Wem würden Sie mehr vertrauen: dem russischen Präsidenten Wladimir Putin oder dem Chicagoer Bürgermeister Rahm Emanuel? Während Putin sich in der Aufmerksamkeit sonnt, die Russland als Gastgeber der Fussballweltmeisterschaft erhält, hat Emanuel den US-Fussballverband und die Fifa informiert, dass Chicago kein Interesse daran habe, bei der WM 2026 in Amerika einer der Gastgeber zu sein. Kanada und Mexiko werden jeweils zehn Spiele ausrichten, und die USA weitere 60. Warum also winkt die drittgrösste Stadt der USA hier ab?

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Um zu verstehen, was es bedeutet, ein globales Sportereignis auszurichten, sollte man berücksichtigen, dass Putins Regierung zwischen 51 und 70 Milliarden Dollar für die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 ausgegeben hat und Prognosen zufolge mindestens 14 Milliarden Dollar für die Ausrichtung der aktuellen WM ausgeben dürfte. Russlands Haushalt sah den Bau von sieben neuen Stadien vor, von denen allein das in St. Petersburg 1,7 Milliarden Dollar gekostet hat, sowie die Renovierung von fünf weiteren. Und dabei sind die zusätzlichen Aufwendungen für Trainingsanlagen, Hotels, den Ausbau der Infrastruktur und die Sicherheit noch gar nicht inbegriffen.

Die Forderungen der Fifa

Chicago, das bereits die Eröffnungszeremonie und das erste Spiel der WM von 1994 ausgerichtet hat, hat sich eine völlig andere Geisteshaltung zu eigen gemacht. Emanuels Pressesprecher, Matt McGrath, gab kürzlich eine Erklärung ab, in der der sagte: «Die  Fifa konnte kein grundlegendes Mass an Sicherheit in Bezug auf einige wichtige Unbekannte bieten, die unsere Stadt und unsere Steuerzahler Risiken ausgesetzt hätten.» Die  Fifa, so McGrath, verlange de facto einen «Blankoscheck», einschliesslich einer «zeitlich unbegrenzten Möglichkeit, die Vereinbarung … jederzeit nach ihrem Ermessen zu ändern.»

Darüber hinaus habe die Fifa verlangt, dass Soldier Field – das Stadium des Footballteams Chicago Bears – zwei Monate vor dem Turnier ausser Betrieb genommen würde. Emanuels Büro gelangte letztlich zu folgendem Schluss: «Die Unsicherheit für die Steuerzahler im Verbund mit der Inflexibilität der Fifa und ihrem Mangel an Verhandlungsbereitschaft waren klare Hinweise darauf, dass ein weiteres Bemühen um das Gebot nicht im Interesse Chicagos war.»

Zusätzlich zur Ausrichtung von zwischen zwei und sechs Spielen – potenziell über eine Anzahl von Wochen hinweg – wird von den WM-Austragungsorten erwartet, dass sie ein «Fanfest» ausrichten, die Trainingsanlagen für die Mannschaften stellen und umfassende Steuerbefreiungen für eine Reihe von Aktivitäten gewähren. Tatsächlich untersagt die Fifa sowohl direkte als auch indirekte Steuern auf alle Veranstaltungseinnahmen; dies bedeutet Steuerbefreiungen für die kontinentalen Fussballverbände, die Fernseh- und Radiosender des Gastgeberlandes und die Mitgliedsverbände, Dienstleister und Auftragnehmer der Fifa. Es ist daher kein Wunder, dass Minneapolis und Vancouver sich Chicago angeschlossen haben und die Ehre, Gastgeber zu sein, ebenfalls abgelehnt haben.

«Chance auf beträchtliche Finanzinvestionen»

Die Fifa rechtfertigt ihr herrisches Verhalten so: «[Die] WM ist ein bedeutendes Sportereignis, das weltweite Aufmerksamkeit auf die Gastgeberländer lenkt und die Chance auf beträchtliche Finanzinvestitionen in die sportliche und öffentliche Infrastruktur bietet.» Und zusätzliche Aufmerksamkeit und Investitionen, so die  Fifa, «können zu einem erheblichen mittel- und langfristigen sozioökonomischen Nutzen … sowie zu Wirtschaftswachstum beitragen».

Man beachte jedoch die vorsichtige Formulierung. Die Fifa geht nur so weit, eine «Chance auf beträchtliche Finanzinvestitionen» in die Infrastruktur sowie Aufmerksamkeit und Investitionen, die zu Wachstum «beitragen können», zu versprechen. In Wahrheit zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass die WM den Gastgeberländern und -städten nur selten so sehr zugutekommt, wie die Fifa das die Öffentlichkeit und die staatlichen Funktionsträger glauben machen möchte.

Russland bleibt auf sieben neuen Stadien sitzen

Man betrachte etwa, was Russland für seine über 14 Milliarden Dollar schwere Investition in das diesjährige Event bekommt. Während alle Erlöse aus Ticketverkäufen, internationalen Ausstrahlungsrechten und Sponsoring direkt an die  Fifa gehen, bleiben Russland sieben neue Stadien und fünf renovierte Anlagen, die es nicht braucht. Und sofern es diese Anlagen nicht abreisst, wird es jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag ausgeben müssen, um sie instandzuhalten. Zugleich gehen viele Dutzende Hektar knapper städtischer Flächen für nutzlose Prestigeobjekte verloren.

Natürlich werden Bilder der eleganten neuen Anlagen weltweit verbreitet. Aber das wirkt sich nicht zwangsläufig zu Russlands Vorteil aus. Die 6000 leeren Sitze beim Spiel zwischen Uruguay und Ägypten am 15. Juni liessen sich jedenfalls anscheinend nicht verbergen.

Kurzfristiges Gefühl von Nationalstolz

Wenn die Geschichte als Hinweis dienen kann, dann steht nicht zu erwarten, dass die WM 2018 Russlands internationale Investitionen oder seinen internationalen Handel ausweiten, seine Tourismusbranche ankurbeln oder das Bekenntnis seiner Bevölkerung zu körperlicher Ertüchtigung stärken wird.

Was sie tun wird, ist, ein kurzfristiges Gefühl von Nationalstolz bei einem erheblichen Anteil der russischen Bevölkerung zu wecken und zugleich eine flüchtige Ablenkung von den wachsenden Problemen des Landes zu bieten. Mit oder ohne WM werden die Volatilität der Ölpreise und die in Reaktion auf Putins Annexion der Krim im Jahre 2014 verhängten internationalen Sanktionen Russlands wirtschaftliche Aussichten weiter verdunkeln und den Lebensstandard der russischen Normalbürger weiter verschlechtern.

Wem also sollte man vertrauen? Meine Wahl fällt auf Rahm Emanuel.

Andrew Zimbalist ist Professor für Ökonomie am Smith College und der Verfasser von Circus Maximus: The Economic Gamble Behind Hosting the Olympics and the World Cup.

Aus dem Englischen von Jan Doolan. Project Syndicate, 2018.