Wie lauten Ihre Inflationserwartungen für 2017 in Europa und den USA?
Timann Galler*: Wir rechnen damit, dass die Inflation 2017 weltweit ansteigen wird, nachdem die Preise in den Industrieländern zuletzt kaum oder gar nicht zugelegt haben. Das stärkere Wachstum und der höhere Ölpreis dürften die Ängste einer globalen Deflation weitgehend reduzieren. Die Inflation dürfte am stärksten dort steigen, wo die Arbeitslosigkeit niedrig ist, was sich günstig auf das Lohnwachstum auswirkt. Regionen mit schwacher Lokalwährung müssen mit einem Anstieg der Preise für importierte Güter rechnen. Auch wenn die Arbeitslosigkeit in einigen Ländern der Euro-Zone weiter hoch ist, sollte die Inflation in der Region insgesamt ansteigen, wenngleich nicht so stark wie in den USA und Grossbritannien. Wegen der verhältnismässig hohen Arbeitslosigkeit dürfte die Euro-Zone unter ihrem Inflationsziel bleiben.

Ist Inflation grundsätzlich etwas, das Anleger fürchten müssen?
Ein hohe Inflation mit Teuerungsraten über 3 Prozent ist sicherlich zum Fürchten. Den privaten Haushalten droht der Kaufkraftverlust durch fallende Reallöhne und Unternehmen mit geringer Pricing Power erleben einen starken Margenverfall. Aus sozialer Sicht erhöhen sich zudem die Ungleichgewichte. Besitzer von realen Vermögenswerten und Fremdkapital gehören zu den Gewinnern, während Sparer und Lohnempfänger auf der Verliererseite stehen.

Gibt es positive Effekte?
Eine moderate Inflation in Kombination mit moderaten Inflationserwartungen kann privaten Haushalten und Unternehmen den Anreiz geben, zu investieren oder zu konsumieren und nicht Bargeld zu horten. Für die Staaten ist eine moderat hohe Inflation ein Instrument, um den realen Schuldenstand zu reduzieren. Im aktuellen Niedrigwachstumsumfeld, verursacht durch fallende Produktivität, geringes Bevölkerungswachstum und hohen Bruttoschuldenstand im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, scheint dieses Instrument der einzig realistische Weg zur Schuldenreduktion zu sein.

Welche Kräfte müssen Anleger mit Blick auf eine mögliche Inflation beobachten?
Energiepreise, Nahrungsmittelpreise, Lohnentwicklung und Mieten.

Welche Anlagestrategie bietet Schutz vor Inflation?
Neben den klassischen realen Vermögenswerten wie Immobilien, Aktien und Rohstoffen sind es TIPS, die einen gewissen Schutz vor steigenden Inflationserwartungen liefern. Auf der Obligationenseite ist in einem inflationären Szenario sicherlich eine kürzere Laufzeit ratsam. Gold bietet nur bedingt Schutz.

Was bedeutet Inflation konkret für den Aktienmarkt?
Die erhöhte Bewertung zahlreicher Aktienmärkte wird hauptsächlich durch einige wenige grosse Technologieaktien und defensive Aktien verursacht. Es gibt nach unserer Ansicht noch immer sehr viele attraktiv bewertete zyklische Unternehmen. Das bedeutet, dass gerade beim Investment in die heutigen Märkte sehr selektiv vorgegangen werden muss. Die Trendwende bei der Inflationsdynamik und an den Anleihenmärkten wird unserer Ansicht nach 2017 nachhaltige Konsequenzen für die einzelnen Branchen haben.

Welche genau?
Wir erwarten eine Fortsetzung der Sektorrotation, die in der zweiten Jahreshälfte 2016 begonnen hat und durch die Wahl Donald Trumps noch verstärkt wurde. Unsere Favoriten sind Finanzwerte, zyklische Konsumwerte (Automobil) und Rohstoffunternehmen (insbesondere Stahl). Untergewichtet sind wir in defensive Sektoren und sogenannte Anleihen-Proxies wie Versorger, Verbrauchsgüter und REIT. Generell als Stil präferieren wir in diesem Umfeld eher Value gegenüber Growth.

  *Tilmann Galler ist Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management.