Roboter erobern die globalen Börsen. Während der Mensch einmal blinzelt, hat der Computer schon 150 Aufträge ins System gestellt. Der digitale Händler benötigt für eine Verkaufsorder weniger als eine Tausendstelsekunde.

An den Finanzmärkten ist Schnelligkeit heute der zentrale Wettbewerbsvorteil. Die Computer sind mit komplexen Algorithmen darauf programmiert, in Sekundenbruchteilen minime Preisunterschiede aufzuspüren. Je kürzer die Glasfaserkabel zwischen ihren Hochleistungsrechnern und den Servern der Handelsplätze sind, desto besser das Geschäft.

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Der Hochfrequenzhandel übernimmt zunehmend die Macht über die Kurse. Im US-Aktienmarkt kontrollieren die virtuellen Händler bereits 40 bis 70 Prozent aller Transaktionen. Tendenz steigend.

Doch die Computer handeln längst nicht mehr nur mit Aktien. Mitten in der Euro-Krise erobern die Robohändler nun auch den hochsensiblen Devisenmarkt. Im täglichen Währungskrieg werden sie zum bestimmenden Faktor, zeigt eine aktuelle Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Sie schätzt den Marktanteil auf 24 bis 30 Prozent – das sind rund 1000 Milliarden Dollar Umsatz pro Tag.

Hochfrequenzhandel hat «Flash Crashs» beschleunigt

Die Entwicklung beunruhigt Experten und Regulatoren. «Die Hochgeschwindigkeits-Welt könnte Hochgeschwindigkeits-Risiken produzieren», fürchtet James Angel, Professor an der Georgetown University und Autor mehrerer Studien zum Thema. «Die Hochfrequenzhändler sind die Velociraptoren, die durch den Finanz-Dschungel streunen und alles verschlingen, was ihnen über den Weg läuft», warnt Greg McKenna, Chef des Finanzdienstleisters Lighthouse Securities.

Am Aktienmarkt zeigte die jüngste Entwicklung bereits ihre hässliche Seite. Am 6. Mai 2010 verlor der Dow Jones Industrial innert Minuten 998 Punkte, der höchste Verlust innerhalb eines Tages in der Geschichte der US-Börse. Zwar machte der Markt die Verluste nach einer halben Stunde wieder wett, aber der «Flash Crash» war ein Schock für die Anleger.

Seither halten kleinere «Flash Crashs» die Aufsichtsbehörden auf Trab. Am 2. Februar 2011 verschickte ein fehlerhafter Algorithmus im Markt für Öl-Futures mehrere Tausend Aufträge in einer einzigen Sekunde und liess die Volatilität explodieren. Am 17. März stürzte der Dollar-Yen-Kurs kurzzeitig ab. Im gleichen Monat musste der Handel in ETF des Finanzdienstleisters Morningstar nach einem Kurssturz um 98 Prozent gestoppt werden. Am 8. Juni crashte der Markt für Gas-Futures.

Der Hochfrequenzhandel hat die «Flash Crashs» nicht ausgelöst, aber beschleunigt und verbreitet, wie Untersuchungen ergaben. Der massenweise Einsatz von gleichartigen Algorithmen erhöht die Korrelation.

Wenn der Computer in die Pause geht

Der Hochfrequenzhandel senkt die Spreads, also die Spannen zwischen Kauf- und Verkaufskurs. Gleichzeitig hat er die Liquidität im Markt erhöht. Aber die Skeptiker zweifeln an der Qualität dieser Liquidität. Die Computer stellen ihre Aufträge nur in kleinen Mengen und für Sekundenbruchteile in den Markt. Die grosse Mehrheit ihrer Angebote führen nie zum Abschluss. Die von ihnen generierte Liquidität existiert somit nur an der Oberfläche.

Wie sich in den «Flash Crashs» gezeigt hat, kann sie sich «rasch in Luft auflösen, wenn die Bedingungen schwieriger werden», hält die BIZ-Studie fest. «Wenn es heikel wird im Devisenhandel, gehen die Roboter in die Kaffeepause», sagt der Finanzblogger und frühere Devisenhändler Bruce Krasting. Die Tempojagd im Handelsraum «erhöht die Liquidität während des Monsuns und entzieht sie in Dürreperioden», sagt Andy Haldane, Exekutivdirektor der Bank of England, «das erhöht das Risiko von Extremereignissen».

Indem der Hochfrequenzhandel die traditionellen Marktmacher zurückgedrängt hat, «könnte er die Widerstandsfähigkeit des Systems in angespannten Zeiten reduziert haben», so die BIZ. Das dürfte sich in Zukunft noch verstärken. Wie die Roboter in der Fertigungsindustrie die Zahl der Fabrikarbeiter reduziert hätten, könnten die Roboterhändler die Menschen in den globalen Finanzmärkten verdrängen, stellten die Wissenschaftler des «Foresight Project» im Auftrag der britischen Regierung fest.

Hochfrequenzhandel: Rein und raus in Millisekunden

Haldane von der Bank of England fordert für den Robohandel «neue Verkehrsregeln». Wie Split auf den Strassen könne «Split an den Rädern helfen, den nächsten Crash zu verhindern». Wirtschafts-Nobelpreisträger Michael Spence hält dagegen solche Massnahmen für sinnlos. Er will den Hochfrequenzhandel gleich ganz verbieten.

Algorithmen Beim Hochfrequenzhandel (High Frequency Trading, HFT) geben Computerprogramme auf Basis komplizierter Algorithmen in Millisekunden Hunderte von Kauf- oder Verkaufsaufträgen für Aktien, Währungen oder Futures. HFT-Händler verdienen Geld mit der sehr grossen Zahl von kleinen Trades und extrem kurzen Haltefristen von meist weniger als 5 Sekunden. Sie platzieren ihre Server möglichst nah an die Börsenplätze, um die Preissignale Bruchteile von Sekunden vor anderen Händlern zu erhalten.