Der langfristige Trend bei der Lebenserwartung zeigt klar nach oben. «Wer heute zum ordentlichen Rentenalter pensioniert wird, kann davon ausgehen, über einen Viertel des Lebens im Ruhestand zu verbringen. So positiv diese Entwicklung ist, führt sie im Hinblick auf die langfristige Finanzierung der Rentensysteme zu grossen Herausforderungen», sagt Markus Leibundgut, CEO Swiss Life Schweiz.

Hier könnte ein längeres Erwerbsleben deutliche Entlastung bringen. Vor diesem Hintergrund hat Swiss Life in ihrer neusten Studie «Länger leben – länger arbeiten?» verschiedene Aspekte rund um den Zeitpunkt des Altersrücktritts in der Schweiz untersucht. Dabei interessierten insbesondere die Bereitschaft der Schweizer Bevölkerung, über das ordentliche Rentenalter hinaus zu arbeiten und wer bereits heute ab 64/65 erwerbstätig bleibt.

Gestaffelter Altersrücktritt

Die Studie zeigt, dass die Pensionierung zwei Dimensionen hat, welche nicht immer zusammenfallen: der Arbeitsmarktaustritt und der Altersleistungsbezug. Der erste Altersleistungsbezug findet häufig früher statt als der endgültige Austritt aus dem Erwerbsleben. Letzterer geschieht selten zum Zeitpunkt des gesetzlichen Pensionierungsalters von 64 (Frauen) beziehungsweise 65 Jahren (Männer). Einerseits ist rund die Hälfte der Bevölkerung bereits im Jahr vor dem ordentlichen Rentenalter nicht mehr erwerbstätig. Andererseits ist noch jeder dritte Mann mit 65 und jede vierte Frau mit 64 beruflich aktiv, wenn auch mehrheitlich in Teilzeit.

«Oft findet der Altersrücktritt in mehrfacher Hinsicht gestaffelt statt», hält Studienautor Andreas Christen fest. «So beziehen nahezu alle Erwerbstätigen ab dem ordentlichen Rentenalter eine Altersleistung. Und schätzungsweise ein Drittel bis zur Hälfte der Personen reduzieren ihr Pensum, bevor sie ihre Erwerbstätigkeit ganz aufgeben.»

Häufig selbstbestimmt

«Der Zeitpunkt des Altersrücktritts wird häufig selbstbestimmt und den individuellen Präferenzen entsprechend gewählt, wie verschiedene Indikatoren zeigen», so Andreas Christen. Nur eine Minderheit von 7 Prozent der 64/65- bis 75-jährigen Bevölkerung bezeichnet sich als eher unfreiwillig frühpensioniert. Mit 25 Prozent bezeichnen sich hingegen deutlich mehr aus dieser Altersgruppe als «eher freiwillig» frühpensioniert.

Ein hohes Mass an Selbstbestimmung scheint besonders bei jenen zu herrschen, die den endgültigen Ruhestand aufschieben: Zwei Drittel der Erwerbstätigen im Rentenalter arbeiten, weil sie dies gerne tun. Lediglich ein Viertel bleibt aus finanziellen Gründen berufstätig. Zudem würden 63 Prozent der von Swiss Life befragten Pensionierten rückblickend wieder den gleichen Pensionierungszeitpunkt wählen.

Viele würden früher in Rente gehen

Wenn Erwerbstätige über 55 Jahre frei von finanziellen und anderen Sachzwängen wählen könnten, würde zwar nur eine Minderheit im ursprünglichen Pensum bis zum oder über das ordentliche Rentenalter hinaus arbeiten. «Allerdings wären mit 49 Prozent fast die Hälfte der Befragten 55- bis 70-jährigen Erwerbstätigen und Pensionierten unter gewissen Bedingungen grundsätzlich bereit (gewesen), nach 64/65 weiterzuarbeiten oder tat dies bereits», sagt Studienautor Christen. Nur 29 Prozent gaben an, dass eine längere Erwerbstätigkeit für sie auf gar keinen Fall in Frage käme bzw. gekommen wäre.

Die häufigsten genannten Bedingungen für eine Weiterarbeit über das Rentenalter hinaus sind neben einer guten Gesundheit (67 Prozent) eine hohe Wertschätzung im Arbeitsumfeld beziehungsweise ein gutes Betriebsklima (61 Prozent). Finanzielle Bedingungen wie eine höhere Rente, mehr Lohn oder tiefere Steuern wurden immerhin von 43 Prozent der Befragten genannt.

Handwerker bleiben seltener berufstätig

In absoluten Zahlen waren in der Schweiz 2019 rund 190'000 Personen ab dem ordentlichen Rentenalter erwerbstätig, was einer Zunahme um rund drei Viertel gegenüber der Jahrtausendwende entspricht.

Zwischen den Bevölkerungsgruppen und insbesondere zwischen Berufen gibt es erhebliche Unterschiede: Am häufigsten – schätzungsweise durchschnittlich in mehr als jedem zweiten Fall – arbeiten Selbstständige, Landwirte, Freiberufler wie Architekten und Ärztinnen sowie Geschäftsführer/innen über das ordentliche Rentenalter hinaus. Vergleichsweise selten tun dies allgemeine Bürokräfte sowie Personen in Handwerksberufen, Verkaufskräfte in Handelsgeschäften sowie Pflege- und Betreuungspersonen im Gesundheitswesen. Aber auch in diesen Berufen arbeiten jeweils mehrere tausend Personen im Rentenalter: In über 400 von etwa 660 erfassten Berufsarten finden sich Erwerbstätige.

Andreas Christen: «Auch wenn Personen in akademisch geprägten Berufen es sich eher vorstellen können, nach 64/65 erwerbstätig zu bleiben und dies auch häufiger tun als z.B. Handwerker, wäre es zu einfach, von einem ‹Büezer-Akademiker-Graben› zu sprechen. Unsere Auswertungen zeigen, dass auch in handwerklich geprägten Berufen viele aus Freude an der Arbeit länger erwerbstätig bleiben und ihre Zahl in den letzten zwei Dekaden stark zugenommen hat – wenn auch auf tieferem Niveau.»

(pm/gku)