Wenn Ernst Konrad auf die vergangenen zehn Jahre in Europa zurückblickt, ist er ein wenig desillusioniert. «Kaum war die Finanzkrise überstanden, schlitterte die Region in die von Griechenland ausgelöste Euro-Krise», sagt der Gesellschafter bei der Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz.

Und auch in den Jahren danach war die EU oft wie gelähmt. «Neidisch blickt man in die USA, wo die Notenbank und trotz mancher Kritik auch die Regierungen Obama und Trump für wirtschaftlichen Aufschwung und steigende Börsen sorgten.»

Der europäische EuroStoxx-50-Index hat seither rund 40 Prozent zugelegt, der amerikanische S&P 500 dagegen nur etwa 33 Prozent.

Doch jetzt sieht Konrad eine Wende gekommen, und damit ist er nicht allein. Die Unfähigkeit der USA, die Pandemie in den Griff zu bekommen, sowie die Aussicht auf deutlich höhere Steuern unter einem demokratischen Präsidenten einerseits und der gemeinsame Wiederaufbaufonds der EU andererseits lassen europäische Aktien plötzlich in neuem Glanz erstrahlen.

Wer diese Chance nutzen will, sollte jedoch genau hinschauen, welche Firmen die Gewinner von Europas Renaissance an der Börse sein werden. Elf Aktien bieten sich dafür an.

Europäische Aktien im Vorteil

Schon seit dem Tiefpunkt an den Börsen am 18. März sind europäische Aktien gegenüber amerikanischen deutlich im Vorteil. Der europäische EuroStoxx-50-Index hat seither rund 40 Prozent zugelegt, der amerikanische S&P 500 dagegen nur etwa 33 Prozent.

Wertentwicklung von Europas beste Aktien seit Jahresanfang in Prozent.
Quelle: Infografik Welt
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Hinzu kommt, dass der Aufschwung an Amerikas Börsen fast ausschliesslich von fünf Unternehmen getragen wird: AppleMicrosoftAmazonFacebook sowie der Google-Mutter Alphabet. Betrachtet man die Entwicklung des S&P 500 seit Jahresbeginn, so steht er heute etwa dort, wo er auch damals stand.

Ohne die fünf Schwergewichte liegt er jedoch rund zehn Prozent im Minus. Ohne diese fünf IT-Giganten ist der glänzende Lack der US-Börse ab.

Für Werner Krämer, Ökonom bei Lazard Asset Management, ist klar, dass dieser Trend anhält. «Unter Risikogesichtspunkten und der Frage, welcher Markt was bereits eingepreist hat, finden wir für die nächsten zwölf Monate Europa im Vergleich zu den USA sehr attraktiv», sagt er.

Ein Grund seien die anstehenden US-Wahlen. «Falls Donald Trump verliert, kann das unter anderem geopolitisch Entspannung bringen, aber gleichzeitig zu Steuererhöhungen führen, was dem Aktienmarkt nicht schmecken wird.» Zudem bestehe in den USA eben diese sehr starke Abhängigkeit von einigen wenigen Technologieaktien.

Entwicklung des europäischen und des US-Aktienmarkts seit dem Krisentief in Punkten
Quelle: Infografik Welt

Auch Investmentgiganten entdecken nun Europa neu, in den vergangenen Wochen gehörten dazu schon Goldman SachsMorgan Stanley und die Bank of America. Ende Juni gesellte sich auch Blackrock, der grösste Vermögensverwalter der Welt, zu Europas neuem Fanklub und stufte europäische Aktien in seinen internen Empfehlungen auf «übergewichten», US-Aktien wurden dagegen auf «neutral» heruntergestuft.

Favoriten am Aktienmarkt 

«Wir sind optimistischer für europäische Aktien geworden angesichts des relativen Erfolgs, den Europa bei der Eindämmung der Virusausbreitung im Vergleich zu den USA hatte, und der umsichtigeren Öffnung», nannte Wei Li, Leiterin der Anlagestrategie bei Blackrocks iShares EMEA, als einen wichtigen Grund.

Doch Europas Aktienmarkt ist natürlich kein Monolith. Auch hier gibt es Gewinner und Verlierer. Auf welche Aktien sollten Anleger also jetzt setzen? Ben Ritchie, zuständig für europäische Aktien, und Jamie Mills O’Brien, Investmentmanager bei Aberdeen Standard Investments haben dazu ihre zehn Favoriten ausgewählt, die sie für die Gewinnmaschinen der kommenden Jahre halten, und sie haben einen Joker hinzugefügt.

Kriterien waren dabei einerseits robuste Finanzkennzahlen und gute Geschäftsmodelle, andererseits strukturelle Wachstumstreiber. Das Portfolio zeichnet sich ihrer Meinung nach dadurch aus, dass es einerseits defensiv genug ist, um die Herausforderungen der aktuellen Krise zu meistern, gleichzeitig aber auch in der Lage ist, Chancen zu nutzen.

Defensive Aktien florieren 

Zu den defensiven Aktien gehört die irische Kerry Group, ein Hersteller von Nahrungsmitteln und Grundstoffen für die Nahrungsmittelindustrie – eine Branche, die auch in der Krise floriert. «Und wegen des Engagements in vielen verschiedenen Regionen und Kundensegmenten erzielte das Unternehmen bisher ein konstantes Wachstum», ergänzen die Aktienexperten.

Ebenfalls gut durch die Krise kamen bisher der Versorger RWE und der französische Bahntechnikkonzern Alstom. Bei RWE ist es vor allem das Geschäft mit erneuerbaren Energien, das zusätzlich für eine gute Perspektive sorgt, Alstom wiederum erhält Rückenwind durch staatliche Ausgabenprogramme, die den Schienenverkehr begünstigen.

Eine Grafik über die Wertentwicklung von Europas besten Aktien in Prozent
Quelle: Infografik Welt

Eigentlich eher ein defensives Investment ist traditionell der Gesundheitssektor und damit der dänische Pharmakonzern Novo Nordisk, den die Experten als vierten Wert ausgewählt haben. Die Branche gerät aber derzeit zusätzlich in den Fokus, da viele Regierungen als Konsequenz aus der Pandemie künftig deutlich mehr in das Gesundheitswesen investieren dürften.

Auch die Deutsche Börse vereint defensive und wachstumsstarke Elemente. «Ihre wachstumsstarken Geschäftsfelder sorgen für hohe einstellige Zuwachsraten, während die zyklischen Sparten eine willkommene Absicherung gegen höhere Schwankungen und Zinsen bieten.»

Zukunftsorientierte Titel

Deutlich stärker wachstumsorientiert sind dagegen der französische Zahlungsdienstleister Worldline und das niederländische Internetunternehmen Prosus. Wordline konkurriert mit amerikanischen Firmen, sein Geschäftsmodell ist jedoch stärker diversifiziert – es wächst daher etwas langsamer, dafür aber verlässlicher. Prosus wiederum ist führend bei einigen der wichtigsten Konsumtrends wie Lebensmittellieferdiensten und der Skalierung von Internet-Plattformen.

Ebenfalls aus den Niederlanden stammt ASML, eines der zentralen Glieder der weltweiten Halbleiterlieferkette. Daher sei es für die wichtigsten Technologietrends der kommenden Jahrzehnte unverzichtbar, so die Experten.

Aus dem Finanzbereich fiel ihre Wahl einerseits auf die schweizerische Partners Group, einer der ganz grossen Anbieter im Bereich Private-Equite-Anlagen – ein grundsätzlich eher defensives Investment, das aber von dem Trend zu solchen Anlagen profitieren sollte. Ganz anders dagegen die italienische Finecobank, die im Online-Brokerage gross ist. Sie vergrössere ihren Marktanteil stetig, indem sie laufend neue Produkte entwickle.

Der Joker ist der spanische Softwareanbieter Amadeus. Das Unternehmen ist mit seinen Programmen ein entscheidendes Rädchen in der Reisebranche und hat daher in diesem Jahr natürlich erheblich gelitten. Gerade deshalb ist die Aktie aber auch eine Wette auf die Zukunft, in der Reisen hoffentlich wieder normal und weltweit möglich sein wird.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: «Besser als US-Aktien – das sind Europas Superstars».