Der deutschen Industrie ist das Neugeschäft wegen der Corona-Krise in einem nie dagewesenen Tempo weggebrochen. Sie sammelte im März 15,6 Prozent weniger Aufträge ein als im Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilt. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der Statistik 1991.

Von Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Minus von 10 Prozent gerechnet. «Es ist von kräftigen Produktionsrückgängen ab März wegen Corona auszugehen», heisst es in der Mitteilung des Ministeriums.

«Der Tragödie erster Teil»

Ökonomen befürchten, dass es sogar noch schlimmer kommt. «Der März ist der Tragödie erster Teil», sagt DekaBank-Volkswirt Andreas Scheuerle. «Der Einbruch der Auftragseingänge zeigt die Wucht, mit der Corona auf die deutsche Industrie trifft. Und dennoch ist das erst die eine Hälfte der Wahrheit, denn zu dem Kollaps der Neuaufträge wird auch eine Welle von Auftragsstornierungen kommen.»

Die Bestellungen bei Investitionsgütern – etwa Fahrzeuge, Maschinen, Anlagen – brachen im März mit 22,6 Prozent überdurchschnittlich ein. «Das Epizentrum der Auftragsschwäche war die Automobilindustrie», sagte Scheuerle. «Keine andere Industrie-Branche war von den Produktionsstopps stärker betroffen.»

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Bei Vorleistungen gab es nur einen Rückgang um 7,5 Prozent, bei Konsumgütern sogar nur von 1,3 Prozent.

Besserung nicht vor Mai

«Das Tief kommt dann möglicherweise im April, dann dürfte auch die Konsumgüterindustrie den Einbruch zu spüren bekommen», erwartet LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch. «Eine Besserung ist nicht vor Mai zu erwarten, vorausgesetzt dass wir Lockerungen ohne erneutes Aufflammen der Pandemie sehen. Die Aufräumarbeiten werden die Wirtschaft noch Jahre beschäftigen.»

Die Aufträge aus dem Inland sanken im März um 14,8 Prozent zum Vormonat. Die Bestellungen aus dem Ausland gingen sogar um 16,1 Prozent zurück. Aktuelle Umfragen unter Industriebetrieben lassen nicht auf eine baldige Trendwende hoffen.

Droht zweite Welle der Kurzarbeit?

Das Geschäftsklima in der deutschen Industrie fiel im April auf den niedrigsten Wert seit März 2009, wie das Ifo-Institut ermittelte. Die Ausbreitung des Virus und die Massnahmen zur Eindämmung haben zuletzt Teile der Wirtschaft weitgehend lahmgelegt – auch weil Lieferketten unterbrochen wurden.

«Das Drama bei den Konjunkturdaten geht weiter», kommentiert Alexander Krüger, der Chefökonom des Bankhauses Lampe: «Die Corona-Krise hat dem Auftragseingang im März einen heftigen Schlag versetzt. Besserung ist für April nicht in Sicht. Wenn neue Aufträge fehlen, dürften Alt-Aufträge seit März vermehrt abgearbeitet worden sein. Fehlende Neu-Aufträge und sinkende Alt-Aufträge bedeuten aber einen merklich fallenden Auftragsbestand. Von dieser Seite droht daher eine zweite Welle bei der Kurzarbeit.»

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«Wieder einmal ist es schlimmer gekommen»

Und Jens-Oliver Niklasch von der LBBW meint: «Wieder einmal ist es schlimmer gekommen als erwartet. Man erkennt auch keinen Unterschied mehr zwischen In- und Ausland. Die hiesige Industrie hat es mit voller Wucht getroffen. Das Tief kommt dann möglicherweise im April, dann dürfte auch die Konsumgüterindustrie den Einbruch zu spüren bekommen. Eine Besserung ist nicht vor Mai zu erwarten, vorausgesetzt dass wir Lockerungen ohne erneutes Aufflammen der Pandemie sehen. Die Aufräumarbeiten werden die Wirtschaft noch Jahre beschäftigen.»
 

(Reuters — rap)

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