John Legend tat es. Coldplay-Frontmann Chris Martin auch. Und Neil Young, der sich dabei von seiner Frau, der Schauspielerin Daryl Hannah, filmen liess. Die Rede ist von virtuellen Konzerten aus den eigenen vier Wänden – via Tiktok, Twitch und Youtube innert Sekunden in die ganze Welt hinausgetragen. Doch nicht nur die drei Herren vermissten die Bühne: Nachdem aufgrund der Corona-Pandemie sämtliche Live-Events abgesagt wurden, zeigten sich viele Künstlerinnen und Künstler einfallsreich und nutzten die Möglichkeiten des Internets, um ihre Fans zu erreichen.

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Auch Produzenten und Veranstalter wurden kreativ und bemühten sich um Online- oder Livestreaming-Alternativen für Sportereignisse, Konzerte, Theaterproduktionen und andere kulturelle Attraktionen, die normalerweise ein grosses Publikum anziehen. In der Folge fanden ganze Festivals, etwa das Schaffhauser Jazzfestival oder das internationale Filmfestival Visions du Réel in Nyon 2020, komplett online statt. Das Montreux Jazz Festival stellte seinen Fans über 50 Konzerte, darunter von Ray Charles, Johnny Cash, Deep Purple und Carlos Santana, gratis via Streaming zur Verfügung.

Da so viele Live-Sportveranstaltungen abgesagt wurden, halfen sich grosse Sportorganisationen, die bereits ihre eigenen E-Sports-Versionen entwickelt hatten, mit Videospiel-Alternativen aus der Patsche. Die Formel 1 wiederum veranstaltete 2020 eine virtuelle Grand-Prix-Serie, die eine Rekordzahl von 30 Millionen Zuschauern im Fernsehen und auf digitalen Plattformen erreichte.

Neue Dimension birgt Risiken

Erwähnte Events bieten einen faszinierenden Vorgeschmack auf das, was kommen wird – eine neue Dimension in der Welt der Unterhaltung. «Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass sich die Live-Unterhaltung weiterentwickelt hat, und das Tempo der Transformation innerhalb der Branche wurde durch die Covid-19-Krise und die darauffolgenden Schliessungen erheblich beschleunigt», weiss Michael Furtschegger, Global Head of Entertainment bei Allianz Global Corporate & Specialty.

In Anbetracht des sich ändernden Zuschauerverhaltens und der sich rasch entwickelnden Technologie sei es wahrscheinlich, dass virtuelle Veranstaltungen auch nach dem Ende der Pandemie ein Teil des Unterhaltungsangebots bleiben werden, so Furtschegger. Aber auch ohne ein physisches Publikum oder ein inszeniertes Ereignis können in der virtuellen Welt Dinge schiefgehen: «Da so viel Technologie im Spiel ist, ist ein Ausfall der Übertragung wahrscheinlich das kritischste Risiko», erklärt der Experte. «Die Übertragung könnte aufgrund einer wetterbedingten Unterbrechung, einer Naturkatastrophe, eines Brandes oder aufgrund von Netzwerkproblemen innerhalb der Sendeinfrastruktur ausfallen.»

Bei Veranstaltungen, die von einem einzelnen Star oder einer Band abhängen, werde es problematisch, wenn diese(r) aus gesundheitlichen Gründen nicht performen kann. Furtschegger: «Wenn Sie eine Veranstaltung haben, bei der eine besonders wichtige Ankündigung oder ein besonders wichtiges Element im Mittelpunkt steht – zum Beispiel die 89. Minute eines Fussballspiels –, können Sie sogar einen ‹kritischen Moment› festlegen und sich gegen den Ausfall dieses wichtigen Veranstaltungsmoments versichern.»

Alle Eventualitäten absichern

Auch wenn Veranstalter eine virtuelle Veranstaltung ohne Live-Publikum durchführen, sollten sie sich der üblichen Sach- und Unfallgefahren bewusst sein. «Sie müssen sich vielleicht nicht so sehr um die Absicherung von Stürzen kümmern; dennoch kann eine teure Ausrüstung in einem kleinen, angemieteten Studio durchaus einigen Risiken ausgesetzt sein», so Michael Furtschegger. Jede Infrastruktur-Risikobewertung sollte zudem die Art der Signalerzeugung und die Art der Ausstrahlung und Übertragung berücksichtigen. «Wie lange ist die Wiederanlaufzeit bei einem Ausfall? Welche Backup-Systeme gibt es? Dann gibt es noch ganz alltägliche physische Risiken, die gemanagt werden müssen, wie z. B. der Schutz der Kabel gegen Stromausfälle.»

Wie bei einer Live-Veranstaltung müsse man sich auch bei einer virtuellen Veranstaltung gegen Wettergefahren, Feuer, Sachschäden und Risiken für das Publikum absichern, sofern dieses persönlich an einem Veranstaltungsort anwesend ist. Laut Furtschegger könnten die Wettergefahren in Zukunft aufgrund des Klimawandels zunehmen. «Das Festival Bonnaroo 2021 in den USA wurde in diesem Sommer wegen Überschwemmungen und Überflutungen abgesagt. Wenn Sie also Live-Veranstaltung gleichzeitig streamen, sollten Sie Ihren Standort mit Bedacht wählen und die Schwachstellen der physischen Umgebung berücksichtigen.»

Da virtuelle Veranstaltungen in so hohem Masse auf digitaler Technologie beruhen, sei die Cybersicherheit zwangsläufig ein Problem für die Organisatoren und ein Thema von wachsendem Interesse für die Versicherer, ergänzt Alastair MacLean, Global Product Leader – Live bei AGCS. «Da Veranstaltungen per Livestream übertragen werden und auch an den Veranstaltungsorten viel Technologie zum Einsatz kommt, besteht ein grosses Interesse an einer Deckung für Cyberausfälle. In Zukunft könnte die steigende Nachfrage zu einem speziellen Cyberproduktangebot für Veranstaltungen führen.»

Die Show geht weiter

Wie die jüngste Entwicklung vermuten lässt, werden Unterhaltungsangebote in den kommenden Jahren immer zahlreicher und innovativer. «Die Veranstaltungen werden immer grösser und aufregender. Sie nutzen Mixed Reality, Augmented Reality und andere immersive Technologien und bieten immer mehr Zusatzangebote, um das Erlebnis individuell zu gestalten, was zu mehr Nachfrage und Kapazität führen wird», hält Michael Furtschegger fest.

Mit von der Partie in diesem Entertainment-Innovations-Wettbewerb ist auch ABBA. Die schwedische Musikgruppe tritt nach fast 40 Jahren wieder ins Rampenlicht und veranstaltet seit dem 27. Mai 2022 eine spektakuläre Multimedia-Showreihe in London, in der Björn, Agnetha, Benny und Anni-Frid als vollständig animierte ABBA-Avatare auftreten werden. Aufwendige Aufnahmen und eine hochmoderne, speziell dafür entworfene Arena sollen das alles möglich machen. Allein die Ankündigung des neuen Albums und der dazugehörigen Konzertreihe per Livestream erreichte mehr als 200’000 Zuschauer auf Youtube. Mittlerweile ist das Video über 1,7 Millionen Mal (Stand 18. März 2022) aufgerufen worden. Ein Indiz dafür, dass die Zuschauer den Wandel längst akzeptiert haben.

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