Der Schlachtruf dieser Tage lautet: «Das Schlimmste liegt hinter uns!» Das klingt so wie: «Alles wird wieder gut.» Wer wollte das nicht gerne glauben? Und doch haben wir alle kein gutes Gefühl angesichts der jüngst eindeutig positiven Entwicklung. Das hat Gründe.

Klaus W. Wellershoff ist Ökonom und Verwaltungsratspräsident des Beratungsunternehmens Wellershoff & Partners. Er war zuvor zwölf Jahre Chefökonom des Schweizerischen Bankvereins beziehungsweise der UBS. Er unterrichtet Nationalökonomie an der Universität St. Gallen.

Dort, wo es Monatsdaten zur Wirtschaftsentwicklung gibt, sieht man, wozu die Angst vor dem Virus und die drastischen Einschränkungsmassnahmen der Regierungen geführt haben. In Grossbritannien zum Beispiel fiel im Monat April das Volkseinkommen um 20 Prozent. Wenn man weiss, dass man in normalen Zeiten schon einen Rückgang von 2 Prozent als eine grosse Rezession bezeichnet – als was soll man dann die Coronakrise bezeichnen?

Angesichts der Lockerung vieler Regierungsmassnahmen in diesen Tagen wird es nun unweigerlich zu einer Verbesserung der Zahlen kommen. Der Tiefstpunkt liegt in der Tat hinter uns. Streng genommen bedeutet das: positives Wachstum. Ist das gleichbedeutend mit: «Jetzt kommt der Aufschwung»? Für Erbsenzähler und Besserwisser bestimmt. Aber anfühlen wird es sich kaum wie ein Aufschwung.

Warum? Weil das positive Wachstum im kommenden Quartal uns bei weitem nicht zu einer Normalauslastung unserer Kapazitäten verhelfen wird. Weil wir manche Dinge, die wir vor der Krise gemacht haben, einfach so nicht wieder tun werden. Und weil damit der «technische Aufschwung» begleitet sein wird von steigender Arbeitslosigkeit.

«Vielleicht wird alles wieder gut, aber das dauert viel länger, als heute so mancher glauben mag.»

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Aber nicht nur der Arbeitsmarkt wird länger brauchen sich zu erholen, als wir uns das wünschen. Auch bei den Unternehmen wird es nicht mehr so sein wie vorher. Natürlich gibt es Gewinner der Coronakrise. Im Schnitt haben die Unternehmen aber massiv an Umsatz verloren. Die Mehrzahl aller Gesellschaften wird in diesem Jahr keine Gewinne schreiben. Mehr Schulden sind die eine Folge, ausbleibende Investitionen die andere. Denn ohne Cashflow investieren Unternehmer in der Regel nicht.

Schliesslich blendet das «Alles wird wieder gut!» aus, dass die Staatseingriffe der letzten Monate mit enormen Kosten verbunden gewesen sind. In praktisch allen Industrienationen – auch bei uns – wird sich das Budgetdefizit des Staates in diesem Jahr auf 10 Prozent des Volkseinkommens und mehr belaufen. In den USA werden es deutlich mehr als 20 Prozent sein. Gleichzeitig haben die Zentralbanken in vielen Ländern massiv in die Obligationenmärkte eingegriffen, weil diese den enormen Finanzbedarf von Unternehmen und Regierungen nicht bedienen konnten.

Der «Sieg» gegen Corona wurde teuer erkauft. Staatsverschuldung und massive Ausweitung der Geldmengen sind die Folge. Daraus resultiert eine Belastung für die Wirtschaftsentwicklung für viele Jahre. Anders gesagt: Vielleicht wird alles wieder gut, aber das dauert viel länger, als heute so mancher glauben mag.

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