocken in fokussierte und verdaubare Häppchen verpackt. Diese können quasi nebenher zur Arbeit konsumiert werden.

Mit Chats kann Wissen dialogisch – oder eben «conversational» – vermittelt werden. Im Kontext des Lernens wird daher auch von chatbasierten Lernhäppchen oder Learnbots gesprochen.

Weshalb ist das relevant fürs Lernen?

Der grosse Vorteil ist, dass man im immer härteren Kampf um Aufmerksamkeit die Menschen in den kleinen Zeitfenstern abholen kann, die ihnen im Laufe des Tages noch zur Verfügung stehen. Zudem lassen sich die neuen Lernformate in die digitale Umgebung integrieren, zum Beispiel in einem Business Messenger wie Microsoft Teams. 

Die meisten Menschen schauen heute im Schnitt neun Mal pro Stunde aufs Handy. Mit jedem Blick aufs Smartphone können gezielt Lernhäppchen verabreicht werden - beim Frühstück, auf dem Weg zur Arbeit, in der Toilette oder vor einem Meeting. 
Die «Nudging-Strategie» gibt gezielt Impulse zum Lernen in kleinen Schritten. Das hilft beim Verankern wichtiger Informationen im Gedächtnis oder beim Auffrischen von Wissen. 

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Inhalte viel flexibler erstellt werden können und deshalb aktueller sind, als wenn man erst einen ganzen E-Learning Kurs bauen muss.

Welche Beispiele gibt es schon?

Beim Sprachenlernen zeigen Apps wie Duolingo, wie’s geht. Da kann ich eine Fremdsprache interaktiv lernen in Häppchen in wenigen Minuten am Tag.

Wo ist das anwendbar in der Versicherungsbranche?

Bei Versicherungen gibt es sehr viel Potenzial in den Bereichen Compliance, Security und im Verkauf. Statt eines jährlichen, obligatorischen IT Security E-Learning Kurses, der dann vom Praktikanten für die ganze Abteilung gemacht wird, könnten die Updates zum Beispiel mit regelmässig chatbasierten Lernhäppchen vermittelt werden.

Das ist besonders im Feld Sicherheit relevant, oder?

Ja, bei Security-Themen ist entscheidend, dass Mitarbeitende die Risiken aktuell präsent haben und sich sicher verhalten. Learning Nugget können zügig erstellt werden; so können Unternehmen auch auf die neuesten Bedrohungen reagieren und ihre Mitarbeitenden befähigen, keine falschen Klicks zu machen. 

Die Bereitschaft, ein Training zu absolvieren, ist viel höher, wenn gerade aktuell ein Virus Schlagzeilen macht und wenn ich mir die Information während einer Fahrt im Tram zu Gemüte führen kann, statt mir extra Zeit dafür reservieren zu müssen.

Und im Verkauf?

«Conversational Microlearning» ist besonders auch für Mitarbeitende mit einem hohen Provisionsanteil, also zum Beispiel im Verkauf, interessant. Für sie ist ein formelles Training oft gleichbedeutend mit weniger Umsatz und Verdienst. Oder mit Überstunden. Da hält sich die Begeisterung meist in Grenzen.

Wie muss man sich das praktisch vorstellen?

Wie einen Chat, zum Beispiel auf Whatsapp. Der Unterschied ist, dass der Lern-Chat vorgefertigt ist und der Nutzer durch ein bestimmtes Thema geführt wird. Es ist also eine simulierte Konversation. Das kommt aber sehr natürlich daher und sorgt dafür, dass Mitarbeitende nicht bloss Inhalte konsumieren, sondern aktiv Teil des Chats sind und in ihrem Tempo vorwärts gehen können.

Es lässt sich auch einfach ein Quiz oder eine Umfrage einbauen, die dem Unternehmen wertvolles Feedback liefern kann, wie gut bestimmte Themen in der Organisation verankert sind. Wenn die Hälfte der Mitarbeitenden auf die Frage nach den drei Prioritäten der neuen Strategie nicht die richtige Auswahl trifft, ist es eventuell angebracht, diese am nächsten Town-Hall Meeting nochmals klar zu kommunizieren. 

Mitarbeitende erhalten jeweils eine Benachrichtigung, wenn es ein neues, chatbasiertes Lernhäppchen gibt. Das kann eine SMS oder E-Mail sein, die in den Browser führt, wo neues Wissen bereitsteht. Alternativ gibt es eine Benachrichtigung in Teams; der Chat funktioniert dann direkt im Business Messenger. 

Warum sprechen Versicherungen besonders gut auf diese Vorgehensweise?

Versicherung ist ein wissensintensives Geschäft. Vieles ist erklärungsbedürftig, sowohl für die Mitarbeiter wie auch für die Kundinnen und Kunden. Gleichzeitig ist das Bewusstsein gestiegen, dass sich vieles im Versicherungsumfeld verändert. Da wollen Versicherer ihre Mitarbeitenden mitnehmen und auf dem neuesten Stand halten. Es gibt somit einen steigenden Kommunikations- und Schulungsbedarf. 

Einige zentrale Lernabteilungen sagen uns sogar, dass sie diesen Bedarf in der geforderten Geschwindigkeit und Qualität mit den üblichen Kursformaten nicht mehr decken können. Es braucht also Lösungen, die auch von den Wissensträgerinnen in ihren Abteilungen direkt eingesetzt werden können. Learnbots sind da eine Möglichkeit. Mit etwas Übung kann jeder einen solchen in weniger als einer Stunde erstellen und verteilen, ohne dabei auf zentrale Ressourcen zurückgreifen zu müssen.

Was ist zu beachten beim Einsatz von Learnbots?

Im Prinzip gilt bei Lernprogrammen, was auch im Marketing gilt: Erst müssen das Zielpublikum, der Themenfokus und die Schlüsselbotschaft klar sein, bevor man das geeignete Medium und Format wählt. Die Einfachheit, mit der man technisch ein chatbasiertes Lernhäppchen erstellen kann, beherbergt eben auch das Risiko, sie zu schnell und für ungeeignete Lerninhalte einzusetzen. 
Damit kann aus Sicht der Mitarbeitenden eine zufällig wirkende Flut an Botschaften entstehen, die eher verwirrend als aufklärend wirken. Wenn aber klar ist, was man wem vermitteln möchte, erlebe ich im Umgang mit den Versicherungen eine sehr schnelle Adaption und viel Kreativität. Tatsächlich entdecken wir zusammen mit unseren Kunden immer wieder neue Formen des Dialogs. 

Zur Person

Pascal Rosenberger ist Mitgründer und CEO von Eggheads. Das Startup aus Pfäffikon bietet Learnbot-Lösungen an. Rosenberger ist Dozent an Hochschulen und war in leitenden Rollen in der digitalen Marketing- und Unternehmenskommunikation u.a. für Swisscom, einige Startups und Agenturen tätig.