1. Home
  2. Invest
  3. Die stillen Stars der Schweizer Börse

Strategie
Die stillen Stars der Schweizer Börse

Wer Aktien kauft und sie über einen langen Zeitraum hält, braucht starke Nerven. Aber Geduld zahlt sich aus, wie die besten Titel im Zehnjahresvergleich zeigen.

Von Annika Janssen
am 03.02.2015

Angefangen hatte die Erfolgsstory in der Küche einer kleinen Genfer Mietwohnung. Jean-Pierre Etter bastelte jahrelang zwischen Herd und Arbeitsplatte an Elektrokompo­nenten herum – bis ihm 1972 der grosse Wurf gelang: Ein Stromwand­ler für Trolleybusse. Er gründete sei­ne Firma Liaisons Electro­-Mécha­niques, die später unter der Kurz­form LEM weltweit bekannt wurde. 13 Jahre später wagte Etter den Gang an die Börse – ein Schritt, den er bis heute nicht bereuen sollte. Mittlerweile ist die in Freiburg domizilierte Firma einer der global führenden Elektrokomponentenher­steller – und der heimliche Star an der Schweizer Börse. Denn kein an­derer Titel entwickelte sich in den letzten Jahren auch nur annähernd so gut wie LEM.

Seit 2004 hat sich der Börsenwert von LEM mehr als ver­zwanzigfacht. Wer also bis Ende 2014 10'000 Franken in diesen Titel steckte, hält heute mehr als 200'000 Franken in den Händen. Als Produzent von Geräten zur Messung elektrischer Spannung ist LEM ein klassischer Nischenherstel­ler. Damit steht das Unternehmen exemplarisch für die Mehrheit jener Unternehmen, deren Aktien in der vergangenen Dekade die beste Per­formance an der Schweizer Börse er­zielt haben.

KMU als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft

Bei vielen dieser Titel handelt es sich um sogenannte Small und Mid Caps, also Firmen mit klei­ner oder mittelgrosser Marktkapita­lisierung. Unter den besten Lang­frist­-Valoren finden sich etwa der Zürcher Klima­ und Fertigungstech­nikkonzern Walter Meier, der Spezi­alkunststoffproduzent Ems-­Chemie sowie die Titlis­-Bergbahnen. Die Top Ten der besten Langzeit­performer zeigen zweierlei: Zum ei­nen, dass die kleineren und mittle­ren Unternehmen (KMU) nicht nur das Rückgrat der Schweizer Wirt­schaft, sondern auch an der Börse die wahren Werte darstellen. Natür­lich eignen sich auch Schwerge­wichte wie Nestlé oder Roche für langfristige Investments. Aber sie werfen weniger Rendite ab als die spezialisierten, kleineren Langzeit­-Stars. Ihr Vorteil ist: Sie haben häufig stark spezialisierte Geschäftsmo­delle. Das macht sie in vielen Ni­schen zu Marktführern.

Zum anderen zeigt sich, dass «Buy and Hold» – also das Kaufen und Hal­ten von Aktien über einen längeren Zeitraum – sehr wohl rentabel sein kann. Vor allem die Schweizer Börse bietet viele Qualitätsaktien, die ihre Stärken erst über einen längeren Zeitraum entfalten können – wie zum Beispiel LEM. Die Aktie dümpelte lange Zeit richtungslos herum. Erst ab der Jahrtausendwende er­kannten die Anleger den Wert der Firma – und der Aktienkurs stieg ra­pide an.

Das Buffett-Prinzip

Die Buy­-and­-Hold-­Strategie ist das Paradebeispiel für ein Langfrist­-In­vestment. Man kaufe sich ein diver­sifiziertes Portfolio zusammen, kümmere sich nicht um kurzfristige Markttrends und tue anschliessend – einfach nichts. Die Idee dahinter: Anleger müssen risikoreiche Wertpapiere wie Aktien über einen länge­ren Zeitraum behalten, um zwi­schenzeitliche Verlustphasen aus­gleichen zu können.

Denn funda­mental solide Titel schneiden im langfristigen Mittel fast immer bes­ser ab als andere Aktien. Der Kurs vieler Aktien entwickelt sich zum Teil erst über Jahre hinweg positiv. Ein Beispiel ist der Pharmariese No­vartis. Dessen Aktienkurs bewegte sich während Jahren kaum, bis er vor zwei Jahren wieder zum Leben er­weckt wurde. Nun wird Novartis wieder weitherum empfohlen, Ana­lysten raten klar zum Kauf und be­scheinigen ihm enormes Aufwärts­potenzial.

Buy-and-Hold funktioniert

Buy-and-Hold lebt – auch wenn das Prinzip des Kaufens und Haltens in den vergangenen Jahren immer wieder für tot erklärt wurde. Viele Privatanleger verliessen sich lieber auf die gegenteilige Börsenweisheit «Timing ist alles» und versuchten, durch regelmässiges Umschichten den richtigen Einstiegs-­ und Aus­stiegszeitpunkt für ihr Investment zu erwischen. Angesichts stark schwan­kender Märkte schien das der lukra­tivere Weg zu sein. Wissenschaftliche Untersuchungen haben aber im­mer wieder gezeigt, dass Buy-and-Hold funktioniert und Investment­entscheidungen auf Grundlage eines Markttimings weniger Rendite ein­bringen als langfristig angelegte In­vestitionen.

Nicht nur Zahlen, auch Beispiele wie Warren Buffett be­weisen das: Der amerikanische Starinvestor ist einer der erfolgreichsten Buy­-and­-Hold­-Strategen überhaupt. Buffett kauft gezielt Titel, die aus sei­ner Sicht vom Markt unterbewertet werden. Dann hält er diese so lange im Portfolio, bis er sie mit dem ge­wünschten Gewinn verkaufen kann. Diese Strategie hat ihn zu einem der reichsten Männer der Welt gemacht.

Attraktiv für Privatanleger

Buy-and-Hold eignet sich besonders gut für den langfristigen Vermö­gensaufbau und ist besonders für Privatanleger attraktiv. Denn es muss relativ wenig Kapital einge­setzt werden. Es erspart, sich ständig mit Markttrends auseinanderzuset­zen. Dazu kommt, dass häufiges Umschichten zu enormen Kosten führt, da immer Transaktionsgebühren anfallen. Es ist für Privatan­leger auch schwierig, das Börsenge­schehen permanent im Auge zu behalten und somit den richtigen Ein­- und Ausstiegszeitpunkt für ihr Investment auszumachen.

Nicht nur aus Kosten­- und Zeit­günden ist die Buy­-and­-Hold­-Stra­tegie für Anleger überaus sinnvoll. Was bei Aktieninvestments unter dem Strich zählt, ist der Total Return – die Gesamtrendite. Diese besteht nicht nur aus Kursgewinnen, son­dern auch aus Dividendenzahlun­gen. «Anleger fokussieren sich oft­mals nur auf die Kursentwicklung einer Aktie. Dabei vergessen sie, dass Dividenden über die Jahre einen sub­stanziellen Anteil an die Gesamtren­dite einer Aktie liefern», sagt Fonds­manager Peter Stenz von Swisscanto. Vor allem bei jenen Firmen, die ihre Gewinnausschüttung ständig erhö­hen. Zum Beispiel Nestlé, die seit 18 Jahren permanent ihre Dividende erhöhen. Oder Roche, die ihre Aus­schüttung über die letzten Jahre um über 200 Prozent gesteigert hat.

Dividende für Aktienzukäufe nutzen

Mit der Dividende können Anle­ger auf zweierlei Weise verfahren: Entweder sie streichen die Zahlung ein. Dafür fallen allerdings Steuern an. Oder sie reinvestieren die Divi­dende, nutzen also die Ausschüttung für den Kauf neuer Aktien. Mit dieser Strategie lässt sich die Rendite einer Aktie maximieren: Steigt sowohl die Dividendenrendite als auch die An­zahl der Aktien im Depot an, bringt dies den Anlegern unter dem Strich mehr Rendite als regelmässige Dividendenzahlungen bei gleichbleiben­der Aktienzahl.

Anleger, die sich für Buy-and-Hold entscheiden, müssen in jedem Fall Geduld und starke Nerven mitbrin­gen. «Viele Investoren halten die Strategie nicht durch und steigen zu früh aus, wenn es am Markt mal tur­bulent wird», sagt Marco Herrmann. Er ist Geschäftsführer von Fiduka, einem der ältesten unabhängigen Vermögensverwaltern Deutsch­lands, der vom Börsenguru André Kostolany mitbegründet wurde. Er war dafür bekannt geworden, lange an seinen Aktien festzuhalten.

Herrmann warnt deshalb davor, sich von kurzfristigen Schwankun­gen aus der Ruhe bringen zu lassen. Schwächephasen einer Aktie müs­sen durchgehalten werden. Der oft zitierte Satz von Buy-­and­-Hold­-An­hänger Kostolany scheint also nach wie vor zu stimmen: «Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie ein paar Schlaftab­letten. Wenn Sie wieder aufwachen, werden Sie reich sein.»

Mehr zum Thema lesen Sie im neuesten «Millionär», dem Anlegermagazin welches als Beilage der «Handelszeitung» viermal im Jahr erscheint. Die «Handelszeitung» ist jeweils ab Donnerstag am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.

 

Anzeige