Ein Virus zieht um die Welt. Hygienevorschriften nützen wenig, Quarantänen kommen zu spät, die Mediziner sind ratlos – und bald gerät die ganze Wirtschaft in Schieflage: Fabriken schliessen, weil die Arbeiter im Bett liegen. Detailhändler melden, dass ein Drittel der Umsätze wegbrechen. Bars sind zu, Konzerte abgesagt. Reihenweise stürzen kleinere Unternehmen in den Bankrott.

Man hat es schon erlebt. Aber man hat es vergessen. Die Rede ist von der legendären «Spanischen Grippe», die 1918 auftauchte und weltweit wohl bis zu 50 Millionen Menschen tötete – die Schweiz beklagte rund 25'000 Todesopfer. Verglichen damit wirkt Covid-19 wie ein Kinderschnupfen. Es gab Hamsterkäufe und zugenagelte Häuser, und wer in die Archive steigt, findet Zeitungsartikel, welche die Wirtschaftsstimmung ähnlich schwarz malen wie gewisse Social-Media-Posts von heute: «Influenza Crippling Industries», «Die Minen von Tennessee könnten zugrunde gehen». 

Minus im Entertainment, Plus bei Healthcare

Fast ein Jahrhundert später, im Jahr 2007, veröffentlichte die amerikanische Notenbank Fed einen Bericht: Wie genau veränderte jene Gesundheitskatastrophe die Wirtschaft?

Antwort: Eigentlich gar nicht.

In stark betroffenen Gegenden stiegen kurzzeitig die Löhne und das Pro-Kopf-Einkommen. Viele Firmen – insbesondere im Dienstleistungs- und Unterhaltungsbereich – erlitten zweistellige Umsatzverluste. Auf der anderen Seite meldete der Gesundheitssektor ein Wachstum. Doch fundamentale Wandlungen konnte der Fed-Bericht nicht festmachen. «Die Influenza von 1918 war kurzlebig und hatte ihre dauernde Wirkung nicht in den Kollektiven, sondern bloss bei den Atomen der menschlichen Gesellschaft – Individuen», steht da zum Beispiel. «Die Gesellschaft insgesamt erholte sich rasch von der Influenza von 1918.»

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Dossier

Quarantänen, Sperren, Einnahmenverluste, Firmenschliessungen: Die mächtige Maschine namens Kapitalismus benötigte bloss ein paar Monate, um die Dellen wieder auszubügeln. Zwei Jahre später war die Spanische Grippe vom Erdboden verschwunden, und was danach kam, ist bis heute als «Roaring Twenties» in Erinnerung geblieben. Auch und gerade in der Wirtschaftsgeschichte.

Es gäbe noch mehr solcher Beispiele: 1892 sackte die Börse in New York ab, nachdem Auswandererschiffe einige Cholerakranke an Land gelassen hatten. Denn sofort kam die Sorge auf, dass verriegelte Seehäfen in Europa zu einer «interruption of business» oder zur «friction in the working of our commercial and financial machinery» führen könnten: So formulierte es das «Commercial & Financial Chronicle» im September 1892; heute würde man von gestörten Lieferketten reden. Immerhin noch vage in Erinnerung ist die Sars-Epidemie 2003, die ebenfalls ernsthafte Ängste vor wirtschaftlichen Unterbrüchen schürte.

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Gewiss, Geschichte wiederholt sich nicht, jeder Vergleich hinkt, und die Weltwirtschaft ist 2020 vernetzter denn je. Sie erscheint also auch anfälliger – zumindest bei oberflächlicher Betrachtung. Obendrein plagt das neue Virus sie nach langen Wachstumsjahren und nach mancher Übertreibung, an einem Punkt also, wo sowieso längst Korrekturen erwartet wurden. Und mit Italien oder Japan trifft Covid-19 ausgerechnet ein paar schwer verschuldete Industriestaaten, die zuvor schon am Rand einer Rezession standen.

Wenn also Organisationen wie OECD oder IWF vor einem ernsthaften Dämpfer warnen, dann mit Fug und Recht. Doch das ist noch nicht die prinzipielle Ebene. Solange es um Steuern oder Regulierung ging, erschien das globale Business bislang als flinkes Reh, das im Nu den Standort wechseln kann, flexibel und kreativ. Entsprechend schwer zu glauben, dass ein Virus nun die Globalisierung abwürgen soll. Das schafft höchstens die Politik.

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«Solange es um Steuern oder Regulierung ging, erschien das globale Business bislang als flinkes Reh, das im Nu den Standort wechseln kann.»