Herr Straubhaar, wissen Sie noch, was sie am 15. Januar 2015 gemacht haben?
Thomas Straubhaar: Oh ja, und es war leider kein Ruhmesblatt für mich. Ich hatte am Vorabend in Solothurn einen Vortrag vor über 500 Gästen gehalten. Während der Fragerunde stellte mir jemand die Frage, wann die SNB den Frankenkurs freigeben würde. Meine Antwort war sinngemäss: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemals passieren wird.» Ich wachte am nächsten Morgen auf - und die Welt war eine andere.

Beim damaligen «Frankenschock» stürzte der Franken zum Euro kurzzeitig weit unter die Parität. Von der Parität sind wir derzeit nicht weit entfernt.
Die positive Nachricht ist: Der starke Franken ist ein unbestechliches Zeichen dafür, dass die Leute weltweit noch immer an die Zukunft des Landes glauben. Ich finde, das ist doch eine gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist natürlich, dass es offenbart, wie die SNB bei ihrem Bestreben, den Wechselkurs zu beeinflussen, an ihre Grenzen stösst. Die Schweiz wird noch längere Zeit mit dem starken Franken leben müssen.
 

Thomas Straubhaar ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Von 2005 bis 2014 war er Direktor des damals neu gegründeten Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts. Der Schweizer lebt seit knapp 30 Jahren in Hamburg
 

Ich höre schon das Klagelied der Wirtschaft.
Klar, für Exportbranchen oder den Tourismus ist das brutal. Doch das Beispiel der Schweiz zeigt auch: Länder, die einen hohen Lebensstandard haben wollen, dürfen sich langfristig nicht auf einen Kostenwettbewerb einlassen. Wenn ein Land attraktiv bleiben will, muss es auf Qualitätswettbewerb setzen. Das Wesen des Schweizer Erfolgs ist, dass auf einen starken Franken immer mit Qualität reagiert wurde.  

Die Börsen befinden sich seit 2009 in einer Haussephase. Ist Ihnen die Länge des Aufschwungs nicht unheimlich?
Nein. Ich habe letztens geschaut, was ich vor zehn Jahren in meinen Vorträgen für Basistrends für die 2010er-Jahre prognostiziert habe. Ich war verblüfft, dass viele positive Grundtendenzen in meinen Augen auch für die 2020er-Jahre noch gelten.

«Der tiefe Zins ist die neue Normalität. Es ist, wie es ist. Punkt.»

Und die wären?
Erstens steigt die Anzahl der Menschen weltweit noch immer stark an und die Pro-Kopf-Einkommen haben ausserhalb der OECD-Länder gewaltiges Aufholpotenzial. Zweitens entstehen immer wieder völlig neue Technologien, die nach Investitionen und Anwendungen suchen, Stichworte Digitalisierung oder Datenwirtschaft. Und drittens haben wir natürlich die tiefen Zinsen, die Investitionen weiterhin günstig machen. All diese Faktoren haben damals wie heute ihre Gültigkeit.

Sehen Sie in den tiefen Zinsen kein Problem?
In der Schweiz und in Deutschland wird viel über die Niedrigzinsen geschimpft, aus nachvollziehbaren Gründen. Doch die Situation zu ändern, ist nun mal nicht so einfach. Daher sollten wir keine Zeit damit verschwenden, uns darüber zu ärgern, sondern es als Faktum akzeptieren. Der tiefe Zins ist die neue Normalität. Es ist, wie es ist. Punkt. Stattdessen sollten wir uns fragen: Wie reagieren wir auf diese Situation?

Ihr Vorschlag?
Wir müssen uns neue Alternativen zu alten Vorsorgelösungen überlegen, die sich durch Zinserträge finanzieren haben. Man wird auf Unternehmensanleihen und eben auch auf Aktien ausweichen müssen.

Ist Geld denn nichst mehr wert? Wir erklären Sie Ihren Studierenden, dass die Schweiz heutzutage dafür belohnt wird, sich Geld zu leihen?
Das ist genau der Punkt. Jungen Leuten kann ich heute keine Theorien mehr vermitteln, die seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr den Realitäten entsprechen. Heute ist der Kapitalmarkt gekennzeichnet durch einen Angebotsüberschuss. Wenn das Angebot grösser ist als die Nachfrage, sinkt der Preis, also der Zins – teilweise auch in den negativen Bereich.

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«Jungen Leuten kann ich heute keine Theorien mehr vermitteln, die seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr den Realitäten entsprechen.»

Thema Coronavirus: Was sagen Sie als Ökonom dazu?
Der Mensch tendiert dazu, kurzfristige Risiken überzubewerten, während er langfristige Effekte unterbewertet. Natürlich birgt das Coronavirus schwer abschätzbare Risiken. Doch mit mittlerweile 40 Berufsjahren habe ich einige solcher Schocks erlebt. Die Lehre daraus: Es ist für die Betroffenen schrecklich, doch für die Makroökonomie ist es langfristig verblüffend bedeutungslos. Der Markt zeigt sich in diesem Fall erstaunlich rational.

Aber China ist doch mittlerweile ein wichtiger Markt für die Weltwirtschaft.
Wir sind ohnehin schlecht beraten, uns in dramatischer Abhängigkeit zu China zu stürzen. Vielleicht hilft uns diese schreckliche menschliche Tragödie am Ende des Tages, uns von der Abhängigkeit zu China etwas zu lösen.

Sie sind Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen. Ist Freihandel heutzutage out, Protektionismus wieder in?
Wir erleben in Bezug auf die Welthandelspolitik derzeit den grössten Bruch seit dem Zweiten Weltkrieg. 60 Jahre lang wurde die Handelsordnung durch die Welthandelsorganisation (WTO) geprägt. Die WTO hat nach dem Krieg im Prinzip kleine Staaten gross und grosse Staaten klein gemacht. Die Schweiz oder Malta haben in der WTO eine Stimme, genauso wie China und die USA.

«Dass es Donald Trump nicht gefällt, dass die EU 27 Stimmen in der WTO hat und die USA nur eine, ist doch irgendwie logisch.»

Unfaire Bedingung im Welthandel ist das Lieblingsthema von Donald Trump.
Dass es Donald Trump nicht gefällt, dass die EU 27 Stimmen in der WTO hat und die USA nur eine, ist doch irgendwie logisch. USA und China wirken darauf hin, dass in Fragen des Freihandels das jahrzehntelang geltende Prinzip «one state, one vote» verschwindet. Sie setzen auf das Recht des Stärkeren.

Waren die USA tatsächlich jahrzehntelang benachteiligt?
Ich würde nicht sagen benachteiligt, denn Freihandel ist am Ende immer besser für alle. Aber es geschah einfach nicht auf Augenhöhe. Das Wirtschaftswunder in Europa wäre ohne die WTO undenkbar gewesen. Es war ja auch damals völlig im Sinne der USA, Europa durch Freihandel wieder stark werden zu lassen. Die USA selber brauchten keinen Freihandel. Der war für die USA zwar immer «nice to have», aber nicht existenziell.

Für viele ist Donald Trump jemand, der auf der lange mühsam aufgebauten Welthandelsordnung herumtrampelt.
Der Unmut in den USA über die aktuellen Bedingungen im Welthandel war schon vor Donald Trump da. Er hat jetzt einfach mit dem Holzhammer durchgesetzt, was mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren ohnehin so gekommen wäre – wenn auch etwas gemächlicher.

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Was heisst das für die Zukunft des Welthandels?
Es bedeutet vor allem höhere Transaktionskosten für alle. Ich sage es erneut: Finden wir uns damit ab. Punkt. Die Märkte tun das schon und entwickeln neue Geschäftsmodelle. Es ist verblüffend, wie rasch die Doktrin der Nachkriegszeit, Produktionsstätte in Billiglohnländer zu verlagern, im Moment korrigiert wird. Die westlichen Länder holen diese Produktion langsam wieder zurück.

Woran liegt das?
Erstens steigen auch in China die Lohnkosten. Zweitens kann sich eine Schweizer Firma aus Imagegründen immer weniger leisten, in einem Billiglohnland mit schlechten Arbeitsbedingungen Textilien herzustellen. Doch der wichtigste Treiber ist drittens die Digitalisierung. Durch sie verliert der Vorteil der billigen Lohnkosten zunehmend an Bedeutung. In Gütern steckt immer weniger menschliche Arbeit. Die Roboter übernehmen das zunehmend.

Apropos Donald Trump: Wer wird der nächste US-Präsident?
Wer es wird, ist eigentlich zweitrangig. Wichtiger ist: Er oder sie wird aller Wahrscheinlichkeit nach 70 Jahre oder älter sein. In Finnland wird eine 34-Jährige zur Regierungschefin gewählt, und im grossen Amerika finden sich kaum Kandidaten unter 70. Von Aussenseiter Pete Buttigieg abgesehen, ist Donald Trump bei den Männern noch der Jüngste. Das ist doch erschreckend. Ausserdem wird die Wahl im Herbst 2020 die alten Zeiten nicht zurückholen. Bernie Sanders oder Donald Trump sind beide für «America First», nur mit einer anderen Dialektik.