Herr Schmeiser, inwieweit sind schweizerische Versicherer von den Wirtschaftssanktionen gegen Russland betroffen?

Der direkte Einfluss ist noch nicht sehr stark sichtbar und tritt vor allem bei grossen Versicherern auf, die sich aus der Russischen Föderation unmittelbar zurückziehen. Zu nennen ist hier aktuell zum Beispiel die Swiss Re. Problematischer sind die dadurch ausgelösten Effekte auf den Realmärkten, die dann auf die Versicherungsindustrie einwirken. Zum einen ist eine reduzierte Versicherungsnachfrage beispielsweise durch eine durch Sanktionen ausgelöste Rezession in der Schweiz und der EU zu befürchten. Zum anderen ergeben sich zusätzliche Risiken für die Kapitalanlage. Aufgrund der politisch induzierten Entscheide, wie beispielsweise die mit neuen Schulden finanzierte Aufrüstung in vielen Ländern der EU, sind zudem massive Inflationsrisiken zu befürchten, von denen sich auch die Schweiz nicht exkulpieren kann. Für Sparer und Rentner sind solche Entwicklungen äusserst problematisch und bereits in der Schweiz gut sichtbar.

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Haben der Krieg und die Sanktionen Auswirkungen auf die Transportversicherungen?

Ja, direkt durch den reduzierten Warenhandel, aber auch indirekt – durch den oben beschriebenen Mechanismus. 

Welche Folgen hat der Krieg, der ja auch digital geführt wird, auf die Cyberversicherungen?

Die Risiken übersteigen unter diesen Rahmenbedingungen schnell die Deckungsmöglichkeiten der Versicherer. Dies gilt insbesondere für global tätige Grosskonzerne mit komplexen Lieferketten. Es ist daher gut nachvollziehbar, dass aktuell zum Beispiel die Munich Re ihre Deckungszusagen in vielen Bereichen aufgekündigt hat. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive entwickeln wir uns aber auch hier in die falsche Richtung, da gerade Cyberversicherungen dazu dienen, Geschäftsrisiken eingehen zu können, die ohne Versicherungsnahme nicht tragbar wären. Die realen Geschäftsmöglichkeiten werden also deutlich eingeschränkt.

Wie ist der Bereich der Kreditversicherungen betroffen?

Die massiven Sanktionen sind noch zu kurz etabliert, um bereits grosse Konkurswellen auszulösen. Aber die Wahrscheinlichkeit nimmt mit der Zeit zu. Davon sind dann auch Versicherer betroffen, die Ausfallrisiken von EU- oder Schweizer Unternehmen tragen, wenn diese durch die Sanktionen ihre Geschäftsmöglichkeiten verlieren. Problematisch ist vor allem, dass die Diversifikation der Ausfallrisiken dann stark eingeschränkt ist, da ein Ansteckungseffekt entsteht. Wie gross eine solche Welle wird, lässt sich derzeit kaum abschätzen.

Wie kann die Schweizer Versicherungsbranche in der aktuellen Lage Hilfe bieten? In Deutschland haben die Versicherer zum Beispiel erklärt, dass sie mögliche MF-Haftpflichtschäden unversicherter ukrainischer PKW übernehmen und damit das Fahren auf deutschen Strassen ermöglichen. 

Viele Schweizer Versicherer haben humanitäre Projekte direkt unterstützt und teilweise ein Crowdfunding organisiert. Hier ist schon viel Positives schnell und unbürokratisch in die Wege geleitet worden. Wichtig erscheint mir, Bankgebühren für Direktspenden auszusetzen, aber das trifft den Zahlungsdienstleistungssektor. Für Flüchtlinge aus der Ukraine, aber auch aus anderen Ländern, die dauerhaft bei uns oder in der EU bleiben wollen, kann man sich überlegen, als Starthilfe Sonderkonditionen zu gewähren – soweit dies im Sinne des Gleichbehandlungsgrundsatzes zulässig ist. 

Professor Dr. Hato Schmeiser, Lehrstuhlinhaber I Geschäftsführender Direktor I.VW-HSG, ist einer der Moderatoren am HZ Insurance Forum '22.

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