Der Wirtschaftsboom in der Schweiz hilft auch älteren Arbeitslosen schneller zu einem neuen Job. Allerdings geht die Schere bei der Suchdauer von über 50-Jährigen (Ü50) immer weiter auseinander.

So ist die durchschnittliche Suchdauer der Ü50 im vergangenen Jahr von 7,9 auf 6,8 Monate gesunken, wie das jüngste Arbeitsmarkt-Barometer der Firma von Rundstedt zeigt, das am Donnerstag veröffentlicht wurde. Dies sei aber immer noch deutlich länger als der Gesamtdurchschnitt von 5,3 Monaten.

Von Rundstedt unterstützt Entlassene bei der Suche nach einer neuen Stelle. Für das Arbeitsmarkt-Barometer wurden Informationen von 1450 gekündigten Menschen und von 182 Unternehmen ausgewertet, die 2018 Kündigungen ausgesprochen hatten.

Keine allgemeine Altersdiskriminierung

Die Spanne zwischen den über 50-Jährigen wird aber deutlich grösser. Viele Ü50 finden sehr schnell wieder eine Stelle, während viele andere aber auch sehr lange suchen müssen. «Wir können daraus ableiten, dass es keine allgemeine Altersdiskriminierung im Markt gibt, sondern die Voraussetzungen individuell sehr unterschiedlich sind und durch andere Aspekte stark mitgeprägt werden», hiess es weiter.

So ist die Suchdauer bei Menschen mit so genannten «starken Profilen» von 4,5 Monaten im Vorjahr auf 3,8 Monate gesunken. Damit finden die besten über 50-Jährigen beinahe so schnell wieder einen neuen Job wie die unter 30-Jährigen.

Auf der anderen Seite ist die Suchdauer bei Ü50 mit so genannt «schwierigen Profilen» von 11 auf 11,8 Monate gestiegen. Das ist ein neuer Rekord und bereits zwei Monate mehr als noch im Jahr 2015. Diese Entwicklung «wird sich in Zukunft noch verstärken», schrieb von Rundstedt.

Immer mehr flüchten in die Selbstständigkeit

Gleichzeitig stellt von Rundstedt einen markanten Anstieg der Selbstständigkeit fest. 12 Prozent der Klienten haben sich 2018 für eine selbstständige Tätigkeit entschieden. Ein Jahr zuvor waren es erst fünf Prozent. Dieser Anstieg sei enorm, kommentierte von Rundstedt.

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Und die Selbstständigkeit sei oft nicht ganz freiwillig. Gerade für ältere Arbeitssuchende mit einem «schwierigen Profil» sei es häufig die einzige Möglichkeit, sich im Arbeitsmarkt zu halten und der Sozialhilfe zu entgehen. Oft funktioniere dann die Selbstständigkeit auch nicht recht, sagte von Rundstedt-Chef Pascal Scheiwiller auf Anfrage.

Lohneinbussen in Kauf genommen

Andere versuchen mit markanten Lohnzugeständnissen wieder einen neuen Arbeitgeber zu finden. Ein neuer Job bedeutet für die über 50-Jährigen nach einer Kündigung im Schnitt 12 Prozent weniger Gehalt. Dagegen erhalten die jüngeren Arbeitskräfte in der gleichen Lage im Durchschnitt 9 Prozent mehr Salär bei einer neuen Stelle.

«Dies verdeutlicht einerseits den zunehmenden Druck auf die Gruppe der Ü50», schrieb von Rundstedt: «Dies zeigt andererseits aber auch auf, dass die Lohnkostenhürde bei Ü50 offensichtlich mit Flexibilität auf beiden Seiten (Arbeitgeber und Arbeitnehmer) überwunden werden kann und der Markt auch über Lohnflexibilität zu funktionieren scheint.» Die in der Theorie oft beschriebe so genannte Bogenkarriere scheine sich erstmals auch in der Praxis zu manifestieren, sagte Scheiwiller.

Insgesamt zeigt sich damit, dass trotz rund laufender Konjunktur und grossem Fachkräftemangel die strukturelle Arbeitslosigkeit nicht schwindet. Denn die Profile der Arbeitssuchenden passen oft nicht auf die offenen Jobs der Firmen.

Unternehmen beharren auf Wunschprofil

Sehr viele Unternehmen halten an ihrem perfekten Wunschprofil fest und sind kaum bereit, davon abzuweichen. Nur einem Viertel der Klienten von Rundstedts sei ein Branchen- oder Funktionswechsel gelungen.

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Die Wunschvorstellungen der Firmen seien weiterhin ein Hindernis für Menschen, die sich aufgrund von Strukturveränderungen neu orientieren müssten, hiess es. Denn durch den global offenen Arbeitsmarkt würden die Unternehmen immer noch die gesuchten Wunschkandidaten auf dem freien Markt finden.

(sda/mbü/tdr)