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Analyse
Darum setzt die SNB jetzt auf negative Zinsen

In den 70er Jahren gab es in der Schweiz schon einmal negative Zinsen. Doch weltweit wurde damit bislang nur selten experimentiert. Darum setzt die Nationalbank nun auf das kaum Erprobte.

Von Mathias Ohanian
am 18.12.2014

Die Deflationsgefahr ist gestiegen, der Franken klebt seit Tagen an der Mindestgrenze zum Euro. Nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Wechselkursgrenze vor allem wegen der Russland-Krise verteidigen musste, hat sie heute negative Zinsen eingeführt. Warum greift die Nationalbank zu diesem ungewöhnlichen Instrument, das historisch nur von wenigen Notenbanken erprobt wurde?

Die SNB sieht die Schweizer Wirtschaft mit zwei grossen Problemen konfrontiert: Einerseits findet sie, dass der Franken noch immer überbewertet ist. Das stellt eine Gefahr für die Konjunktur dar. Die starke Währung erschwert Schweizer Exporteuren die Geschäfte, weil ihre Produkte im Ausland teuer sind. Daneben drückt der teure Franken die Preise für Importgüter und so die Konsumentenpreise insgesamt. Erst in der vergangenen Woche prognostizierte die SNB deshalb für 2015 eine leichte Deflation.

Negativzinsen sollen Franken schwächen und Deflation lindern

Negative Zinsen sollen nun entlastend auf diese Schwierigkeiten wirken: Finanzinvestoren sollen abgeschreckt werden, Franken und entsprechende Anlageprodukte zu kaufen. Das soll die Währung schwächen – und damit sowohl das Problem der Schweizer Exporteure als auch die Deflationsgefahr lindern. Mit negativen Zinsen sinkt also der Druck auf die SNB, die selbst gezogene Wechselkursgrenze zu verteidigen – denn der Euro wird damit relativ attraktiver.

Tatsächlich zeichnete sich zuletzt bereits ab, dass die SNB diesen Schritt gehen könnte. Bei der vierteljährlichen Lagebeurteilung in Bern betonte Präsident Thomas Jordan, dass negative Zinsen eine Alternative sein könnten – sollte der Frankenwert weiter sehr hoch sein. Bereits im Frühjahr empfahl der Internationale Währungsfonds der SNB einen negativen Einlagezins für Banken einzuführen.

Negativzinsen gab es in der Schweiz schon in den 70er Jahren

Dabei sind negative Zinsen für die Schweiz kein völlig unbekanntes Terrain. Als der Schweizer Franken wegen der Ölkrise in den 1970er-Jahren stark aufwertete, verständigten sich SNB und Geschäftsbanken darauf, den Franken zu schützen. Die Massnahmen reichten von einem Verbot der Anlage ausländischer Gelder in inländische Wertpapiere und Grundstücke bis hin zu Negativzinsen auf kurzfristige ausländische Frankenguthaben.

Theoretisch ist das Konzept negativer Zinsen alles andere als neu – und wurde erstmals sogar im späten 19. Jahrhundert diskutiert. Der renommierte US-Ökonom Irving Fisher soll von der Idee des deutschen Silvio Gesell so begeistert gewesen sein, dass er das Konzept Präsident Roosevelt in der grossen Depression der 1930er-Jahre unterbreitete. 1934 widmete Fisher dem Thema sogar ein ganzes Buch.

Nur wenige Notenbanken experimentierten damit

Doch in der Praxis experimentierten bislang nur wenige Notenbanken damit. Das jüngste Beispiel ist die Europäische Zentralbank. Sie verlangt von Geldhäusern seit September einen Strafzins von 0,2 Prozent, wenn diese bei der Notenbank über Nacht Geld anlegen.

Erstmals nach der grossen Finanzkrise experimentierte die Schwedische Reichsbank mit negativen Zinsen und senkte im Sommer 2009 den Zins für Übernachteinlagen auf minus 0,25 Prozent. Einen ähnlichen Schritt wagte Dänemarks Zentralbank Anfang Juli 2012: Kurz nach Einführung eines Minus-Zinssatzes von 0,2 Prozent auf Bankdepositen bei der Zentralbank verlor die dänische Krone binnen kürzester Zeit deutlich an Wert. Zuvor litt die Währung, ähnlich wie der Schweizer Franken heute, unter einem steten Aufwertungsdruck.

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