CO2, der Klimawandel, E-Mobilität, Fridays for future, Klimaaktivisten, Medien und Politiker – der Widerstand gegen fossile Brennstoffe ist in diesem Jahr enorm gestiegen. Das baldige Aus insbesondere für Öl scheint fast schon besiegelt.

Auf den ersten Blick könnten Ölfirmen deshalb vor einer schweren Zukunft stehen. Doch anders als erwartet rauschen deren Kurse nicht nach unten. Egal ob BP, Shell oder Total –  die Aktien von Öl-Unternehmen sind im langfristigen Aufwärtstrend.

Ölaktien performen besser…

So haben die drei grossen Player in Europa ihren Aktionären in den letzten drei Jahren Gewinne inklusive Dividenden zwischen 35 und 50 Prozent gebracht und damit die anderen europäischen Blue Chips teils meilenweit hinter sich zurück gelassen. Denn der EuroStoxx 50 Total Return lieferte in den letzten drei Jahren nur ein Plus von rund 25 Prozent.

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Zuerst einmal profitieren die Ölriesen derzeit vom deutlich erhöhten Preis für schwarzes Gold. So hatte sich der Preis je Barrel der Sorte Brent aus der Nordsee in den letzten drei Jahren zwischenzeitlich schon verdoppelt und notiert immer noch 45 Prozent über dem Ausgangslevel.

… Grund sind die stark gestiegenen Ölpreise und Gewinne

Die Folge sind hohe Gewinne der Multis. Bei einem durchschnittlichen Ölpreis in 2018 von 71 Dollar je Barrel – 2017 lag dieser bei 54 Dollar je 159-Liter-Fass – konnte etwa die französische Total den Gewinn im vergangenen Jahr um ein Drittel auf 11,4 Milliarden Dollar ausbauen. Der Gewinn je Aktie lag bei 5,05 Dollar oder rund 4,50 Euro.

Dabei konnte der Ölkonzern aus Paris im vergangenen Jahr auch eine Reihe wichtiger Entwicklungsschritte absolvieren. So wurden mehrere Lagerstätten neu angezapft, das Flüssiggasprojekt in Russland kam voran und es gab die Übernahme von Maersk Oil sowie neue Offshore-Lizenzen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zudem stieg die Produktion von Kohlenwasserstoff als wichtiger Ausgangsstoff für die Industrie um 8,1 Prozent. Das Wachstum setzte sich auch im ersten Quartal 2019 fort. 

Neue Fördergebiete

Total produzierte nochmals neun Prozent mehr Kohlenwasserstoff als im Vorjahreszeitraum und der Nettogewinn des Unternehmens kletterte zwischen Januar und März um weitere 18 Prozent.

Auch BP legt zu. Im vergangenen Jahr verdreifachte der Ölkonzern aus London den Gewinn auf 10,0 Millionen Dollar oder 0,47 Dollar je Anteil. Im ersten Quartal gab es weitere Steigerungen und auch BP hat wichtige Projekte am Start. Drei neue Fördergebiete in der Karibik, in Ägypten und im Golf von Mexiko nahmen die Produktion in diesem Jahr schon auf und drei weitere werden 2019 noch mit der Förderung beginnen.

Günstige Bewertung, hohe Dividenden und ganz viel Geld

Royal Dutch Shell macht in diesem Trio keine Ausnahme. So verdoppelte das Unternehmen aus Den Haag in den Niederlanden den Gewinn im vergangenen Jahr auf 23,4 Milliarden Dollar und das Ergebnis auf 2,82 Dollar je Aktie. Auch Shell hat mehrere wichtige neue Projekte in der Pipeline.

Als grosses Bild sieht das dann so aus: Die Konzerne kommen allesamt in etwa auf KGVs um 10, die Dividenden steigen und steigen und liegen bei rund fünf bis sechs Prozent. Zudem schwimmen die Multis im Geld. Denn der Mittelzufluss, der freie Cashflow als Mass für die Selbstfinanzierungskraft von Unternehmen, ist gigantisch hoch.

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Die Multis setzen auf umweltfreundlich und sauber

«Die europäischen Ölriesen brachten es im vergangenen Jahr auf einen Cashflow von durchschnittlich 10,9 Milliarden Euro», berichtet Trevor Allen, Branchenexperte bei BNP Paribas. Zum Sektor zählen dabei konkret neben den drei bereits genannten Firmen auch noch Equinor, ENI und Repsol.

Laufen die Geschäfte bei den Öl-Companies damit ohnehin schon wie geschmiert, so ruhen sich die Multis aber nicht auf ihren aktuellen Erfolgen aus. Sie haben die erneuerbaren Energien als wichtiges Standbein entdeckt. «Equinor, Exxon, Saudi Aramco und Shell bauen alle ihren Anteil an verschiedenen Ausprägungen von sauberer Energie aus. Wir bei BP machen das Gleiche», sagt BP-Chef Robert Dudley.

Smart Energy im Visier

Die europäischen Player des Sektors gehen auch auf Einkaufstour. «Egal ob Shell, ENI, Total oder BP: Europas Ölkonzerne kaufen verstärkt Firmen aus dem Bereich erneuerbare Energien oder Smart Energy», weiss BNP-Analyst Allen.

Als Smart Energy bezeichnet man intelligente Technologien bei der Energieerzeugung, der Energiespeicherung oder der Stromübertragung. In vielen Haushalten bekannt sind dabei inzwischen vor allem die beiden Begriffe Smart Grid für intelligente Energieverteilung und Smart Meter für die Steuerung des Verhaltens der Energieverbraucher wie etwa der Privathaushalte.

Auf ihrer Einkaufstour decken die Ölkonzerne alle intelligenten und erneuerbare Energie Sektoren ab wie beispielsweise Softwarefirmen für die Energiespeicherung, Batteriehersteller oder Experten für Entwicklung und Betrieb von Solarparks.

Es geht um grosse Summen. «Shell beispielsweise hat angekündigt ein bis zwei Milliarden Dollar jährlich in erneuerbare Energien und Bereiche mit geringem Kohlendioxidausstoss zu investieren. Equinor will bis 2030 zwölf Milliarden Dollar in erneuerbare Energien stecken und ENI im selben Zeitraum drei Milliarden Dollar», berichtet Branchenkenner Allen.

Geschäftsmodell in Wandlung begriffen

Auf lange Sicht von ein oder zwei Dekaden dürfte sich das Geschäftsmodell der Ölfirmen dadurch deutlich wandeln. «Mit den Einnahmen aus Öl und Gas haben die Ölfirmen genug Geld für Projekte im Bereich erneuerbare Energien. Wir gehen davon aus, dass die Ölmultis die grossen Versorger bei der Energieproduktion und den dazugehörigen Dienstleistungen früher oder später überflügeln werden», prognostiziert der BNP-Mann.

Für Anleger bedeutet das: Die grossen Player am europäischen Ölmarkt bleiben auch künftig attraktiv. Und die Wartezeit beim Wandel hin zu neuen Energien wird zwischenzeitlich mit hohen nachhaltigen und sogar noch tendenziell steigenden Dividenden von fünf Prozent und mehr versüsst.

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