Herr Chittazhathu, wie sind Sie zu Ihrer Idee gekommen?
Die Idee rund um Adresta entstand im Helvetia-internen Inkubationsprogramm Kickbox. Ziel dieser Projekte war es, neue Geschäftsmodelle für Helvetia zu finden. In diesem Rahmen habe ich mit meinem Projektteam den Secondhandmarkt für Luxusuhren genauer untersucht und festgestellt, dass auf dem Secondhandmarkt ein Vertrauensdilemma herrscht. In kurzer Zeit konnte dann ein erstes Konzept mit einem unfälschbaren digitalen Zertifikat entwickelt werden, welches von verschiedenen Herstellern validiert und als zukunftsweisend eingeschätzt wurde. Nach und nach konnten wir dann weitere Meilensteine erreichen. Im Dezember 2019 wurde Adresta offiziell ausgegründet. 

Der Markt der Secondhanduhren ist hart umkämpft, grössere Plattformen machen IPO. Welches sind Ihre Vorbilder? 
Wir orientieren uns nicht an dem «einen» Vorbild. Wir schauen vielmehr nach Möglichkeiten, wie uns Erfahrungen und Eigenschaften bestehender Firmen weiterbringen können. So werden diese Firmen, oder zumindest Teile davon, dann zu unseren Vorbildern. Ein Beispiel für ein solches Vorbild ist sicherlich Google und die OKR-(Objective-Key-Results-)Methode, welche wir uns für die Zielsetzung und Zielerreichung abgeschaut haben.

Mathew Jobin Chittazhathu ist seit knapp zwei Jahren CEO bei Adresta mit Sitz in Zürich. Zuvor war er Senior Manager Innovation bei der Helvetia-Versicherungsgruppe. Seine ersten beruflichen Erfahrungen hatte er als Lernender bei der Swiss Life gesammelt. Chittazhathu besitzt einen Bachelor in Risk und Insurance von der ZHAW und einen Master-Abschluss in Innovation Management.

Damit allein verdient man noch kein Geld. Wie sieht Ihr Geschäftsmodell konkret aus?
Durch unseren Ökosystem-Ansatz ist unser Geschäftsmodell vielseitig. Unsere Haupteinnahmequelle sind die Uhrenhersteller und Secondhandplattformen. Je nach Produktions- bzw. Verkaufsvolumen lösen sie bei uns ein Abonnement für digitale Zertifikate. Für die Uhrenbesitzer ist die App momentan kostenlos erhältlich. In Zukunft werden wir für gewisse Zusatzfunktionen eine Gebühr verlangen. Daneben verdienen wir auch von unseren Ökosystem-Partnern Kickbacks oder eine fixe Fee. 

Wie viele Kunden haben Sie etwa?
Auf der Live-App, die knapp drei Monate live ist, haben wir bereits ein paar hundert User, die fleissig ihre Uhren hochladen und die News lesen. 

«Wir hatten grosses Glück und konnten unsere Lösung von Beginn an mit einem Uhrenhersteller gemeinsam entwickeln.»

Wie sieht es mit der Business-Site aus?
Auf der B2B-Site haben wir bereits diverse Hersteller, Retailer und Secondhandplattform an Bord. 

Bei solchen Plattformen will man ja im Rahmen der Netzwerkeffekte auch immer die weiteren Beteiligten einbinden, um den Gesamtwert zu steigern. Was machen Sie mit den Feedbacks der Kunden, wie entwickeln Sie sich weiter?
Wir hatten grosses Glück und konnten unsere Lösung von Beginn an mit einem Uhrenhersteller gemeinsam entwickeln. Das hat uns sehr geholfen, die aktuellen Probleme des Herstellers zu verstehen und unser Produkt so zu bauen, dass es einen Mehrwert stiftet. Weiterhin konnten wir von Beginn weg auf die Unterstützung von Uhrensammlern und -liebhabern aus unserem Umfeld zählen. Diese haben ihrerseits weitere Freunde ins Boot geholt und somit verfügen wir über eine kleine Community, welche uns hilft, unsere Endnutzerapplikationen bedarfsgerecht zu entwickeln.

Sie haben ein Modell, bei dem Versicherungen (und Banken) «embedded» sind – die Dienste der Versicherungen kommen also erst eingebettet in Ihrem Service zum Zuge. Was haben Versicherungen konkret hiervon?
Wir helfen den Versicherungen, dass ihre Produkte nicht verkauft werden müssen, sondern vom Kunden gekauft werden. Versicherer können zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, indem sie sich in Produkte oder Plattformen mit grossem Kundenstamm einbetten und ihnen relevante Versicherungsprodukte am Verkaufsort oder zu anderen geeigneten Zeitpunkten im Lebenszyklus des Kunden anbieten. 

Das klingt nach Datenanalysen. Wie kommen die ins Spiel?
Mit der Fähigkeit, auf relevante Daten zuzugreifen, Risikobewertungen in Echtzeit vorzunehmen und die Preise entsprechend festzulegen, können Versicherer ihre Produkte praktisch überall dort einbetten, wo ein Risiko besteht. Versicherungen können nahtlos in unsere User Journey integriert werden, ohne dass der Kunde dies als störend empfindet. Wenn jemand eine Uhr für mehrere tausend oder gar zehntausend Franken kauft oder besitzt, ist Sicherheit oft ein Thema.

«Die Wertsachenversicherungen auf dem Schweizer Versicherungsmarkt sind noch zu wenig auf die aktuellen Marktentwicklungen angepasst.»

Welche Rolle spielt Helvetia konkret bei Ihnen
Wir sind sehr glücklich darüber, dass Helvetia uns unterstützt hat, eine Idee auf einem Post-it zu einem Start-up zu entwickeln. Heute ist Helvetia einer unserer Versicherungspartner und hält einen Minderheitsanteil an unserer Firma. 

Welche Möglichkeiten der Kooperation sehen Sie mit weiteren Versicherungen?
Die Wertsachenversicherungen auf dem Schweizer Versicherungsmarkt sind noch zu wenig auf die aktuellen Marktentwicklungen angepasst. Ein grosses Thema ist beispielsweise der Versicherungswert von Uhren. Soll ich eine Patek Philippe, für die ich sechs Jahre gewartet habe, für 40’000 Franken versichern oder für den Secondhand-Markt-Wert von knapp 100’000? Hier sehen die meisten AVB der Versicherungsgesellschaften vor, dass lediglich die 40’000 Franken versichert sind. 

Gibt es weitere, innovative Elemente?
Ja, wir sehen auch sehr grosse Opportunitäten im Bereich der dynamischen Versicherung – ich bezahle die Versicherung nur, wenn ich die Uhr trage. Auch in der Schadenabwicklung gibt es grosses Automatisierungspotenzial.

Wie gross etwa ist Ihre Firma? 
Aktuell sind wir sieben Mitarbeitende bei Adresta. 

Und was sind die weiteren konkreten Pläne?
Unser Plan ist es, in den nächsten zwei bis vier Jahren unser digitales Ökosystem in der Luxusbranche und den wichtigsten Märkten wie z. B. China und den USA zu etablieren. Zu Beginn wollen wir uns auf die Uhrenindustrie konzentrieren, um wichtige Erkenntnisse zu gewinnen, welche wir dann verwenden können, um unsere Lösung auch in anderen Bereichen einzusetzen.