China ist seit 2010 die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt, unter Berücksichtigung der Kaufkraft seit 2014 sogar die grösste. Das Tempo des Aufstiegs war atemberaubend: Das BIP hat sich zwischen 2005 bis 2015 auf über zehn Billionen USD verfünffacht. Unter anderem aufgrund des erhöhten Reifegrades der wirtschaftlichen Entwicklung hat sich das Wachstum jüngst aber erheblich verlangsamt. Und der weitere Transformationsprozess hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft verspricht, holprig zu bleiben.

Dennoch gehen führende Wirtschaftsforscher davon aus, dass China noch vor dem Jahr 2040 die USA auch nominell als grösste Volkswirtschaft des Planeten ablösen wird. Die Führung in Peking arbeitet aktiv und strategisch geschickt daran, dieses Ziel zu erreichen. So hat sie beispielsweise erkannt, dass China neue, bessere Handelsrouten benötigt, wenn es nachhaltig zu den Grossen gehören will. Mit signifikanten Investitionsprojekten in Südostasien, in Zentralasien und in Ostafrika wird eine grosse Anzahl von Infrastrukturprojekten unter Chinas Leitung vorangetrieben.

China – hohe Investitionen in einen Landweg nach Russland, Iran und Europa

In Südostasien werden Bahnlinien, Strassen, Brücken und Kanäle gebaut, um einen Zugang zum Golf von Bengalen zu erhalten. Damit könnte die strategisch anfällige Seestrasse von Malakka umgangen werden. Durch dieses Nadelöhr fliesst zurzeit nämlich ein Grossteil des Seefrachtaufkommens Chinas. Die USA könnten mit ihrer überlegenen Marine diese Lebensader der Chinesen leicht blockieren. Diese Gefahr will China mittelfristig ausschliessen.

In Zentralasien, wo weite Teile der Transportinfrastruktur marode sind, werden in Anlehnung an die alte Seidenstrasse Bahnlinien und Strassen gebaut und modernisiert, um einen Landweg nach Russland, Iran und Europa zu schaffen. In Ostafrika investiert China hingegen vor allem in den Neu- und Ausbau von Häfen und in deren Erschliessung. Ganze Tiefseehäfen sollen neu erstellt und beispielsweise über eine Marinebasis in Djibouti militärisch abgesichert werden.

Anzeige

Die neue Seidenstrasse und die Profiteure

Der Ausbau der chinesischen Handelswege ist also bereits jetzt Realität. In Europa zeigt sich dies aktuell durch Übernahmen oder Beteiligungen an Häfen oder Logistikern. Der weltweite Handel dürfte durch den Vorstoss der Chinesen weiter zunehmen. Die marode Infrastruktur in Zentralasien wird modernisiert, und Ostafrika rückt näher an China heran. Der Kontinent hat eine Chance, aus der Lethargie zu erwachen. Natürlich sind politische Spannungen und Konflikte nicht ganz auszuschliessen. Auch die USA sind vom Vorrücken der Chinesen aus militärischer Perspektive wenig begeistert. Für die Wirtschaft und internationale Konzerne eröffnen sich dadurch aber neue, spannende Perspektiven.

Branchen und Unternehmen, die von der neuen Seidenstrasse profitieren können, sind insbesondere internationale Spediteure wie Kühne & Nagel und AP Moeller Maersk oder internationale Konzerne, die im Hafen-, Strassen- und Schienenbau tätig sind, wie China Rail Construction, Keppel oder Vinci. Nicht zu vergessen sind auch die Zulieferer im Bereich Stahl, Beton und Maschinen. Hier können insbesondere LafargeHolcim, Caterpillar und ArcelorMittal genannt werden.

Fabian Dori, Leiter Investment House bei der Notenstein La Roche Privatbank