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  2. Was der Handelsstreit mit der neuen Seidenstrasse zu tun hat

USA – China
Dieser Handelsstreit dauert wohl noch lange an

Belt and Road Forum Seidenstrasse Bejing

Chinas Herrscher Xi Jinping als Gastgeber des «Belt & Road Forum» in Beijing, 26. April 2019. Unter anderem mit Ueli Maurer (letzte Reihe Mitte) und Staatschefs Sebastian Kurz, Giuseppe Conte, Wladimir Putin, Viktor Orban, Imran Khan.

Quelle: Gettyimages

Im Zank zwischen den Weltmächten geht es nicht nur um Zölle oder Industriepolitik. Finanzmarktprofis wissen das. Deshalb die Nervosität.

Kommentar  
Von Ralph Pöhner
am 10.05.2019

Es gibt eine – klitzekleine – Verbindung zwischen Ueli Maurers jüngster Reise nach Peking und den Wut-Tweets, die Donald Trump vor wenigen Tagen abfeuerte. Am Sonntag setzte der US-Präsident bekanntlich den Chinesen ein Ultimatum und gleiste neue Zölle auf. Und seit diesem Freitag gelten tatsächlich höhere Sondersätze für chinesische Waren im Wert von rund 200 Milliarden Dollar. Der Handelsstreit der Weltmächte ist neu entfacht.

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Inzwischen haben die amerikanischen Unterhändler durchblicken lassen, was ihren Präsidenten so in Rage versetzt hatte: Die Regierung in Peking habe in der Vorwoche gewisse Zugeständnisse wieder zurückgezogen, verriet Handelsminister Robert Lighthizer; das sei ein No-Go. Auch Donald Trump klagte am Donnerstag über ein «pullback» der Chinesen.

Parade der Staatschefs

Einige Analytiker in Washington fanden eine vielsagende Erklärung für Pekings neue Bockigkeit – nämlich im «Belt and Road»-Gipfel, zu dem rund 40 Staatschefs in jener Vorwoche China ihre Aufwartung gemacht hatten. Darunter eben auch ein gewisser Ueli Maurer.

Der Aufmarsch und die dabei reihenweise unterschriebenen Staatsverträge, so die These, könnten im Umfeld von Xi Jinping den Eindruck verstärkt haben, die Abhängigkeit von Amerika sei diskutabel.

Tatsächlich gibt es Berechnungen, wonach die US-Zölle im angedrohten Umfang das chinesische Wachstum um vielleicht 0,3 Prozent dämpfen könnten. Sie wären also erträglich. Auf der anderen Seite ging Richard Clarida, der Vizepräsident der Notenbank Fed, am Dienstag ins «Bloomberg TV» und entwarnte aus amerikanischer Sicht: Die bisherigen Schritte im Handelskrieg («trade measures») hätten beherrschbare Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der USA, und das dürfte auch so bleiben.

Das ist die optimistische Lesart. Allerdings gibt es auch ernsthaftere Warnungen, etwa von der WTO. Deren Ökonomen haben errechnet, dass ein voller Handelskonflikt das globale Wachstum um 1,9 Prozent nach unten drücken dürfte (wobei Europa in eine Rezession rutschen würde).

Hier steckt die wahre Unsicherheit: Handelskrieg ist ein Wort, das vieles enthält, Nadelstiche ebenso wie knallharte Boykotte. Daher die nervöse Reaktion der Börsen.

China, Europa, Afrika – und Amerika?

Volkswirtschaftlich gesehen sind die USA und China heute eng kommunizierende Röhren – die Chance ist somit gross, dass beide eine Eskalation momentan vermeiden möchten. Doch dann? Die direkte Abhängigkeit nahm zuletzt eher ab als zu, der machtpolitische Spielraum wird grösser. Und in dieser Lage zieht Chinas Staat mit der Sturheit der Seidenraupe ein gewaltiges Trassen-, Strassen- und Hafenprojekt auf, welches das Land eng und enger verknotet mit Zentralasien, Europa und Afrika.

Die «Belt and Road»-Initiative fügt eine Welt neu zusammen, Schweiz inklusive. Und nebenbei trennt sie eine andere Welt ein bisschen ab: Amerika.

Diese Gewichtsverlagerung ist ein entscheidender Faktor. Die Unterhändler mögen sich im Handelsstreit 2019 wieder zu einem Kompromiss finden: Noch haben beide Seiten ein ernsthaftes Interesse daran. Aber eines wird dabei klarer: Das Hin und Her, das wir im Handelskonflikt zwischen Washington und Peking in den letzten Monaten erlebt haben, wird wohl noch lange zum Grundrauschen der Weltwirtschaft gehören.

Ganz unabhängig vom Charakter des jeweiligen US-Präsidenten.