Mehr als acht der zehn Top-Versicherer in den einzelnen europäischen Märkten werden im Jahr 2031 auf Cloud und robotergestützte Prozessautomatisierung (RPA) setzen. Auch an künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen knüpfen die Versicherer grosse Hoffnungen, zeigen Umfragen von Sollers Consulting. Dabei erfüllen die wenigsten Unternehmen die Anforderungen, um maschinelle Intelligenz voll nutzen zu können. Nach Einschätzung der Beratungsgesellschaft stehen Versicherer vor einer Umwälzung ihres Geschäftsmodells, ähnlich wie man es in anderen Branchen gesehen hat.

Den Umfragen zufolge ist die Bereitschaft, sich zu erneuern, im Versicherungssektor hoch, speziell auf den deutschsprachigen Märkten und in Grossbritannien. Insgesamt 80 Manager und Spezialisten aus der Versicherungsbranche in Europa, den USA und Japan wurden befragt. 2,6 Prozent von ihnen geben an, dass ihre Gesellschaft in nur geringem Ausmass in Innovation investieren (Chart 1). Demnach hat sich nach anfänglicher Passivität die Einstellung gegenüber neuen Technologien deutlich verändert. «Die Bereitschaft zur Innovation ist weit verbreitet, und das wird sich auf entscheidende Funktionalitäten auswirken», kommentiert Michał Trochimczuk, Managing Partner und Mitbegründer von Sollers Consulting. «Die Versicherer werden mehr Partnerschaften suchen. Um ihre IT zu erweitern, werden sie sich stark auf Cloud-Lösungen konzentrieren.» 

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Quelle: Sollers Consulting

Quantenrechner und 5G

Neben den ausgelagerten Rechenzentren identifiziert der Bericht sieben Technologien und damit verbundene Konzepte, welche das Potenzial haben, das Versicherungsgeschäft zu verändern. Dazu zählen datengetriebene Technologien wie künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, Telematik und «usage based insurance», das Konzept von Versicherung als einem Gebrauchsgut. Aber auch der neue Mobilfunkstandard 5G, autonome Fahrzeuge, digitale Ökosysteme, Augmented Reality sowie Quantenrechner gehören zu den Technologien, die auf das Versicherungsgeschäft einwirken. 

Aus Sicht der Versicherer kommt der robotergestützten Prozessautomatisierung (RPA) bemerkenswerterweise eine grössere Bedeutung zu als der künstlichen Intelligenz und dem maschinellen Lernen. Telematik und das Internet der Dinge haben derzeit in der Breite des Marktes noch einen relativ geringen Stellenwert (Chart 2). Robotergetriebene Prozessautomatisierung ist als schnelle Behelfslösung für komplexe IT-Landschaften gedacht, während komplexe KI-basierte Systeme eine bereinigte Datenarchitektur und eine vereinfachte Systemlandschaft erfordern. «Es ist Versicherern noch nicht klar, wie sie mit diesen datenbasierten Technologien Mehrwert schaffen können», heisst es in der Sollers-Studie. «Es scheint noch viel Vorbereitung nötig zu sein, da viele Versicherer ihre Daten in Silo-Architekturen aufbewahren.»

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Quelle: Sollers Consulting

Auch der Vertrieb wird stärker automatisiert

Automatisierung spielt derzeit in den Plänen der Versicherer eine dominierende Rolle, nicht nur um Kosten zu sparen, sondern auch um die Servicequalität zu verbessern. Laut Sollers-Umfragen sehen Versicherer das grösste Automatisierungspotenzial im Berichtswesen, der Policenverwaltung und anderen Back-Office-Prozessen sowie in der Schadenbearbeitung (Chart 3). Nach Einschätzung der Branchenexperten wird die Schadenbearbeitung in zehn Jahren zu 70 Prozent automatisiert sein. Im Berichtswesen gehen Versicherungsmanager von einem Automatisierungsgrad von sogar 81 Prozent aus. 

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Quelle: Sollers Consulting

Der Vertrieb hingegen bleibt aus Branchensicht von der persönlichen Interaktion dominiert. Bereits während der Konferenz Innovation in Insurance hatten Versicherer angegeben, dass sie das Automatisierungspotenzial im Vertrieb- und Servicebereich als eher gering einschätzen. Mit dem digital gestützten Annex-Vertrieb, anders gesagt: «embedded insurance», kann aber auch hier eine grundlegende Veränderung stattfinden. 33 Prozent der Versicherungsmanager und -spezialisten sind davon überzeugt, dass der Vertrieb in Zukunft zu 70 Prozent oder mehr automatisiert sein wird. «Banken und Versicherer unternehmen grosse Anstrengungen, den Versicherungsvertrieb zu digitalisieren. Um dabei erfolgreich zu sein, müssen viele Unternehmen noch entsprechend flexible Versicherungsplattformen implementieren, die es ihnen ermöglichen, schnell auf sich verändernde Märkte zu reagieren», kommentiert Sollers-Manager Trochimczuk.  

Geschwindigkeit der Veränderung bleibt hoch

Die Versicherer schenken jetzt ihren Kernsystemen grössere Aufmerksamkeit. Bei der anstehenden Modernisierung gehen immer mehr Unternehmen dazu über, ihre neuen Kernsysteme gleich in die Cloud zu verlagern. Die Studie zeigt, dass cloudbasierten Kernsystemen die Zukunft gehört. Klassische On-Premise-Installationen werden in den Hintergrund treten. Entsprechend niedrig ist die Zustimmungsrate für die klassischen Rechenzentren in den Umfragen. Cloudbasierte Systeme sind leichter modernisierbar und ermöglichen eine grössere Reaktionsschnelligkeit bei Anpassungen. «Beides wird in der Ära der integrierten und intelligenten Ökosysteme immer wichtiger», sagt Trochimczuk.  

Die Geschwindigkeit der Digitalisierung hat ihre Grenzen noch nicht erreicht, und dafür gibt es klare Anzeichen, heisst es in der Studie. Bislang nutzen Versicherer datengetriebene Geschäftsmodelle nur in vereinzelten Bereichen. 5G wird die Menge der verfügbaren Daten erhöhen. Für die Versicherer ist es eine Herausforderung, diese für sich zu nutzen. Das Internet hat Branchen wie Gastronomie, Tourismus und Medien radikal verändert, weniger in den Produkten als in der Art und Weise, wie sie angeboten und verkauft werden. Laut Sollers-Studie steht die Versicherungsbranche vor einer vergleichbaren Disruption ihres traditionellen Geschäftsmodells. «Ich bin überzeugt, dass dasselbe auch in der Versicherungsbranche passieren wird. Es wird sogar noch weiter gehen», sagt Trochimczuk.