Herr Krümmel, ab Montag, 8. Juni 2020, wird der Lockdown gelockert. Füllen sich dann die Büros bei Generali umgehend wieder?
Andreas Krümmel: Auch wenn Homeoffice bei Generali problemlos funktioniert und nahezu die ganze Belegschaft im Homeoffice ist und war, sind meine Kolleginnen und Kollegen nach einer solch langen Zeit sicherlich froh darüber, wenn wieder eine gewisse Normalität einkehrt. Ich kann mir also gut vorstellen, dass der eine oder die andere einen vorsichtigen Blick ins Büro werfen wird. Ab dem 8. Juni erhöhen wir dann die Zahl der Mitarbeitenden, die an den Arbeitsplatz zurückkehren dürfen, auf maximal 60 Prozent je Geschäftsbereich und unter Einhaltung der Abstands- und Hygienemassnahmen. Die letzten Wochen haben aber gezeigt, dass es das Gros der Mitarbeitenden vorzieht, vorerst noch im Homeoffice zu arbeiten.

Generali hat ihren Gruppensitz in Norditalien, einer der von Covid-19 am stärksten betroffenen Regionen. Welche Auflagen hat Ihnen die Zentrale gegeben?
Wir stehen in ständigem Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen in Mailand und Triest, die tatsächlich viel früher und viel stärker von der Pandemie betroffen waren als wir in der Schweiz. Insofern hatten wir im Vergleich zu anderen Schweizer Firmen einen kleinen, aber direkten Informationsvorsprung. Die Gruppe unterstützt uns in dieser aussergewöhnlichen Zeit und steht uns mit Rat und Tat zur Seite. Als Mitglied eines global agierenden Unternehmens können wir zudem von den Erfahrungen anderer Generali-Ländergesellschaften profitieren. Schlussendlich muss jedes Land aber die von den jeweiligen Behörden verordneten Massnahmen in einer sinnvollen Art selbst umsetzen.

«Generali zählt zu den grössten Versicherungskonzernen der Welt und spielt in Sachen Innovationen und Produkten ganze vorne mit.»

Also keine Ordre du Mufti?
Nein, wir agieren als Generali Schweiz eigenständig, je nach Thema natürlich in sinnvoller Abstimmung mit der Gruppe.

Inwieweit profitieren Sie von Innovationen, Produktentwicklungen und Erfahrungen der Gruppe? 
Generali zählt zu den grössten Versicherungskonzernen der Welt und spielt in Sachen Innovationen und Produkten ganze vorne mit. Ein Konzern käme seiner Aufgabe nicht nach, würde er seine Entwicklungen nicht möglichst breit zu lancieren versuchen. Wir profitieren allerdings nicht nur von Entwicklungen in der Gruppe, sondern auch von Innovationen in den anderen Ländern.

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Generali Schweiz leistet sich eine «Innovationsgarage», das sogenannte House of Insurtech Switzerland (Hits), in der abseits des Tagesgeschäfts neuartige Konzepte, Lösungen und Produkte ausgetüftelt werden. Was hat das ausser Kosten bisher gebracht? 
Wir haben die Innovationsfunktion von Generali Schweiz in Hits ausgegliedert. Mit Hits und der Vorgängerin, der Innovationsgarage, wollten wir einen Raum schaffen, in dem Startups einen Arbeitsplatz finden, mit Unternehmen und Investoren in Kontakt treten können, um gemeinsam innovative Lösungen zu schaffen. Wir wollen mit Hits ein führender Insurtech-Hub werden, der Unternehmen und Startups miteinander verbindet und gemeinsam innovative Lösungen entwickelt und skaliert.

Das klingt schön und gut. Aber was resultiert unter dem Strich?
So einiges, zuletzt vor allem im Vorsorge-Bereich. Vor kurzem haben wir den «Vorsorge-Rechner» lanciert. Er hilft uns dabei, unseren Kunden und ihren Familien eine sicherere Zukunft zu bieten, indem er allfällige Vorsorgelücken aufzeigt. Die Technologie wird vom Zürcher Startup vlot bereitgestellt. Ein weiteres Projekt ist «Smart Savings». Bei jeder Transaktion, die ein Kunde mit seiner Kreditkarte tätigt, fliesst ein aufgerundeter Betrag in ein digitales 3a-Produkt, wodurch die Vorsorgelücke verkleinert werden kann. Diese Technologie entwickeln wir mit Imburse und Billte, unseren zwei Startups aus dem Bereich des digitalen Zahlungsverkehrs.

Halten Sie an der «Innovationsgarage» trotz hohen Kosten fest?
Die Frage stellt sich nicht. Hits ist unser Innovationsmotor und nimmt als solcher eine wichtige strategische Funktion innerhalb von Generali Schweiz ein. Darüber hinaus sehen wir Hits und die Jungunternehmen, die wir damit unterstützen, als Teil unserer unternehmerischen Verantwortung. Startups sind ein Motor für frische Ideen, Unternehmertum und Fortschritt. Indem wir ihnen unsere Infrastruktur zur Verfügung stellen und sie mit unserem Know-how begleiten, prägen wir den Innovationsstandort Schweiz mit. 

Bezüglich Kundenorientierung scheint es bei Generali Schweiz Potenzial nach oben zu geben.
Wie kommen Sie darauf?

Sie haben sich kürzlich laut und deutlich vom Pandemie-Gutachten des Ombudsmans der Privatversicherer distanziert. Das ist wenig Imagefördernd. Was war passiert?
Wir erachten die Erarbeitung des Gutachtens des Ombudsmans als wichtig und richtig, lehnen aber aufgrund eines klaren Ausschlusses in unserer Hygiene-Versicherung eine «Pandemie-Deckung» ab. Trotzdem standen und stehen wir angesichts der für uns alle neuen und aussergewöhnlichen Situation in engem Kontakt mit unseren Versicherungsnehmenden und bieten Hand, für die vom Lockdown betroffenen Kundinnen und Kunden individuelle Lösungen zu finden. Das Pandemie-Gutachten stellt aber unseres Erachtens für uns keine verwendbare Grundlage für die Beurteilung von Rechtsfragen dar, unter anderem auch deshalb, weil der Ombudsman uns bestätigt hat, unsere «Allgemeinen Versicherungsbedingungen» dem Gutachter nicht zur Beurteilung unterbreitet zu haben.

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Waren Sie da in Corona-Zeiten vielleicht etwas gar dünnhäutig?
Überhaupt nicht. Wir haben 2017 eine Hygiene-Versicherung lanciert, sahen uns aber nicht imstande, die Folgen einer Betriebsschliessung beim Auftreten eines systemischen Risikos wie einer weltweiten Pandemie zu einer für die Kunden tragbaren Prämie einzuschliessen. Deshalb wurden solche Folgen aus unserer Deckung ausgeschlossen, was in den Vertragsbedingungen ausdrücklich so festgehalten ist. Unseren Kunden wurde für solch ein Risiko demzufolge auch keine Prämie verrechnet.

Im März lancierten Sie die Plattform «Helden gegen Einsamkeit», um «menschliche Nähe zu den isolierten Menschen» zu bringen. Da drücken Sie aber heftig auf die Tränendrüsen. Was bezwecken Sie damit?
Diese Initiative entsprang einer Idee aus dem Kreis unserer Mitarbeitenden. Wir haben uns gefragt, was wir aktiv tun können, um in der aktuellen Situation etwas Positives zu schaffen; fernab vom Versicherungsgeschäft. Also starteten wir eine Umfrage und stellten fest, dass sich viele Menschen isoliert und einsam fühlen. Daraus entstand dann die Idee der Nutzung einer Plattform, die Menschen zusammenbringt, und sei es einfach nur für ein überraschendes und vielleicht sogar unerwartet gewinnbringendes Gespräch, das die auferlegte Isolation kurzfristig vergessen lässt. Die Zahlen sprechen für sich. Mehr als 5000 Teilnehmende haben über 2500 Gespräche geführt. Die Initiative kam so gut an, dass sie andere Länder innerhalb der Generali-Gruppe übernommen haben.

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«Wir prüfen derzeit jeden Einzelfall und bieten den vom Lockdown betroffenen Kundinnen und Kunden Hand für individuelle Lösungen.»

Bleiben wir doch noch einen Moment bei der Pandemie. Im April haben Sie zusammen mit dem Schweizerischen KMU-Verband SKV eine Umfrage durchgeführt. Eine Erkenntnis daraus: Fast die Hälfte der Befragten KMU erachtete einen Konkurs als wahrscheinlich, wenn die Massnahmen länger anhalten. Provokativ gesagt: Angstmacherei, um Zusatzumsatz zu bolzen!
Kleine- und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Mehr als 99 Prozent der Unternehmen in der Schweiz sind KMU, die zwei Drittel der hiesigen Arbeitsplätze stellen. Der wegen Covid-19 verordnete Lockdown geht vielen dieser rund 590’000 Unternehmen an die finanzielle Substanz und bedroht damit zahlreiche Arbeitsplätze. Auch wir haben KMU als Kunden. Deshalb wollten wir wissen, was sie aktuell am stärksten beschäftigt und wie sie auf die neue Herausforderung reagiert haben. Ein Blick auf die steigenden Arbeitslosenzahlen und die Wirtschaftsaussichten zeigen: Mit Angstmacherei hat das nichts zu tun. Es ist leider Realität.

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Wie ist der Stand der Dinge heute bei Generalis KMU-Kunden?
Wir prüfen derzeit jeden Einzelfall und bieten den vom Lockdown betroffenen Kundinnen und Kunden Hand für individuelle Lösungen. Dieser Prozess wird noch eine Weile andauern.

Mit dem SKV lancierten Sie eine KMU-Academy. Was haben Ihre Firmenkunden davon?
Für KMU und Selbstständige ist die aktuelle Situation besonders herausfordernd. Viele lokale Unternehmen sind existenziell von den Folgen der Covid-19-Pandemie betroffen. Gleichzeitig wachsen Unternehmerinnen und Unternehmer gerade in dieser schwierigen Situation über sich hinaus. Deshalb haben wir zusammen mit dem Schweizerischen KMU-Verband die KMU-Academy lanciert. In kurzen und kostenlosen Onlinetrainings vermitteln Experten ihr Praxiswissen im Bereich Arbeitsrecht, Onlinemarketing und -vertrieb oder IT, um KMU und Selbstständigen in dieser aussergewöhnlichen Zeit zur Seite zu stehen.

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«Unsere Kunden vertrauen uns, dass wir ihr Leben und ihr Eigentum finanziell absichern. Wir helfen nicht nur im Schadenfall, sondern liefern auch darüber hinaus Mehrwerte.»

Generali will für ihre Kunden eine Life-Time-Partnerin sein. Was muss ich mir darunter vorstellen?
Wir leben in einem Umfeld schneller Veränderungen; Technologien und damit auch die Versicherungsindustrie entwickeln sich stetig weiter, wie auch die Bedürfnisse und Träume unserer Kunden. Zeit, sich mit Versicherungen zu befassen, ist keine da. Menschen orientieren sich an Marken, die ihr Leben verstehen und ihre Bedürfnisse erkennen. Unsere Kunden vertrauen uns, dass wir ihr Leben und ihr Eigentum finanziell absichern. Wir helfen nicht nur im Schadenfall, sondern liefern auch darüber hinaus Mehrwerte. Wir wollen unsere Kunden ein Leben lang begleiten und stellen deren Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Nur so werden wir zu einer vertrauenswürdigen Begleiterin auf ihrem persönlichen Lebensweg. Das verstehen wir unter einer Life-Time-Partnerin.

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Sie hatten letztes Jahr dazu alle kundennahen Einheiten enger vernetzt und den Vertrieb gestärkt. Und heute, in Corona-Zeiten? Wo stehen Sie aktuell?
Das aktuelle Geschäftsjahr steht im Zeichen der Wettbewerbsfähigkeit und der Bekämpfung einer weltweiten Pandemie mit signifikanten wirtschaftlichen Folgen. Wir fokussieren uns im Niedrigzinsumfeld verstärkt auf Kosteneffizienz, werden im Rahmen der Gruppenstrategie auf gewinnbringendes Wachstum setzen, das Kapitalmanagement verbessern sowie unseren Weg der digitalen Transformation weiterführen und hierfür unsere Innovationskraft nutzen. Dies alles mit dem Ziel, näher bei unseren Kundinnen und Kunden zu sein und ihnen Sicherheit in jeder Lebenslage zu bieten. 

An welchen Zukunftsplänen für Generali Schweiz arbeiten Sie derzeit?
Einer unserer Hauptpfeiler ist die Vorsorge. Hier sind neue Lösungen für eine nachhaltige Altersvorsorge gefragt. Lösungen auch, die über die klassische Säule 3a hinausgehen, wie etwa die erste digitale Säule 3a, die wir Ende 2018 lanciert haben. Wir sind zwar Marktführerin in der fondsgebundenen Vorsorge und die Nummer zwei im Einzelleben. Diese Stärken wollen und müssen wir aber angesichts sich ändernder Kundenbedürfnisse, volatiler Aktien- und Kapitalmärkte und zunehmender regulatorischer Anforderungen laufend optimieren und weiter ausbauen, zumal viel Bewegung am Markt ist – auch politische, wie jüngst die Annahme der Motion Ettlin im Nationalrat zeigte, welche Einzahlungen in die dritte Säule ausweiten will.

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Was hat Generali neben den Vorsorgelösungen noch im Köcher?
Wir investieren viel Zeit in die Prognose zukünftiger kundenorientierter Versicherungslösungen und planen hierfür entsprechende Vorhaben. Unsere Technologiepartner helfen uns bei der Umsetzung, zukünftig agiler und wettbewerbsfähiger zu sein, den Blick auf die Kundenbedürfnisse nicht aus den Augen verlierend. Wir denken in Ökosystemen und blicken über den Versicherungs-Tellerrand hinaus. Nebst unseren Technologiepartnern spielt unser «House of Insurtech» eine zentrale Rolle. Aktuell arbeiten wir an einem Prototyp im Bereich Kundenservice, der intelligente Lösungen für den E-Mail-Verkehr schafft und die Effizienz und die Kadenz der Antworten mithilfe von künstlicher Intelligenz steigert. Andere Projekte laufen im Bereich nachhaltige Anlagen oder der systematischen News-Analyse, aus der Frühindikatoren generiert werden sollen. Daneben investieren wir in die Digitalisierung, wobei wir auf eine Cloud-Strategie setzen. Zudem engagieren wir uns mit kinder- und familienfreundlichen Kulturengagements, wie etwa der Partnerschaft mit dem Mundartmusiker Bligg, dem Musikförderungsprogramm SMA Kids by Generali, unserer Partnerschaft mit dem Zurich Film Festival oder den Running-Aktivitäten zusammen mit unserem Markenbotschafter Tadesse Abraham.

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