Keke ist sechs Jahre alt und wohnt bei ihrer Grossmutter. Still sitzt sie zwischen den kahlen, abgenutzten Wänden, die einzigen Möbelstücke sind ein paar Schemel, Spielzeug besitzt sie kaum. Das Mädchen gehört zu den 61 Millionen Kindern in China, deren Eltern in die Stadt zogen und sie zurückliessen. 

Sie sind Opfer der riesigen Wanderbewegung, die die Urbanisierung Chinas begleitet. Die meisten bleiben in der Obhut ihrer Grosseltern, doch die sind oft gebrechlich und krank, zu müde und nur unzureichend gebildet. «Ich habe nicht wirklich Lust, sie grosszuziehen» sagt Kekes 60-jährige Grossmutter. Und weiter: «Ich leide an mehreren Krankheiten und habe Schmerzen, aber ich muss mich trotzdem um sie kümmern.» 

Kekes Eltern sind nach Peking gezogen, weil sie dort mehr verdienen. Ihre Tochter konnten sie nicht mitnehmen. Tagsüber geht Keke in den Kindergarten, und manchmal spielt sie mit den Nachbarn im Dorf Zhuangshuzui, das von Hügeln und Reisfeldern umgeben ist. «Es ist sehr ärgerlich», beschwert sich die Oma. «Aber wir haben keine Wahl.» 

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Zum Auswandern ermuntert 

Zhuangshuzui in der Provinz Hunan liegt in einem riesigen Gebiet in Zentral- und Südchina, wo in manchen Dörfern mehr als die Hälfte der Kinder ohne Eltern aufwachsen. Im vergangenen Jahr machte der Tod von fünf kleinen Kindern Schlagzeilen, die an einer Kohlenmonoxidvergiftung starben. Sie hatten sich im tiefsten Winter an einem Kohlenfeuer in einem Müllcontainer wärmen wollen. «Der inakzeptable Tod dieser Kinder zeigt, dass die zweitgrösste Wirtschaftsmacht der Welt mit ernsthaften Problemen konfrontiert ist», kommentierte damals die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. 

Die Regierung ermutigt die Landbewohner seit 20 Jahren, in die grossen Städte zu ziehen, um das Wirtschaftswachstum zu fördern. Inzwischen gibt es 263 Millionen Wanderarbeiter in China, und es werden jedes Jahr mehr. Meist schicken die Eltern regelmässig Geld aus der Stadt, um ihre Kinder zu unterstützen. Doch zu Besuch kommen sie nur einmal im Jahr, zum Chinesischen Neujahrsfest. Denn das Leben in der Stadt ist teuer: Dafür sorgt das «hukou»-System, nach dem chinesische Bürger nur in ihrer Heimatstadt vom Bildungs- und Gesundheitswesen profitieren. 

Mangel an familiärer Zuwendung 

Mehr als die Hälfte der zurückgelassenen Kinder wird nach einem Bericht des Chinesischen Frauenverbandes ganz ohne Eltern gross. Von diesen leben nahezu 70 Prozent bei den Grosseltern, die in der überwiegenden Mehrheit nur über eine Grundschulbildung verfügen. Ein Viertel wird von anderen Angehörigen aufgezogen, sieben Prozent sind sogar ganz auf sich alleine gestellt. 

«Aufgrund ihrer langen Trennung von ihren Eltern mangelt es an familiärer Zuwendung und Erziehung», heisst es in dem Bericht. «Die Lebensqualität sowie die geistige und körperliche Gesundheit der Kinder von Wanderarbeitern sind durchweg schlechter als bei denen, die bei ihren Eltern aufwachsen.» Der 72-jährige Zheng Futao kümmert sich seit Jahren um seinen zwölfjährigen Enkel. Doch in der Schule kann er ihm schon lange nicht mehr helfen. 

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«Die erste, zweite, dritte und vierte Klasse waren ok», sagt er. «Doch dann nicht mehr, als er auf die Mittelschule kam und Biologie und Englisch hatte. Von den 26 Buchstaben des Alphabets kann ich nur das 'C'.» 

(muv/sda)