Die Pharmaindustrie ist das Zugpferd der Schweizer Wirtschaft, insbesondere der Exportwirtschaft. Doch seit einigen Jahren hat sich ein Ungleichgewicht eingestellt: So richtig rund läuft es nur noch im Pharma­sektor, während andere Exportbranchen kaum noch wachsen.

Mittlerweile mehren sich die warnenden Stimmen an­gesichts der Dominanz der Pharma­branche bezüglich des Exports, die ­immer markanter wird. Manche Öko­nomen sprechen von der Holländischen Krankheit – der einseitigen Abhängigkeit einer Volkswirtschaft von einem Exportsektor mit negativen Folgen für andere Branchen.

Starke Pharmaexporte schaden anderen Branchen

Die Sorge in der Schweiz: Die Exportstärke der Pharmaindustrie habe eine aufwertende Wirkung auf den Franken und schade anderen Branchen, die weniger produktiv und abhängiger vom Wechselkurs sind, etwa die Maschinen- und ­Metallindustrie. Letztere verlieren an Wettbewerbsfähigkeit und damit län­gerfristig an Bedeutung für die hiesige Volkswirtschaft – bis hin zur Deindustrialisierung, weil sie die Produktion an günstigere Standorte im Ausland verlagern.

«Es ist ein Segen, dass wir die Pharmabranche als Exportzugpferd haben, aber sie verzerrt das Bild der gesamtwirtschaftlichen Lage», sagt Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. Es gebe wenige Länder auf der Welt, die so einseitig von einer Branche abhängig sind wie die Schweiz.

Trotz einer schwächeren Weltwirtschaft und grossen globalen Unsicher­heiten war 2019 ein gutes Jahr für den Schweizer Aussenhandel: Die Exporte legten um 3,9 Prozent auf rund 242 Milliarden Franken zu – ein Rekordwert, wie die Eidgenössische Zollverwaltung (EVZ) kürzlich mitteilte. Doch ohne die Pharmaausfuhren – welche 2019 um rund 10 Prozent anstiegen – wäre dieses Exportplus nicht möglich gewesen und die Handelsbilanz wäre sogar im Defizit.

Mittlerweile sind fast 37 Prozent aller schweizerischen Exporte Pharmaprodukte. Der Anteil des Gesamtsektors Chemie, Pharma und Life Sciences an den Exporten erhöhte sich im vergangenen Jahr sogar auf rund 47 Prozent. Das heisst, fast jeder zweite im Aussenhandel verdiente Franken stammt aus dieser Industrie, so der Branchenverband Scienceindustries.

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In den vergangenen dreissig Jahren ist die Bedeutung der Pharmaindustrie für die hiesige Volkswirtschaft massiv gestiegen: 1990 gingen Pharmagüter im Wert von weniger als 5 Milliarden Franken ins Ausland, heute sind es knapp 82,5 Milliarden. Eine Abhängigkeit, die auch Risiken birgt, denn sie macht die Schweizer Wirtschaft anfälliger. Die Wertschöpfung der Pharmaindustrie lag laut einer Studie von Bak Economics 2018 bei rund 36 Milliarden Franken – 5,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) –, 1980 war es nur etwa 1 Prozent.

Die Pharmabranche sei nicht nur für die Gesamtwirtschaft von grosser Bedeutung, sondern auch der wichtigste Wachstumsmotor der Schweizer Industrie. Gleichzeitig sei der hohe Exportanteil ein Klumpenrisiko, das zu einer Belastung für die Volkswirtschaft werden könnte.

Anders jedoch als die ­Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), welche vor dreissig Jahren noch ein ähnliches Exportgewicht hatte, ist der Pharmasektor nicht so stark dem Kostenwettbewerb ausgesetzt. Das liegt vor allem an den Patenten, welche die Medikamentenpreise schützen. Doch auch Patente laufen irgendwann aus oder können in den Fokus der Politik geraten.

Besorgnis erregende Frankenaufwertung

Gleichzeitig wertet die starke Nach­frage nach Schweizer Pharmaprodukten im Ausland den Franken weiter auf – zum Nachteil anderer Exportbranchen, vor allem der MEM-Industrie. Die SNB ­bekämpft daher die Aufwertung der Währung mit rekordniedrigen Zinsen.

Die sogenannte Holländische Krankheit dia­gnostizierte die Credit Suisse der Schweiz bereits vor vier Jahren. Demnach sei der Franken stark, weil die Schweiz wie die Niederlande in den 1970ern über einige wenige sehr erfolgreiche Exportbranchen verfügt.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sprach in seinem Länderbericht 2018 von einem Phänomen in der Schweizer Wirtschaft, das der Holländischen Krankheit ähnelt: Die hochprofitable Pharmaindustrie sei für eine gewisse Aufwertung der Währung verantwortlich.

Anders als bei den Exporten spielt die Pharmaindustrie gesamtwirtschaftlich eine geringere Rolle: Mit nur etwa 1 Prozent (davon fast zwei Drittel in der Region Basel) der knapp vier Millionen Beschäftigten in der Schweiz ist sie nicht arbeitsintensiv. Gemessen an der starken Wertschöpfung ist die Pharmaindustrie gleichzeitig der produktivste Sektor hierzulande.

Hinzu kommt: Fast die Hälfte der Pharmaexporte geht zwar in die EU, aber die USA sind als Absatzmarkt in den vergangenen zwanzig Jahren sehr stark gewachsen. Inzwischen ist der weltgrösste Pharma- und Hochpreismarkt mit 24 Prozent auch grösster einzelner Abnehmer von Schweizer Pharmaprodukten.

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Dabei importieren die USA wesentlich mehr Medikamente aus der Schweiz, als sie exportieren, und zwar nicht unbedingt zum Wohlgefallen der Amerikaner. Der US-Handelsbeauftragte Robert Lighthizer soll vor ­einigen Monaten sogar mit Strafzöllen gedroht haben.

Mittlerweile steht die Schweiz wieder als potenzieller Währungsmanipulator unter amerikanischer Beobachtung – auch aufgrund des hiesigen Leistungsbilanzüberschusses. Die Handelsbilanz erreichte im vergangenen Jahr einen Rekordüberschuss von etwa 37 Milliarden Franken, denn die Schweiz exportiert ­wesentlich mehr, als sie importiert. Dazu tragen in starkem Masse auch die Pharmaexporte bei.

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Rohstoffe: 1959 entdeckten die Niederlande eine der grössten Gasquellen der Welt. 

Quelle: Getty Images/iStockphoto

So wird der Exporterfolg zum Fluch

Boom In den 1960er Jahren wurden in den Niederlanden grosse Erdgasvorkommen entdeckt. Das Land setzte von nun an auf den Export des Rohstoffs und erzielte damit hohe Erlöse. Durch den Exportboom entstand ein Aussenhandelsüberschuss und durch die Deviseneinnahmen stieg die Nachfrage nach Gulden. Die Folge: Die Aufwertung der niederländischen Währung machte die Exporte teurer, andere Sektoren verloren an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Die Zentralbank senkte in der Folge die Leitzinsen, um die Währungsaufwertung einzudämmen. Daraufhin wurde jedoch weniger im Land investiert und somit künftiges Wachstumspotenzial gesenkt. Als die Gaspreise in den 1970ern fielen, geriet die Wirtschaft des Landes massiv unter Druck.

Dutch disease Den Begriff prägte der «Economist» 1977 in Bezug auf den Strukturwandel in den Niederlanden und dessen Folgen. Das Modell beschreibt die Deindustrialisierung eines Landes aufgrund starker Mittelzuflüsse aus dem Export einer Branche. Der höhere Wechselkurs wirkt sich auf die restliche Wirtschaft, insbesondere auf andere Exportbranchen, negativ aus.

Rohstoffe Für viele Länder sind Rohstoffe kein Segen, sondern ein Fluch. Viele erdölexportierende Länder leiden unter der Holländischen Krankheit. Norwegen hat seinen Nationalfonds 2017 angepasst, um die eigene Wirtschaft stärker zu diversifizieren.

Zudem wettert US-Präsident Donald Trump immer wieder gegen zu hohe ­Medikamentenpreise. Die hiesige Branche geriete unter grossen Druck, sollten die Preise in den USA gedeckelt werden – übrigens nicht nur ein Vorhaben Trumps, sondern schon lange ein wichtiges Politikum – auch für demokratische Präsidentschaftskandidaten.

Diversifizierung ist sinnvoll

Ab wann die Exportabhängigkeit von der Pharmaindustrie kritisch für die hie­sige Volkswirtschaft wird, ist schwer zu ­sagen. Andere Länder machen vor, wie dem entgegenzuwirken sei. In Norwegen zum Beispiel investiert ein Staatsfonds in andere Sektoren, um unabhängiger von Öl und Gas zu werden. «Es ist wichtig, mögliche Angriffe auf die Pharmabranche zu antizipieren. Einer zu starken Aufwertung des Frankens zur Stützung der Maschinenindustrie zu begegnen, kann durchaus sinnvoll sein.

So kann das Exportportfolio ausreichend diversifiziert werden», sagt Marc Brütsch, Chefökonom von Swiss Life. Patentschutz sei ebenfalls wichtig für Schweizer Pharmaunternehmen. Darum geht es etwa auch in Trumps Handelsstreit: China versucht, geistiges Eigentum zu unterwandern, die USA wehren sich – letztlich im Sinne der Schweiz.

Zweifelsohne hat die starke Pharmaindustrie viele Vorteile für die hiesige Wirtschaft. Doch gerät die Branche in Schwierigkeiten, kann dies die gesamte Wirtschaft in Schieflage bringen. Eine diversifizierte Volkswirtschaft hingegen ist stabiler – das ist gerade für die kleine, weltoffene Schweiz wichtig, um auch in Zukunft widerstandsfähig gegenüber Schocks zu sein und nachhaltiges Wachstum zu sichern.

Wie sich die Holländische Krankheit auskurieren lässt, zeigt das Beispiel des einstigen Schweizer Wirtschaftsmotors: Der Finanzsektor erwirtschaftete 2008 12 Prozent des BIP. Ein Klumpenrisiko, befürchteten viele Ökonomen. Die Folgen der Finanzkrise und das Ende des Bankgeheimnisses setzten dieser einseitigen Dominanz ein jähes Ende.