Occupational Fraud, also Betrug am Arbeitsplatz, ist ein Phänomen und Risiko, mit dem sich Organisationen und auch Versicherer seit Jahren befassen müssen. Durch strafrechtlich relevante Handlungen schädigen Mitarbeitende oder Führungspersonen Unternehmen, für die sie tätig sind. Die Association of Certified Fraud Examiners ACFE, weltweit grössten Verband von Spezialistinnen und Spezialisten zur Betrugs- und Korruptionsbekämpfung, untersucht detailliert solche Fälle und veröffentlicht diese alle zwei Jahre im Report to the Nations.

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Der kürzlich erschienene ACFE-Report 2022 listet 2’110 Fälle aus 133 Ländern - darunter die Schweiz - auf. «88 der untersuchten Fälle sind auf die Versicherungsbranche zurückzuführen», erläutert Susanne Grau, Vorstandsmitglied des Swiss Chapters der Association of Certified Fraud Examiner (ACFE). «40 Prozent der Fälle der Versicherungsbranche betrafen Bestechungshandlungen». Im Report werden sie unter dem Stichwort «Korruption» erfasst. Die durchschnittliche Schadenshöhe der Fälle in der Versicherungsbranche betrug 130'000 US-Dollar.
 

Vermögensveruntreuung ist das häufigste Delikt

Betrug am Arbeitsplatz geschieht oft über «Asset Misappropriation», was mit Vermögensveruntreuung übersetzt werden kann. Mitarbeitende stehlen beispielsweise Vorräte aus dem Warenlager oder Geschäftsführer beziehen unberechtigterweise Darlehen und zahlen diese nicht zurück. 

Eine weitere Form des Betrugs am Arbeitsplatz stellt die Korruption dar. Darunter fallen beispielsweise unerlaubte Leistungen von Lieferanten an Mitarbeitende in Einkaufsabteilungen. Des Weiteren gehören aber auch Interessensbindungen von Verwaltungsräten dazu, die zu firmenschädigenden Entscheiden führen können. 

Beim Financial Statement Fraud beziehungsweise Bilanzbetrug, der dritten Form des Betrugs am Arbeitsplatz, machen Projektverantwortliche beispielsweise absichtlich falsche finanzielle Angaben gegenüber der Geschäftsleitung, um ungerechtfertigterweise einen Bonus zu erlangen. Schliesslich dient der Bilanzbetrug den internen Tätern aber auch dazu, ihre Handlungen im Zusammenhang mit der Vermögensveruntreuung oder Korruption zu verschleiern.

Wie die Übersicht der Jahre 2016 bis 2022 zeigt, kommt die Vermögensveruntreuung am häufigsten vor. Susanne Grau und Michael Dietrich berichten darüber im Blog «Economic Crime» des Instituts für Finanzdienstleistungen (IFZ) der Hochschule Luzern (HSLU).

Im ACFE-Report 2022 ist die Vermögensveruntreuung mit 86 Prozent ausgewiesen, mit einem darauf entfallenden durchschnittlichen Schaden von 100’000 US-Dollar. Die Korruption nahm demnach seit 2016 stetig zu und macht im Jahr 2022 insgesamt 50 Prozent der Fälle aus. Der aus Vermögensveruntreuung entfallende durchschnittliche Schaden beträgt 150’000 US-Dollar - 50’000 US-Dollar mehr als noch im Jahr 2020.


Blockchain eröffnet neue Betrugsmöglichkeiten

Das Aufkommen der Blockchain-Technologie und die Tatsache, dass immer mehr Unternehmen Kryptowährungen in ihre regulären Geschäftsprozesse integrieren, hat laut ACFE-Report eine neue Möglichkeit geschaffen, Betrug am Arbeitsplatz zu begehen. 8 Prozent der ausgewerteten Betrugsfälle fanden unter Verwendung von Kryptowährungen statt. 

«Es ist davon auszugehen, dass diese Zahl in den kommenden Jahren steigen wird», schätzen die Studienautoren. Kryptowährungen wurden am häufigsten für Bestechungs- und Schmiergeldzahlungen sowie für die Umwandlung veruntreuter Vermögenswerte in Kryptowährung verwendet.

Hinweise auf Betrug kommen häufig aus dem Umfeld

Die mit Abstand häufigste Methode zur Aufdeckung von Betrugsfällen am Arbeitsplatz ist der Hinweis. Mehr als die Hälfte solcher «Tipps» kommen von Angestellten, also Kolleginnen und Kollegen. Fast ein Drittel entfällt auf Kunden, Lieferanten und Konkurrenten.

Mehr als zwei Drittel, beziehungsweise 69 Prozent der Betrugsfälle, fanden gemäss ACFE-Report in gewinnorientierten Organisationen statt, mit einem durchschnittlichen Schaden von 120’000 US-Dollar. Gefolgt von der öffentlichen Hand mit 18 Prozent und einem durchschnittlichen Schaden von 138’000 US-Dollar, Non-Profit-Organisationen mit 9 Prozent und einem durchschnittlichen Schaden von 60’000 US-Dollar sowie «andere» Organisationen mit 4 Prozent und einem durchschnittlichen Schaden von 218’000 US-Dollar.

Grundsätzlich können alle Branchen von Betrug am Arbeitsplatz betroffen sein. Die höchste Zahl der im ACFE-Report 2022 ausgewerteten Fälle entfiel mit 351 auf Banken und Finanzdienstleistungen, gefolgt von der Regierung und öffentlichen Verwaltung mit 198 Fällen und «Manufacturing», beziehungsweise Herstellung, mit 194 Fällen. 

«Dieses Ergebnis muss nicht unbedingt bedeuten, dass in diesen Branchen mehr Betrugsfälle vorkommen», folgern die Studienautoren. Vielmehr könnte es auch darauf hindeuten, dass in diesen Branchen mehr Betrugsermittler beschäftigt sind und vergleichsweise mehr Fälle gemeldet haben. 

Die breit und global abgestützten Erkenntnisse aus dem ACFE-Report 2022 stellen nach Einschätzung der Studienautoren für Unternehmen und Organisationen eine wichtige Grundlage für die Erkennung von Wirtschaftsdelikten dar und sind damit eine gute Grundlage, um präventive Massnahmen zu entwickeln. 
 

Die detaillierte Auswertung des ACFE-Reports 2022 erläutern Susanne Grau und Michael Dietrich als Autoren im Blog «Economic Crime» des Instituts für Finanzdienstleistungen (IFZ) der Hochschule Luzern (HSLU). 

Susanne Grau ist Dozentin und Leiterin von mehreren Weiterbildungsprogrammen (MAS/DAS/CAS Economic Crime Investigation, CAS Financial Investigation und CAS Finanz- und Rechnungswesen für Juristen) sowie Vorstandsmitglied und Training Director des ACFE Switzerland Chapters und Authorized Trainer für den CFE Exam Review Course. 

Michael Dietrich ist Inhaber von Nodon, einer Beratungsboutique für Wirtschaftsforensik. Seit über 25 Jahren unterstützt er Organisationen bei der Erkennung, Aufarbeitung und Verhinderung von Compliance-Verstössen und wirtschaftskriminellen Aktivitäten. Er ist im Fachrat des Weiterbildungslehrgangs MAS/DAS Economic Crime Investigation der Hochschule Luzern. Zudem ist er Präsident des Switzerland Chapters der Association of Certified Fraud Examiners ACFE.